Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 3 (1926)
- Issue
- 7 (19.7.1926)
- Date
- 1926-07-19
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3970005-7569519-7569562--0385-3970359- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
reglauer emeinöeblatt Amtliches Blatt der Gynagogmgemelnde zu Breslau Schttstleitung: DerwaltungSdireftor Dr. Otatftrtfc, BreslaU. Wallstraße 9 I Druck und Anzeigen-Annahme: Druckerei TH^Schatzkg Aktiengeseilschast, Verlag: Büro der Sgnagogengemelnde, Breslau. Wallstr. 9 / Tel. 31.1612 | Breslau 3, Neue Staupenstraße Nr. 7 / Fernsprecher Ring &531 u. 8332 SUUrtdmferrU: 91c 6 geft». MIMmetcr-ÄOlc oder deren 7»oum 12 vfg. — Bet taufenden Aufträgen »aha««. ..... Fllr die unter dem Namen de« Verfasser« erscheinenden Artikel und die Dereinsnachrichten übjernehmen wir nur die preisegesetzllche Verantwortung 3. Ladrg. 19. 3utt 1926 7lr. 7 Gemein-ev^rtreter-Sitzung am 17. Juni 1926 Bericht von Dr. Rechnitz. , Protest gegen jbie Dtutschuldlüge. Die Sitzung hatte besondere Bedeutung wegen devvon allen Parteien eingebrachten Interpellation mit folgendem Wortlaut: ,Zst dein Vorstand bekannt, daß die judenfeindliche Presse den Breslauer Kindermord als sogenannten Ritualmord hinzuswllen sucht? Was gedenkt, der Vorstand im Interesse der Aufklärung zu tun?" Die zahlreich erschienenen Zuhörer befanden sich in verstündlicher Erregung. Der Vorstand hatte zu der Sitzung die hiesigen größeren Tageszeitungen eingeladen, die!auch Berichterstatter entsandt hatten. Leider gestattete der Mangel * an Platz nicht, auch die übrige Tagespresse und die! Wochenpresse einzuladen.!! I ustizrat Kalisch begründete die Interpellation: Gewissenlose antisemitische Zeitungen benutzen den leider noch nicht aufgeklärten Mord zu einer Ritualmordhehe, obgleich jeder Vernünftige weiß, daß es einen Ritualmord nicht gibt. Aus diesem ^Grunde wünschen die Parteien Aufklärung, was von Seiten des Vorstandes hiergegen getan worden ist. Ge hez imrat Goldfeld bedauert, daß der Täter immer noch! nicht bekannt sek. Roch schlimmer als die ruchlose! Tat ist die oamit verbunden^ Hetze einer gewissen Presse. Besonders erregt sei die Gemeinde darüber, daß die „Schlesische Zeitung" die Nachricht der antisemitischen „Schlesischen Volk»-j (timntfe" am Sonntag, den l3. Juni, gebracht habe, ohne Ab-! wehrstellung gegen das Ritualmordmärchen zu nehmen, viel-! mehr mit einer halb süßen, Halb sauren Miene erörtert habe. Die Aufregung über diese Hetze in der Gemeinde sei begreiflich. Am Freibftrger Bahnhof habe aus der amtlichen Bekanntmachung des Polizeipräsidiums mit Blaustift gestanden: Ritualmord eines ^Ostjuden! So weit sei die Verhetzung des Volkes! bereits gelungen. Der Vorstand habe sich am Tage daraus,, am MontaAmit dem Polizeipräsidenten in Verbindung gesetzt, nach dessen,Angaben nicht der geringste Anhalt dafür vorliege, daß der durch Selbstmord geendete jüdische Hausdiener Haase der Täter sfi, und die nötige Aufklärung an die Presse bereits gegeben fM^Da dennoch die Hetze nicht aufhörte, sei der Vorstand Normals am Mittwoch beim Polizeipräsidenten vorstellig geworden. Inzwischen sei nämlich durch Vernehmung des Brüdens des Haase im Gemeindebüro protokollarisch festgestellt worden, daß Haase schon vor der Zeit des Mordes n ein Ende gemacht hatte. Er sei Montag, den Oswitz aus dem Hasser gefischt worden. Rach ' Schiffer und des Polizeibeamten müsse seine stens zwei Tage, wahrscheinlich aber länger in egen haben. Er kann also den Mord am Sonn- 5. Juni, abends nicht ausgeführt haben und be- Montag, den 7. Juni, nicht die Leichenteile an ter des ermordeten Killder abgeschickt haben, barschen von der Person des Täters richtet sich, die Tn^Ws ^er Gemeinde dagegen, daß überhaupt von einem seinem Lei 7. Juni, Angabe« Leiche mi der Oder/, abend, de' sonders den G Ritualmord als einem möglichen Faktum gesprochen worden sej. Der Vorstand habe deshalb die Herren Gemeinderabbiner gebeten, über die Bedeutung des Blutes in der jüdischen Rellgion eine kurze Aufklärung zu geben. IustizratPeise