Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 3 (1926)
- Issue
- 6 (17.6.1926)
- Date
- 1926-06-17
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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82 (8c(il««(t Itßsfche« Nr. 6 der Religionslehrer sei wiederum in Aussicht genommen. Der Verband stellt serner Ansprachen zur Verlesung in kleinen Gemeinden für sämtliche Festtag« zur Verfügung. Im Laufe des Geschäftsjahres sind Fragebogen an di« Anschlußgemeinden hinausgegangen, die um Angaben darüber baten, ob die Gemeinden feste Satzungen haben, ob die Gemeindeorgane miteinander arbeiten und ob alle Kinder Religionsunterricht genießen. ■ Dps Ergebnis war ein beftiedigendes. Der Bericht betont ferner, daß ihm nichts ferner liege, als Einmischung in die innere Verwaltung einer Gemeinde, daß seine Mitteilungen vielmehr nur als Vorschläge oder Ratschläge zu bewerten seien. Der Rechnungsabschluß des Vorjahres und der Haushaltsplan sür das neue Jahr beschließen den anregenden Verwaltungsbericht. Freundlich. Hauptversammlung des Provinzialverbandes für Schlesien und Dberfchlesien und der Breslauer Ovtsgrupp* de» jüdischen Frauenbundes am 20. und 21. Tlpril 1Y26 in Breslau - Um 4 Uhr nachmittag» begann (Schluß) die Hauptversammlung der Breslauer Ortsgruppen im kleinen Saale der Lessingloge. Frau BeateGuttmann eröfsnete die Versammlung, steltte fest, daß ße sotzungsgemäß einberufen worden war und begrüßt alle Anwesenden, insbesonders die Vertreterinnen der Provinzvereine, der angeschlosftsirn Vereine und der Logen. Sie gedachte dann der schwierigen Zeitverhältnisfe, die viele Familien auch des Mittelstandes in höchste Rot stürzen;' umsomehr erwächst uns die Pflicht, zu helfen. Demgegenüber ist mit Freude zu begrüßen, daß es dem jüdischen Frauenbund gelungen ist, alle seine Einrichtungen auftecht zu erhalten und sie weiter auszubauen- Ueber di« Arbeitsgebiete (Kleinkinderheim, Adoption und Pflegestellen, Kinderfürsorge, K-nderlandheim in Flinsberg, Mädchenklitb, Erholungsfürsorge, Bekämpfung der Tuberkulose, Jünglingsoerein) werden die verschiedenen Kommissionen selbst berichten. Ueber die Beratungsstelle, di« jeden Montag um 11 Uhr, vormittag im Bemeindevertretersaal der Synagogengemeinde tagt, gao die Rednerin selbst Bericht. Es geht daraus hervor, daß infolge der jetzigen Einrichtung des Wohlfahrtsamts der Gemeinde, die Zahl der Fälle abgenommen haben, aber sie sind viel schwieriger geworden, schon um der großen Wohnungsnot willen, die viel Elend und sittlich« Gefahren zeitigt. Die Eingaben an das Wohnungsamt sind leider fast immer erfolglos geblieben. 'Einige Damen besuchen regelmäßig die jüdischen Insassen der städtischen Anstalt in Herrnprotsch und erfüllen deren Wünsche, soweit es möglich ist. Gemeindeschwester und Jugendpflegerinnen arbeiten erfolgreich in der Beratungsstelle mit. Um uns einig« Mittel für unsere großen Ausgaben zu schaffen, wurde uns in dankenswerter Weise eine Billa zur Verfügung gestellt und dort von auserlesenen Kräften ein Konzert veranstaltet. In der interkonfessionellen Arbeit sind vied unserer Damen tätig, so in der Mittelstandsfürsorge, in der Hinterbliebenenfürsorge und im Wohlfahrtsamt der Stadt, wie wir auch in steter Verbindung mit der Zentrale kür Jugendfürsorge und der Schulpflege stehen. Wir sind ferner im Vorstand des schlesischen Hausfrauenbundes vertreten und arbeuen im Schiedsgericht für Haüsangestellte mit, wie wir auch im. Stadtbund für Fraueninteresien vertreten sind. An dem Müttertag. der am 9. Mai stattfindet, werden wir 100 Personen aus kinderreichen Familien