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Jüdischer Bote vom Rhein · 1922-07-18 · 168 (18.7.1922) · p. Seite 258

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
4 (1922)
Issue
168 (18.7.1922)
Date
1922-07-18
Page
Seite 258 (sequence 2)
Language
German
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worfen wurden, da war es, als wenn ein Joch brach. Aber cs war dos hölzerne Joch Jeremias, das siel. Heule tränen wir das eiserne eincs viel starreren Dogmas: Das ist dar Dogma eines religivnsphilosophisch ethischen Systems, das wir uns eingeschnürt in die spanischen Stiesel der Be. grisilichkeit als Religion aujujclxn lagen und ats Judentum hinnehmen. Dieser resormerische Talmudismus must fallen. Er must^ damit das Judentum nicht nur seine Rcj'orm, sondern seine Resormatton erlebe. '* Das Judentum must wieder slüssig werden. Erlebnis ist Bewegung. Und Bewegung, das ist Religion. Erlebnis ist Schöpfung. Und schöpferisch soll Israel wieder werden. Das ist die Reformation, die ich will. Erlebnis ist Bewegung, und Bewegung ist Religion. Ein ewiges Ringen, Suchen, Tasten, Finden und wieder Verlieren und wieder Gewinnen. Religion ist nie zu Ende. Immer wieder neu. Ihre Erschütterungen sind ihr Leben. So erlebten die Propheten, die Psalmisten ihre Re-igion. Da war nichts Rcalcs um sie herum, das sie nicht in den Strom ihrer Seele hincinrisicn. Sic lebten Natur, lebten ihr Volk, lebten seine Geschichte. Mit allen Sinnen und allen S\räftcnv Wo ist heule der Jude, dem das, was Israel erlebt, persönlichstes Erlebnis ist? Der in der Geschichte seines Volles die Geschichte seiner Seele fühlt? Und in den Hofsnungcn Judas seine Hoffnungen? Es könnte ihn geben. Aber ein Hemmnis ist da: Das liberale Judentum kennt kein Israel mehr, sondern nur eine mosaische Konfession, leine Geschichte des jüdischen Volkes, sondern nur cine'Gesch.ichle der israelitischen Glaubenslehre. Volk und Ge schichte wurden dem Moloch Gleichberechtigung geopfert. Der moderne Jude erlebt seine innersten Erlebnisse nicht im Judentum, sondern abseits vom Judentum. Erst wenn Israel als Volk wieder ein religiöser Wert wird geworden sein, wird dem Juden seine Religion wieder Erleben werden können. Erlebnis aber ist auch Schöpfung. Und schöpferisch soll Israel wieder werden. Aus den Erlebnisien der Pro» phclen sprang unbewusst aber notwendig ihr sittliches Werk. Sie, die die Knochen Israels watsen, mit-denen dieses Volk das Wetter spürte, die Schwüle, den nahenden Sturm, den schlagenden Blitz, sic waren auch das Mark des Volkes, das Hirn, das imstande war, die Gedanken einer Nation, ja. einer Welt zu denken. So schufen sie den ethischen Univcrsalismus, ober bester, sic lebten ihn uns vor und wurden durch ihr Leben Schöpfer der höchsten Mensch - hcitsgedanken. ■ Israel soll wieder schöpferisch werden, so wie cs in seinen Propheten schöpferisch war. Das würde für mich Anknüpfung an die Propheten, Reduktion, Selbstbesinnung, Resormation bedeuten. Wem solcher Gedanke neu ist, er mag wohl glauben, er sei einer ungeheuerlichen Phantasie entsprungen. Aber der Gedanke ist nicht neu, sondern uralt. So alt, wie unsere Zerstreuung über die Erde. Es ist der Zivnsgedankc, der Gedanke, Israel wieder auszubaucn aus eigenem Boden. Auf dem eigenen Boden, der allein ihm die schöpferische Kraft wiedergcben kann. Der Gedanke Kat heute seine Form im sogenannten Zionismus gefunden, einer Bewegung, die, ihrem Programm nach politisch ist und jede Anteilnahme am religiösen Leben Israels abgelehnt hat. Das ändert aber nichts daran, dast diese Bewegung religiös ist im tiefsten Sinne des Wortes. Ick habe das moderne liberale Judentum trotz seiner ethischen Ideale eine Tachlisreligion genannt und habe gesagt, warum. Iesst nenne ich den Zionismus trotz seiner