Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 2 (1925)
- Issue
- 4 (28.4.1925)
- Date
- 1925-04-28
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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56 Nr. 4 Breslauer Jüdisches Semeindeblatt eine« Vertreter zuzubilligcn. Er würde es bedauern, wenn die Ver« sammlung hiervon abwiche und der Minderheit zwei liberale Vertreter aufyvingen würde.! Justizrat Kalisch bezeichnet diese Ausführungen als unrichtige Die konservative und die zionistisch« Partei sind bei. der Wahl zur Landesversammlung getrennte, sich heftig befehdende Parteien gewesen. An dieser für die Landcsversammlung maßgebenden Parteistellung ändere sich nichts, wenn in Breslau für einen einzelnen Beschluß di« , beiden Parteien Zusammengehen. Die Wähler von Breslau würden es nicht verstehen, wenn bei der überwältigende«, Majorität de« Liberalen gegenüber jeder der Minderheitsparteien eins der beiden RatSmikglieder aus einer der MinderheitSparteieu entnommen würde. Run wären allerdings die MinderheitSparteien nach ihrer Erklärung zufrieden, wenn sie einen Stellvertreter stellen könnten. Das sei aber unlogisch und unmöglich. Denn der Stellvertreter müffe derselben Partei angeboren wie das Mitglied, wenn nicht durch eine zufällig« Behinderung «in anderes Stimmenverhältnis entstehen soll. Di« Abstimmung ergibt von 20 abgegebenen Stimmen: für Gebeimrat Goldfeld .... 20 Stimmen - Justizrat Peiser.14 - Dozent Dr. Rabin .... 6 - > j Die beiden Erstgenannten sind daber gewählt. Rechtsanwalt Jacobsohn beantragt nunmehr Stellvertreter zu wählen. Justizrat Kalisch wendet sich gegen diesen Antrag. Stellvertreter könnten im Bedarfsfall« jederzeit gewählt werden. Ueberdies müffe es der Minderheit nur angenehm fein, wenn die im Herbst neugrwählte Repräsentantenversamml»ng die Stellvertreter wähle. Rechtsanwalt Jacobsohn ist der Ansicht, daß die Vertreter innerhalb der Wahlfrist für die Mitglieder zu wählen seien. Die Wahl von Stellvertretern sei der liberalen Fraktion nur deswegen unangenehm, weil nach dem Verhältniewahlrecht der dritte Sitz den Zionisten gehör«. (Zuruf: Es gibt doch nur zwei Sitze!) Ich kann aber verraten, daß wir für diesen Sitz nicht einen Zionisten, sondern Dr. Schlesinger vorschlagen. Denn die zionistische Partei kennt im' Gegensatz zu der liberalen den Grundsatz der Gerechtigkeit. Di« Einrichtung der Stellvertreter sei getroffen, damrt der Rat stets vollzählig'fei. Das liegt im Jntereffe des Landesverbandes und dieses ' Interesse verletzt die liberale Fraktion bewußt. (Zuruf: unerhört!)! Der Vorsitzende verliest eine Auskunft des Preußischen Landesverbandes^ die entgegen der Ansicht von Rechteanwalt Jacobsohn die sofortige Wahl von Stellvertretern nicht für vorgeschriebcn hält. Rach längeren Ausführungen von Vertretern aller Parteien1 wird der Antrag Jacobsohn, Stellvertreter zu wählen, mit 14 gegen, 6 Stimmen abgelebnt. Den gefaßten Beschlüffen muß zur Wirksamkeit der Vorstand j erst noch beitrcten. Der nächste Punkt, Antrag Jacobsohn, für die kercn hajesoth einen Beitrag zu bewilligen, ruft eine noch viel längere Aussprache hervor. Zur Begründung seines Antrages verbreitet sich Rechtsanwalt Jacobsobn eingehend über Aufgabe, Zweck und Satzung des kercn i bajesotl» und über seine bisherigen Leistungen für- -den Aufbau ' Palästinas. Er legt dar, daß der keren hajcsorh keine zionistische . Institution sei, sondern ' eine a^emein-jüdische, wie der Aufbau | , Palästinas selbst. Eine Svnaqogsngemcind« habe die Pflicht, sich nicht bloß um die Dinge in der figenen Stadt zu kümmern, sondern i auch um die des allgemeinen Judentums, wie dies in vielen Fällen ■ geschieht. Deshalb muß auch die Gemeinde für den kercn hajesoth^ eintretcn und kräftig Mitarbeiten an dem Werk von allen Juden und für glle Juden. > e Herr Wilhelm hält die Angelegenheit ecn^c eingehenden Aussprach« für.würdig. Wenn wir Gewaltpolitiker wären, so würden wir den Antrag Jacobsohn einfach niederstimmen. Man kann sich nicht vorstellen, daß der k. b.'eine neutrale Angelegenheit sei, vielmehr vertrete er und seine Freunde den Standpunkt, daß die zionistische Sache in Deutschland ohne das Agitationsmittcl des k. d. keinen Bode» hätte. Wenn einzelne nichtzioniftifch« Männer