Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 3 (1926)
- Issue
- 4 (19.4.1926)
- Date
- 1926-04-19
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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I BreSlauet Schrtftlettung: Verwaltungsviren Verlag: Büro der Sgnagogengervielni ainzit >l miiiinmiuiiilmnmimmiiimuimmemimüiimimmit Für die unter dem Namen de« "Serfoffer« erscheinenden Artikel und die Derein«nachrichten vbemehmen wir nur die preffegesetzNche Verantwortung Blatt der Gynagogengemeinde zu Breslau 0r. Rechnitz. Breslau. Wallftratze 9 I Druck und Anzeigen-Hlnpahme: Druckerei Th. Srhatzkg Aktiengesellschaft, de. Breslau. Wallstr. 9 / Tel. R. 1612 I Breslau Z, Reue Sraupenstrahe R^ 7 / Fernsprecher Ring 8331 u. 8332 tnJjrrW: Dt, 6 gisp. 2RUnmMT-3dI, o#«r tim CRaum 11 vig. — 3M lai^CTi&m Aufträgen Rabatt. iMmuiuuuwwiimiiinnuiiiuinminiiiHiiiiiiiiiiinuiiMUHiiiiiiiHMiHiuiHniiuiniiiuHttiiiiHiinmiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiniHiiHHiiiiiiuiiiinmimiimi ,3. Lohra. 19. April 1926 9tr.4 Breslauer Erinnerungen (Aus der Mitte de r vorigen Jahrhunderts.) Bon > . K a st a n. Mit liebenswürd ger Erlaubnis des bekannten Verfassers und des Verein» fü r jüd. Geschichte und Literatur bringen wir nachstehenden llufsatz. der cÜlseitiges Interesse finden dürste. Er ist ab >edruckt aus dem Jahrbuch 1925 des Vereins f. Geschichte und Literatur (Verlag M. Poppelauer. Berlin C 2, Neu Friedrichstratze Nr. 59), das wegen seiner wertvollen wissenschaftlichen Aufsäsje, seiner würdigen Ausstattung und se nes wohlfeilen Preises von 2,50 Mk. wann empfohlen w:rden kann. Die Schristleitung. Um die Mitte des vor gen Jahrhunderts verlegte mein Batet feinen Wohnsitz von Hempen nach Breslau. Den Eindruck, den die schlesische Hauptstadt auf das Gemüt des zum Jüngling heranreifenden Kr oben machen mußte, ausführlich zu schildern, liegt nicht in meiner Absicht Es kommt für mich nicht in Betracht, hier mein, .Erinnerungen niederzuschreiben, als vielmehr die-damallgen Z ltpände in her jüdischen Gemeinde Breslaus möglichst naturgetreu zu schildern. Freilich darf ich dabei nicht verhehlen, daß ich lediglich auf mein Gedächtnis an« gewiesen bin. Es ist indeffm glücklicherweise noch so zuverlässig. daß ich hoffen kann, m ch von der Wirklichkeit nicht allzusehr zu entfernen. Nur Eires sei im voraus bemerkt: auf meinen eigenen Entwicklungsgang hatte der Ortsrbechsel an und für sich nicht den allermindesten Einfluß. Der in Kempen begonnene Unterricht, sowohl der talmudische, wie der sonstige, wurde unmittelbar nach der Uebetsiedelung in Breslau fortgesetzt. Nur die Szene sozü agen, war verändert. Diese Veränderung jedoch war eine in jedem Betracht recht; gründliche. Und nun, nach dieser kurzen Borbemerkung: zur Sache. Ein Oheim mütterlicher eits hatte sich schon! einige Jahre vor unserem Ortswechsel in Breslau niedergelassen und dort die jüngste Tochter des Di hernfurther Rabbiiters Falk geheiratet. Unmittelbar, nach unserem Eintreffesi in der genannten Stadt wurde ich b< Hufs Fortsetzung meiner talmudischen Studien seinem Schwager, dem Dajan (Mitglied des Rabbinats) Reb Falek zugef ihrt, der niich mit einer mir überraschenden Freundlichkeit au nahm. Er fragte mich nach meiner bisherigen talmudischen Besc )äftigung. Ich antryortete, daß ich ausschließlich mit dem Jnha te der drei „Babas" (Privatrecht) bekanntgemacht wurde. Er chien darüber erstaunt zu sein. Er meinte, ich müßte nun hauptsächlich mit den auf die eigentlichen Ritualien bezüglichen Talmi dtraktaten bekanntgemacht werden. In diesem Sinne wurde nu l der Unterricht bei ihm begonnen und einige Jahre fortgesetz t Ich will über bun