Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- 154 (12.5.1922)
- Date
- 1922-05-12
- Page
- Seite 146 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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146 Wochenschau Jcuiid'.lu'ii'. Berlin. (H. E. B> Am vorvcrgangcncn Dienstag jand im ehemaligen preustiseken Herrenhause eine vom Reichsbund jüdischer Frontsoldaten einberufcnc Versammlung Mt, in bei Oberstleutnant von Albert (Gotha) das Hauptrcscrat kielt. Vom Acichstvchrminislerium waren zwei offizielle Vertreter erschienen. Vor den Eingängen zum Saal und aus den Treppen hatten sich eine groste Anzahl deutsch-völkischer Demonstranten eingesunden, welche die Versammlungsteilnehmer beschimpften und den Versuch machten, in den Saal cinzudringen und die Versammlung zu stören. Hcibcigcrusene Schutzpolizisten stellten die Ordnung her. Oberstleutnant von Albert sprach über das Rastenproblem in ^Deutschland und wies nach, dast der jüdische Einschlag im deutschen Voll ein sehr starker sei. Eine RciKc deutscher Heerführer des lebten Krieges, darunter einer der gröstten, waren zweifellos jüdischer Abstammung. Der Redner sprach dann über die das deutsche Volk schädigende antisemitische Propqganda. Es seien übergenug Beweise vorhanden, das; die jüdischen Soldaten im Weltkriege samt und sonders ihre Pflicht getan haben. Rach einer Reihe anderer jüdischer und christlicher Redner ergriss Sanitätsrat Dr. Goldschmidt vom Vorstände des Ordens Bnei Brith das Wort zu einer Polemik gegen General Ludendorfs, der die Behauptung ausgestellt Kat, die Bnvi Brith-Logen hätten zusammen mit der Alliance Israclite dir Ziele der Entente gefördert. Schriftsteller Hacnisch erwiderte, Ludendorfs habe diese Angriffe in der neuen Auflage seines Buches zurückgezogen. >Dcr Redner wandte sich dagegen, dast man dem Vorsitzenden des Verbandes nationaldculschcr Juden, Dr. Max Raumann, den Zutritt zur Versammlung verweigert habe. Dr. Paul RatKan begründete den Ausschlust Dr. Raumanns damit, dast dieser die Mehrzahl der deutschen Jude» des Mangels an Patriotismus bezichtigt. Berlin. 01 E. B.) Der Rcichsministcr des Innern hat dem Reichstage eine Denkschrijt über die gesamte deutsche Ein- und Atiswanderung wahrend der Kriegs- und Rachlriegszeit bis Ende l!>20 zugehen lassen. Die Daten beruhen aus Schätzungen der verschiedenen Flüchtlingsfürsorge-Organisationcn. In der Denkschrift ist auch von den während des Krieges und in der Rachkricgszeit nach Deutschland eingewandertcn O sl j » d c n die Rede. Ihre Zahl wird vom preustischen Innenministerium aus etwa 7U OOi l geschäht. Rach den Angaben des jüdischen Arbciter-Fürsorgcamtes sind von diesen etwa 1.', 000 wieder ausgewandert, sodast 000 ostjüdischc Arbeiter, die während des Krieges und nach dem Kriege eingewandert waren, in Deutschland verblieben sind. Österreich.. Wien. Der bekannte Ehopin-Interpret Julius Wohlssohn, Professor am Musiklonservatorium in Wien, liest vor einiger Zeit seine Konzcrtparapkrasen über jüdische Volkslieder in Buchform erscheinen und sandte Professor Albert Einstein ein Exemplar mit einer Widmung ein. Hierauf erhielt der jüdische Künstler von Professor Einstein aus Berlin folgendes Schreiben: „Was wir heute an der jüdischen Ration erlebesr, hätte vor kurzem niemand für möglich gehalten. Während bisher die geistig hocvstehenden Juden wegen Mangels an Resonanz sich bewustk oder unbcwustt von der jüdischen Gesamtheit abwandten, steht nun unsere Ration plötzlich lcbcnsfrisch vor uns da und jeder von uns verliert