Ablehnung religiöser Arbeit ein ewig religiöses Ideal. Penn so must man sagen: Die Ideale, die einer hat, erweisen unter Umständen seinen brutalen Materialismus. Aber es gibt auch eine materielle Praris, die Zeugnis ablegt für den höchsten Idealismus. Jeder Fustbreit Landes, der in Palästina beackert wird von den Händen des jüdischen Bauern, ist ein Stück der grostcn Erneuerung unserer Religion, an die ich glaube mit der Kraft meiner Seele. Es sind Lucherthejcn, die der Pflug des jüdischen Kolonisten in die Ebene von Ierichvw schreibt. Ob wirs erleben, c v nicht, was tut cs? Wenn wir nur die feurige Wahrheii scsthglten und vererben, dast die Heimkehr allein die Erneuerung unserer Religion bedeutet. Emil Cohn. Wochenschau Deutschland. Berlin. Die Sammlung „Jüdische Kinderhilfe", die seit mehr als einem Jahre von der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden veranstaltet worden war, hat nun ihren vorläufigen Abschlust gefunden. Es sind im Reiche im ganzen direkt für die „Kinderhilfe" etwa 3,5 Millionen Mark aufgebracht worden, ein Betrag, der sich auf etwa 5 Millionen dadurch erhöht, dast gleichzeitig, angeregt durch diese Aktion, in den einzelnen Orten noch besondere Sammlunge» für jüdische Kinderhilfseinrichtungen stattgefunden haben. Berlin. Am Mittwoch, 16. August veranstaltete die Berliner Zionistische Vereinigung im Blüthner-Saal eine groste öffentliche Kundgebung anlästlich der Ratifikation des Palästina-Mandates durch den Völkerbund. Neben Rechtsanwalt Rosenblüth Dr. Hantke und Dr. Schmarja L e w i n sprachen Nahum So k o l o w der Präsident der Zionistischen Weltexekutivn, über die Verhandlungen, die zur aktiven Förderung der jüdischen Heimstättenpvlitik durch die Vereinigten Staaten geführt haben. Berlin. Am 4. August ist in Berlin der groste hebräische Dichter und Publizist David Frischmann im Alter von 57 Jahren verstorben. Sein Schaffen ist nicht allein durch Werke hoher dichterischer Begabung ausgezeichnet, sondern auch du.ch eine lange Reihe meisterhafter Uebersehungen von Merken tzkr Weltliteratur, durch die er dir hebräische Literatur hervorragend bereichert hat. Berlin. Die Obmänner der Bar-Kochba-Organisationen in Deutschland treten am 3. September zu einer Tagung in München zusammen. Gleichzeitig findet dort ein grostcs Sportjest statt. Fankfurt a. M. Zum Nachfolger des vor einigen Monaten verstorbenen Rabbiners Dr. N. A. Nobel wurde der Oberrabiner von Prag, Dr. Heinrich Brody, gewählt. Dr. Brody hat sich als geistiger Führer der altehrwürdigen Gemeinde Prag und als Verfasser mehrerer literaturhistorischcr Werke einen bedeutenden Namen erworben. Dem Vernehmen nach wird er der Berufung der Gemeinde Frankfurt auf den Sitz ihres konservativen Rabbinats Folge leisten. ' Litauen. . Paris. Das Komitee der jüdischen Delegation in Patis erhielt -öon Dr. S o l o w e i t s eh i k, Minister der jüdischen Angelegenheiten Litauens, die telegraphische Mitteilung, dast der litauische Sejm in Kowno in dritter Lesung die Einführung der jüdischen Autonomie in Litauen sanktioniert hat. Polen. Warschau. Aus Gnesen kommen alarmierende Nach- Nichten über die verstärkte antijüdische Agitation, die sich unter den Augen der Behörde entwickelt, ohne dast etwas zu ihrer Ablenkung geschieht. In den Restaurants und Kaffeehäusern kleben Zettel „Juden ist der Eintritt verboten", und auch an den Auslagen der Kaufhäuser bemerkt man Aufschriften wie: „Jude — Bolschewik!", „Wehe den Juden?" usw. Die Juden von Gnesen erhalten anonyme Drohbriefe, in denrn ihnen nahegelegt wird, die Stadt binnen 15 bis 24 Stunden zu verlassen. Der hiesige Nationalrat erhielt von der Gneser jüdischen Kultusgemeinde eine Bitte um Intervention bei den polnischen Behörden,

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