r dankt dem.Vorstand für seine Bemühungen in dieser Sache und erteilt zunächst H e r r n^G e - meinderabbiner Dr. Hofsmann das Wort, der folgendes ausführt: ~ . Ich denke in diesem Augenblick zurück an das schöne Fest, weiches unsere Gemeinde am vergangenen Sonntag feierte. Wir begingen das 200 jährige Jubiläum unserer Krankenverpslegungsanjlalt und Leerdn gvngsgeselljchaft, die als Ehewra kadischa aus der Grundlage der Gemilus Ehajsodim, der reinsten und selbstlosesten Menschenliebe, auszcbaut wurde und in jahrhundertelanger Arbeit unser mustergültiges Krankenhaus als köstlichste Frucht getragen hat, eine Anstalt, deren Segen stets den Kranken und Leidenden aller Bekenntnisse zuteil wurde, welche, wahrend des Krieges Hunderte von Verwundeten vorbildlich gepflegt und noch heute 60% nichtjüdische Insassen zählt. An unserem Feste ncchnien teil die Vertreter der staatlichen und städtischen Behörden: der evangelischen und, katholischen Geistlichkeit, welche uns in warmen Morren beglückwünschten und diesen edelster Menschenliebe geweihten Tag als einen Lichtblick in trüber Zeit dezeichneten. In diese frohe Festesstimmung klang wie ein greller Mißton ein furchtbares Wort hinein, das Wort Ritualmord. Ein' entsetzliches Verbrechen war qn zwei unschuldigen Kindern begangen worden. Tie ganze .Stadt war in furchtbarer Aufregung. Man stichle den Unhold und fand ihn nicht. Da wurde mit der Tat ein armer Teufel jüdischen Glaubens in Zusammenhang gebracht, der ja, wie wohl heute Unzweifelhaft feststeht, im Augenblick der Tat schon tot in der Oder lag. Nicht das hätte uns erregt, wenn is uns auch tief beschämt hätte, daß ein Bekenner des Iudentunis eine so entsetzliche Tat hätte begehen töimen, sondern das grausige Wort, das dabei gebraucht wurde. Vor meinen Augen erhebt sich ein Schreckensbild» Dutzende von lodernden Scheiterhaufen, auf dcnen unter dieser Devise bis in die neue Zest hinein Hunderte von Juden unter den fürchterlichsten und unmenschlichsten Martern verbrannt wurden. Mit dem gleichen.Worte wurde noch >m 20. Jahrhundert Volksverhetzung. Plünderung, Verächtlichmachung des Judentums und seiner Lekenfter betrieben. Das Wort Ritualmord, im Zusammenhänge mit dem Judentum gebraucht. was bedeutet das? Der tapfere und gelehrte Professor Hermann Strack hat es treffend in dem Titel einer seiner Kampsbroschüren erklärt mit den Worten: „Die Juden, dürfen sie Verbrecher von Religionswegen genannt werden?" Es bedeutet Kannibalismus, von der Religion gefordert. Es bedeutet: Die jüdische Religion gebietet ihren Lckennern Menschenmord, ja Kindermord, um das Blut für irgendwelche dunkle, rituale Avecke zu verwenden. Diese furchtbare Anklage liegt in Dtm bloßen Wort. Man darf sich daher nicht wundern, wenn eine Religionsgemeinschaft, welche etwas auf ihre <Z^re hält, sich gegen solche Anklage zur Wehr setzt, daß sie sich solch hemttückische Angriffe auf ihre Ehre und ihr Heiligstes nicht gefallen läßt und daß ich als Rabbiner und geistlicher Vertreter des Judentums an dieser Stelle den schärfsten Protest gegen den Gebrauch dieses Wortes in Zusammenhang mit meinem Glauben vor der breitesten Oessentlichkeit erhebe. Sollte nicht gerade das Judentum am ehesten vor solchen Vorwürfen bewährt bleiben? Als von allen Völkern des Orients noch Menschenopfer gebracht wurden, da schreitet schon die jüdische Lehre mit der größten Energie und den schärfsten Strafen gegen diese Verirrung des menschlichen Geistes ein. Thora und Propheten wettern donuernd gegen den scheußlichen Molochdienst. Dem jüdischen Volke wurste durch seine Thora fast ein direkter Horror vor jedem Blutgenuß anerzogen. Da finden sich die peinlichsten und minutiösesten Vorschriften, um das Blut aus dem Fleisch zu entfernen. Jede Blutader, jeder Tropfen Blut macht das Fleisch oder selbst das Ei zum Genüsse verboten. Und da wagt man zu behaupten, di« jüdische Religion fordere Blutgenuhl Das Judentum hat eine besondere Ehrfurcht vor dem nrcn schlichen Leichnam. Sie gestattet selbst die Sektion nur unter besonderen Um».