das Gefühl der Vereinsamung, das so vielb zu einem Verhalten geführt Kat, das dem oberflächlieben Blick als Charakterlosigkeit erchcint. Ihr Streben verdient den Dank aller Juden, und es ist selbstverständlich, dast ich die mir zugcdachtc Widmung gern annehme." Polen. Warschau. Die Resultate der vor zwei Monaten eingeleitelen Werbetätigkeit zugunsten der jüdischen Studen- - ten an den Universitäten und Hochschulen Polens sind vor einigen Tagen der Oefscntlichkeit mitgeteilt worden. Sie betreffen insgesamt eine Summe von 20 Millionen pol- I nische Mark. Diese Sammlungsattion verfolgt, wie so manche ähnliche Aktionen die Tendenz, die Hilfstätigkeit des polnischen Judentums von dem amerikanischen Geld soweit als möglich unabhängig zu machen. Aumquien. Klausenburg. Hier wurden in feierlicher Weise zwei jüdische Detektive, namens Rosenfeld und Katz, mit der goldenen Ferdinandsmedaille dekoriert. Der Polizeipräl'ett hielt an die Ausgezeichneten in Gegenwart des gesamten Kommandantenkorps und der Mannschaft eine Ansprache, in der er diese Auszeichnung als Beweis dafür hinstellte, dast die rumänische Polizei keine konfessionellen Unterschiede kennt. London. Von der Glicenstein^Ausstellung. Der polnische Ambastador in London H. Wroblewsky stattete der Gemälde-Ausstellung des bekannten jüdischen Künstlers Prof. Henry Glicenstein einen Besuch ab. Bei diesem Anlast erwarb er im Aufträge der polnischen Regierung die Bronzcstatue „Gebet" für das polnische Botschafter-Gebäude in London. Amerika. ~ V Berlin. (I. E. B.) Die zionistische Vereinigung für Deutschland hat von Herrn Rahum Sekolow aus Washington die folgende, vom 4. Mai datierte Depesche erkalten: Die Eenatskommission für auswärtige Angelegenheiten beschäftigt sich soeben mit der Resolution bezüglich der Errichtung eines jüdischen nationalen Heimes in, Palästina. Die Resolution, die den „Wiederaufbau Palch stinas durch die Juden mit äusterster Befriedigung" begrüstt, wurde in der Kommission und hierauf im Plenum des Senats einstimmig angenommen. Rewyork. In einer Synagoge in Eincinngti (Ohio) veranstalteten die Kinder der Synagogenmitglieder eine Theatervorstellung, wo der Besucher statt eines Eintrittsgeldes ein Stück Seife, ein Handtuch und einen Waschlappen entrichten mustte. Auf diese Weise wurden 500 Garnituren gesammelt, die der Sanitätsabteilung der Hadassah-Organisation zur Verteilung in Palästina übermittclt wurden, wo an Hygienen Artikeln Mangel herrscht. Kölner Aachrichten Am Dienstag, den 2. Mai, tagte im Sitzungssaale der Synagoge Roonstraste eine aus den Vertretern der beiden hiesigen Synagogengemeinden, des Vereins für die jüdischen Interesten Rheinlands, sowie der Chewraus einberufene Versammlung, die es für eine heilige, religiöse Pflicht hielt, die auf dem Gelände des alten jüdischen Friedhofes vor dem Bonntor zutage geförderten Gebeine unserer Vorfahren würdig zu bestatten. Da für die Bergung und Bestattung, die nach alt-jüdischem Brauch ge-> schehen soll, groste Geldmittel erforderlich sind, die allein aus Gemeindemitteln zu bestreiten nicht möglich ist, so soll versucht werden, durch Aufrufe in der jüdischen Presse oder durch sonstige geeignete Schritte die deutsche Iudenhcit und nötigenfalls die Juden anderer Länder, für dieses pietätvolle Werk zu interessieren, um die auf etwa drei Millionen Mark veranschlagten Kosten zu beschaffen. Zu diesem Zwecke wurde aus den genannten Körperschaften ein Arbeitskomitee gewählt, das sich demnächst an die jüdische Oessewtlichkeit wenden wird.