dem k. h. angehören, so verschwänden diese wenigen gegenüber der großen Anzahl, die ihn ablehnen. Redner erörtert nunmehr eingehend dir Möglichj J feit und Zweckmäßigkeit eines Aufbaus Palästinas. Nach seiner Ansicht wird ein neues Prögromländ geschaffen, und den Juden, die man dorthin bringt, wird kein guter Dienst erwiesen. Die Gelder, die man hierfür bewilligt, kommen letzten Endes einer englischen Kolonie und einer bestimmten Parteirichtu»g unter den Juden zugute. Hierfür dürfe die Gemeind« die Gelder ihrer Steuerzahler nicht verwenden. Redner verweist auf die furchtbare Rot, in der sich eine große Anzahl Mitglieder der Gemeinde und alle ihre wohltätigen und gemeinnützigen Vereine und Anstalten befinden. Anstatt des zweifelhaften Unternehmens, eine jüdische Kultur in Palästina zu schaffen, solle man lieber die deutsch« Kultur unter den Juden vertiefen, der wir alles zu verdanken haben. IR. Kalisch sieht den springenden Punkt darin, daß der k. h. eine „nationale" Heimstätte gründen will. DerlAntragsteller mag überzeugt sein, daß dies zum Wohld der Judcnheit fei. Er selbst und seine Freunde seien anderer Ansicht. Die zionistische Propaganda habe unter unserer Jugend großen j Schaden angeriichtct, weil sie diese entzweit und abgewendct habe vv» den Aufgaben und Ideen des deutschen Vaterlandes. Er bittet daher den Antrag Jacobsohn abznlehncn, ganz abgesehen davon, daß der.vorgeschlagene Betrag von,3000 Mark ohne Bedeutung für den Aufbaufond sei. Dr. Schlesinger erklärt, er und seine Freunde werden für den Antrag stimmen, weil der k. h. nicht eine zionistische, sondern eine allgemein-jüdische Angelegenheit sei. Sollten die 5000 Mark zu wenig sein, so würde der k. b. auch mehr nehmen. IR. Breslauer unterzieht die einzelnen Bestimmungen der Satzungen des k. b. einer kritischen Würdigung daraufhin, daß der zionistische Einfluß bestimmend ist. Solange die Zionisten allein genügend Mittel aufgebracht haben, habe kein Zionist daran gedacht, den k. b. als eine allgemein-jüdische Angelegenheit hinzustellen. Palästina sei eine englische Kolonie und di« dortigen Juden werden einst englische Soldatek werden. Dafür dürfe in Deutschland kein Geld bewilligt werden. <\ H. Kober erklärt kein Aionist zu sein, hält aber den Aufbau für ein« al^gemein-jüdische Angelegenheit, weil dort Wohnstätten für heimatlose und erwerbslose Juden geschaffen werden, und tritt für den Antrag Jacobsohn ein. ' Dr. Schachtel weist darauf bin, daß die amtlichen deutschen Stellen (Reichspräsident (£(>*«, Reichstagepräsident Löbe, Reichsaußenminister Stresemann ü. a.) großes Jntereffe an dem Aufbau von Palästina nehmen. Man müffe für die vertriebenen Juden von Polen'und Litauen Heimstätten schaffen. Hierfür bleibe nur Palästina übrig. Allenfalls bleibe npch eine schwache Hoffnung auf Mexiko. Die Nationalität in Palästina werde die palästinensische sein. Die Frage sei noch nicht qekläöt. In der ganzen Welt, selbst in der „Times", werde betont, die Juden könnten stolz sein auf die in Palästina geleistete praktische Aufbauarbeit. Welle sich da die Gemeinde Breslau wirklich ansschließen? IR. Hausmann legt dar, daß wir mit dem Gelde nicht arme Glaubensgcnoffen retten, sondern dem Zionismus Vorspann leisten, und das gebe gegen das deutsche Empfinden. Solange ihm nicht das Gegenteil nackqewiescn werde, müffe er den Antrag Jacobsobn ablehnen.' RA. Jacobsobn wendet sich «n seinem Schlußwort gegen die Ausführungen der Gegner: Er erklärt näher die Bedeutung des englischen Ausdrucks „national Home". Die Herren dürsten ihre Information nicht aus den Berichten der Breslauer Zeitung nehmen, die von einer gewiffen Gehässigkeit gegen den Zionismus beeinflußt sind, wie er Nachweise» köjme. Der Vorsitzende schreitet hierauf zur Abstimmung: Der Antrag Jacobsohn wird abqelehnt.i Ee folgt hierauf die Interpellation Kalisch und Genossen wegen der Wählerlisten zum Preußischen LaNdrSverband. IR. Kalisch bringt tur Begründung eine Anzahl Mängel zur Sprache. 1 1 - Geb. Goldfeld giit zu, daß einzelne Liste» AuSlaffungen aufwiesen, aber der Umfing! werde stark übertrieben. Eine Anzahl Wähler habe, wie nachträglich festgestellt wurde, tatsächlich in den Listen gestanden und sdi bloß nicht von den Wahlvorständen wegen