Unterschied zwischen seiner und der Ken pener Lehrmethode liier kein Won verlieren; doch kann ich nicht verschweigen, daß mir die neue Weise sehr wenig zusagte uid mir den Geschmack an den talmudischen Studien gar bald verdarb. Da ich sein einziger Schüler war, konnte es indessen nicht ausble den, daß sich zwischen meinem Lehrer und mir eine gewifle Vertraulichkeit herstellte, so daß ich bereits nach kurzer Zeit in seine Familie eingeführt wurde. Und not!) heute, nach fast siel »einzig Jahren, denke ich mit einer gewisien Freudigkeit an die in seinem Hause verlebten Sabbat-Nachmittage. Bei diesen Schulosch-Sudos- Gesprächen, der üblichen dritten Sabbat-Mahlzeit, lernte ich nach und nach fast alle die zahlreichen Mitglieder der Familie des Dyhernfurther Rabbi kennen, die sämtlich in Breslau ansässig waren. Diese Familien der vier Brüder.Falk und deren Schwäger- Familien bildeten innerhalb der damaligen Breslauer Iudenheit eine festumfriedete^Gemeinschaft, eine Art Merkwürdigkeit, wenn man will, so etwas wie ein kulturgeschichtliches Ueberbleibsel aus einer längst verklungenen Vergangenheit. Sie waren abgefchlosien, auf sich selbst zurückgezogen, ganz besonders die älteren Mitglieder, völlig unberührt-geblieben von den Einflüssen ihrer Umgebung. Kein Hauch detz neuen Zeitgeistes war in ihre Wohnungen gedrüngen. Um ein Beispiel anzuführen: Aus der ganzen neueren Geschichte waren ihnen die Namen „Älter Fritz". Blücher, den sie jedoch beharrlich „Blüchert" ausjsprachen, Napoleon und Kaiser Nikolaus geläufig. Auch von der Leipziger Völkerschlacht hatten sie eine dunkle Künde erlangt. Sonst wußten sie tatsächlich von keinem geschichtlichen Ereignis, das sich jenseits der Revolution des Jahres 1848 abgespielt hatte. Don jüdischen Gelehrten, die sich in der Welt ein großes Ansehen erworben, war ihnen lediglich Moses Mendelssohn bekannt, den sie zumeist als Mosche Deffau (aus Desiau) bözeichneten. Daß diesen Einfältigen im Geiste dessen deutsche Pentateuchübersetzung, „der Tatsch" (Deutsch) als ein ketzerisches Unterfangen galt, kann nicht weiter Wunder nehmen. Auch mit der Kenntnis des jüdischest Schrifttums selbst war es bei ihnen übel genug bestellt. Don einer methodischen Erfassung des Talmuds, seiner Entstehungsgeschichte war auch entfernt nicht dijr Rede. Von der großartigen literarischen Entwicklung der spijmisch-arabischen Juden hotten sie auch nicht die leiseste Ahnung.; Lediglich die Namen Rambam (Maimonides) und Jbn Esra waren ihnen geläufig. Aus früherer Zeit trat selbstverständlich Raschi in den Vordergrund, nicht sowohl als der unentbehrliche Erklärer des Pentateuchs sowie der anderen biblischen Schriften, als vielmehr der des Talmuds. Dagegen hantierten sie beständig mit Rabbi Josef Karo, mit dem „R.I.ha-Kodesch" (Isaak Lurje), ferner mit dem Ramo, und aus der neuestest Zeit standen bei ihnen in höchster Verehrung Rabbi Eliah aus Wilna, kurzweg der Gaon (Guen) genannt und der Posenet Rabbi Akiba Eger (Reb Kiewe Elger). Ihre gesamte Kenntnis der nichtjüdischen Geschichte läßt sich in di« zwei Namen zusammenfasten: „Sander Mückdan", darunter verbirgt sich Alexander der Mazedonier, und „Tittes (Titus) der Rosche". y - j " askreis dieser Männer beschaffen, össilien Enterben Lebenden ihrer "rt ehrwürdig. Bis in die allerbesten hinein, hielten an den Mit Ausnahme meines Lehrers, So war der geistige Gesi Sie wunderten gleichsam als Zeit — und dennoch in ihrer geringfügigsten Lebensgewoh urväterlichen Bräuchen fest des Dajan, trieben die übrigen Brüder damals einen Lederhandel, der ihnen jedoch Zeit genug ließ, um ihren talmudischen Studien eifrig Nachzugehen. Denn diese Beschäftigung galt