speisen. Zum Schluß sprach Frau Beate Guttmann noch allen Helfern und Helferinnen den herzlichsten Dank aus, in erster Reihe den Behörden der Synagogengemeinde für di« tatkräftige Unterstützung, die der Bund bei ihnen findet, und erwähnte noch, daß zur Düsseldorfer „Gesvlei" Bilder von unseren Anstalten und eine Anzahl Stammbäume gesandt worden sind. Frau Meytrstein macht Mitteilung über das schone Kleinkinderheiib in Krietern, das die Schottländer'sche Familienstiftung zur Verfügung gestellt hat. Fräulein Teplitz leitet das Heim; ihr stehen. Helferinnen zur Sette. Die finanziellen Schwierigkeiten sind.nur durch Pflegschaften zu beseitigen. Auch viele Adoptionen sind vollzogen worden. Die Adoption und Pflegestelle hat ihre Zentrale in Düsseldorf, die es sich zur Aufgahe macht, für heimatlose Kinder Pflegestellen zu vermitteln. Daher wird der Vorschlag gemacht, in jedem Verein eine Vertrauensdame zu wählen, die sich dieser Sach« annimmt. Frau Vogel st ein berichtet über die Arbeit der Kinderfürsorge, die 450 Kinder und außerdem noch 70 gefährdete Kinder 30 Knaben, 40 Mädchen) betreut. Die sozialen Elemente werden von der Zacharias Franklloge beaufsichtigt. Die Jugendfürforgerin hat ihre «Sprechstunde, Wallstraße 9 von 11—12 Uhr. -,200 Kinder find bekleidet, viele gespeist worden im Verein mit anderen Organisationen. Im Landheifn in Flinsberg sind 200 Kinder gewesen. Augenblicklich sind dort voll der Provinz 20 Kinder untergebracht. Auch die Stadt hat dies wiederholt getan und zahlte den gleichen Beitrag, wie in ihren eigenen Heimen. Die Gemeinde hat Mk. 3600.— für die Unterbringung bedürftiger Kinder gezahlt. Ihr und den Aerzten, die den Kindern helfen, fei der wärmste Dank ausgesprochen. Wer helfen will, daß die Anstatt dauernd besteht, trete in den Verein für das Landheim in Flinsberg ein. Frau - Sänger berichtet über den Iünglingsv«rein, der feine Sitzungen in den Räumen der Religionsschule am Anger abhält. Trotz ungünstiger Finanzen besteht der Verein sett einem Jahr und hat 50 junge Leut« in seinen Zusammenkünften allabendlich von Montag bis Frettog vereinigt. Im Sommer waren Sportspiele, im Winter Museumsbesuche an der Tagesordnung. So ist aus der Fürsorge ein Verein geworden, der diese Jünglinge zusammenhäll. Frau Eassierer berichtet über die Fürsorge für tuberkulös Erkrankte. 10 Fälle sind mit Mk. 750.— unterstützt worden. Die Zentralstelle in Berlin hilft mit % der Kosten, die anderen */* müssen von Organisationen der Heimat aufgebracht werden. Die Aufgaben sind 1. die Kranken zu erfaßen, 2. sie zu heilen und 3. nachgehende Fürsorge zu üben. ,wie es die Erhnlungsfürsorge tut. Dann berichtet Frau Eassierer über den Mädchen klub, der im Winter 58 Mädchen umfaßte. Die beiden Leiterinnen Fräulein Hirschberg und Fräulein Stein erwarben sich das Vertrauen ber_ Mädchen, legen aber ihr jäätnt leider nieder. Die Leitung des Klubs übernimmt jetzt Frau DaNziger. Die finanziellen Schwierigkeiten sind groß; jedoch ist das Defizit gedeckt. Frau B i a l berichtet über dir E r h o l u n g s f ü r s o r g e und den Rentnerinnenbund. Die Arbeit widmet sich den Damen des Mittelstands^ die früher anderen geholfen haben. Dreimal wöchentlich finden im Mädchenklub die Zusammenkünfte statt und verlaufen stets sehr harmonisch. Meist sind 35—40 Damen zugegen. Die Helferinnen, die in der städtischen Wittclstandskommission arbeiten, haben Sprechstunden eingerichtet, um den Klubmitgliedern zu ihren, Rechte zu verhelfen, betreffend Erlangung von Rente oder Herabminderung von Hauszinssteuer. Die jüdischen Feste werden gefeiert und so jüdischer Geist verbreitet. Ena schließt sich die Erholungsfürsorge an, die erwerbstätige Mädchen und Frauen wieder arbeitsfähig machen will. In das Warmbrunner Kurhospital dürfen 20 Frauen geschickt werden, Preis für Aufenthalt, Kur und Arzt Mk. 4.— täglich. Auch nach Flinsberg in das Landheim werden vom 21. Mai bis 30. Juni ungefähr 52 Frauen geschickt werden, zumeist ttagen sie die Kosten allein. Jin vorigen Jahr sind 75 Damen fortgesckickt worden. Es sollen aber nicht nur Kranke, sondern auch Gesunde fortgesandt werden, die einige Zeit Sonne und Licht brauchen. Hoffentlich gelingt es auch diesmal das nötige Geld zu erhalten. Frau Malachowsky berichtet über die Beteiligung des jüdischenFrauenbundes im Schlesischen Hausfrauenbund und über die Arbeit int Schiedsgericht für Haushaltungen und Hausangestellte. Frau Engel gab alsdann den Kassenbericht. Die Mitgliederzohl beträgt z. Zt. nur 700 (gegen 800 im Vorjahr). Die Kasse weist ein Defizit auf, das jedoch aus dem vorjährigen Bestand gedeckt ist. Ein Etat für das lausende Jahr zeigt Einnahmen von Mk. 10 000.—, Ausgaben von fast Mk. 12000.—. Es werden also Mk. 2 000 fehlen, zu deren Deckung alle Anwesenden versuchen müßten, mindestens ein neues Mitglied und auch Spenden zu gewinnen. Die Kasse ist geprüft und als richtig befunden worden. Entlastung wird erteilt. Nachdem Frau Beate Guttmann eine Depesche an die in Köln weilende 2. Vorsitzende Frau Paula Ollendorfs zur Kenntnis gebracht hat, verliest sie die Namen des zur Wahl stehenden Vorstands. Auf Anttag aus der Versammlung wird Wiederwahl durch Zuruf beschlossen. Der Vorstand besteht also aus den Damen; Grete Bial, Martha Braß, Lisbet Eassierer, Johanna Cohn, Hedwig Engel, Paula Freund, Beate Guttmann, Julie Hentschel, Bertha Kamin, Cäcilie Landsberg, Hedwig Malachowsky, Martha Meyerstein, Paula Ollendorfs, Hulda Sänger, Anni Simonsohn, Clara Schottländer, Rosa Urbach, Emmy Dogelstein. Nach Erledigung der Wahl wurden noch einige Anregungen besprochen. Besonders wurde die Errichtung einer staatlich anerkannten Haushaltungsschule in Breslau gewünscht und beschlossen, die Sache in. Äuge zu behalten. Um 6H Uhr wurde die Sitzung von der Vorsitzenden geschlossen. Rosa Urbach. Breslauer jüdische Freiwillige im Befreiungskriege.*) Zum Andenken an die jüdischen Freiwilligen aus Breslau, die in der Schlacht bei Gr. Görschen am 2. Mai 1813 den Heldentod fürs Vaterland erlitten haben, nämlich den wegen Tapferkeit vor dem Feinde zum Leutnant beförderten Meyer Hilsbach, Ritter des Eisernen Kreuzes, den Jäger Lazarus Zülchauer vom Königl. Leib-^Grenadier-Batl. und den Jäger Julius Burgheim vom Königl. Garde-Iäger-Datl. befand sich Jahrzehnte hindurch eine Ehrentafel in der Alten Synagoge. Diese altehrwürdige Gedenktafel, die auf der Iahrhundertausstellung in Breslau 1913 ausgestellt war, ist leider während der Kriegszeit in Verlust geraten. Nachdem der Vorstand während der Inflationszeit die Wiederherstellung wiederholt aber vergeblich in Angriff genommen hatte, ist auf eine Anregung der hiesigen Ortsgruppe des Reichsbunde» jüdischer Frontsoldaten nunmehr von der Gemeinde die Tafel erneuert und auf dem alten Platze in der Alten Synagoge wieder angebracht worden. Die jetzige Tafel ist genau der alten, die zum Glück auf der Jahrhundert-Ausstellung photographier! worden war, von der Firma Ignatz Walsch, Atelier fiir Wohnungseinrichtung und Innenarchitektur, nachgebildet-worden. *) Vergk. Michael Fraenkel: Der Anteil der jüdischen Freiwilligen im Befreiungskriege 1813/14; Sonderabdruck aus ,Lüd. Volkszcilung'. Jahrgang 29. Nr. 2—9.