Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- 131 (2.12.1921)
- Date
- 1921-12-02
- Page
- Seite 418 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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einiges erzählen möchte, zumal uns das Tagebuch, das der ünabe Lassalle geführt hat, recht tief in seine Entwicklung lnneinsehen laßt. Breslau ist Ferdinand Lassal, so laure: sein Name eigentlich, am 13. April am Hause Roßmarkr 6, als Sohn des Heymann Lassal und seiner Frau Rmalie aeb. Heitfeld geboren, wie uns ein altes, über die Geburien geführtes Buch berichtet, das noch heute im Archiv der Breslauer Synagogengemeinde aufbewahrt wird. Am Roßwuwkr sagten wir. in einer Gegend, die noch heutzutage vorzugsweise von Juden bewohnt wird, die sa überall den Drang in sich spüren, sich zusammenzuschließen. Hier ist der Knabe herangewach'en. ickon frühzeitig leis geworden, mit fast 14 Jahren ein ganzer Mensch. ausgestariet mir den reichsten Geistesgaben, aber auch im: mcncfrerfci Feblern. wie Se l b ftü beri cöä x ur.g und Dünkel. Aber erfüllt von einem feurigen Geiste, d-er ür-erall ansiößr. Als Vierzehnjähriger beschließt er. Tagebuch zu führen mir dem Vorsatz. „vorliegende Blätter sind benimm:, alle meine Handlungen, meine Fehler, meine guten Taien auizunebmen. Ich will mit der größten Gewlsiercha'nrke:: und Au'- richiwkeir in ihnen nicht nur das auizerch-nen. wes ick- :ar. sondern auch die Motive dieser Handlungen anaeben." Und das har er auch ehrlich getan und nichts bs'chör..::. Wir ersehen aus diesem Tagebuch nicht.nur eie ür :rn aünütgen d-üge. sondern auch alle Sneick-e. die e: rus^eüäh:: h-ri und die nicht iinmer so ganz harmlos waien. — Innerlich fromm ist wohl Ferdinand Lasialle nie getne'en. er viel zu iebr erfüllt von kritisch zeralted-eind-im. Inieresian: ist da die Noriz seines Tagebuches: . rag bolle ich mir mein Lotrerielos. Es war d:e Nummer 79 S.'ti. Denn ich Katholik wäre, 'o liere :ck mir von einem Pfarrer das Los mit Deibwaüer besprengen. So aber muß mein Segen binreick<n." Tech Eb'.:e sich der junge Ferdinand durchaus als Jude, das bewe:'': eine andere Aufzeichnung, die er sich machtet ..lln:ern-:es unterdwlr ick mich mit Bloch. Er wollte sich, e-n Air geb:n und nannte sich einen Atheisten. Als er aber 'ab. ban garz anderer Meinung war. so sattelte er auch um. Dir 'prachen viel von Seelenwandetuna, von G-eia-rr 'dem damaligen Breslauer Rabbiner der reformfreundlichen. Sei re) und dem Judentum und er wunderte sich, dasi :-ch mach w des jüdischen Glaubens annehme. Ter E'ell nicht -reife csien und dock ein guter Jude iagre ibm dies und in der Tat, ich glaube, denen Juden, die es gibt, ohne aur das zu achten. Ich könnte wie der Jude in mein Leben lvagen. die Juden aus ihrer er.aen drückenden Lage zu reißen. Ich würde selbst d:s Tck^asio: nicht scheuen, könnrc ich sie wieder zu einem :eack:eien Volke mach-en. £, wenn ich meinen kindischen Träumen nackb.änge. io ist es immer meine Lieblingsidea. an der Svwe der Juden, mir den Waffen in der Hand, sie Glösiändig zu machen." dazu war Bern and. .Nachmttw ö:n einet der ^aremonialaeie? m'wers „Leila" Das würde er sagen, wenn er beu:e '-eb-en würde. w:c Alr-Nculand im Begriff ist. wieder zurHeimoi der Juden zu werden, ohne daß es notwendig war. damr mir den Danen in der Hand einzurreten. Ter Breslauer Rabbiner Abrabam Geiger, der vorhin schon erwähn: wurde, machte überhaupt auf den .Knaben einen große« Eindruck. seine Predigten zeichnet er sich mitunter aus und r-ewuch:. die gebörrcn Gedanken aufs neue in sich durch zuarb-eiwn. Aber er glaubte sich auch einmal aus seinem Judentum für sein Schülerdasein etwas Erfreuliches berauszubolen. und es berührt uns tragikomisch, wenn er am 19. Mär; in sein Tagebuch einschreibt t „Heute ist Purim. Ich habe mir schon einmal vorgenommen zu^schwänzen und rar es heute." Die Schule war ja überhaupt nicht sein Lieblingsaufenthalt. Seine Laufbahn am Breslauer Magdaleoen-Gvmnafiurw nahm infolge aller möglichen T-inoe. die er sich hatte zuschulden kommen lassen, ein vorzeitiges Ende, er mnsite abgehen und kam auf eine Handelshochchule nach Leipzig, wo es ihm aber auch recht wenig behagie. Hier hört er von den furchtbaren Judenverfolgungen in Damaskus. LeidenschafÜich empört sich sein Blut dagegen, und er wirft die folgenden Irrten in sein Dyebuch: „O, es ist schrecklich, zu lesen, schrecklich zu hören, ohne daß die Haare starren und sich alle Gefühle des Herzens, in Wut vorwandeln. Ein Volk/ das dies erträgt, ist schrecklich, es räche oder dulde die Behandlung. Vabr. fürchterlich wahr ist folgender Satz des Berichterstatters: ..Die Juden dieser S:adr erdulden Grausamkeiten wie sie nur von diesen Darias der Erde ohne furchtbare Reaktion ertragen werden können." Allo sogar die Christen wundein sich über unser träges^ Blut, daß wir uns nicht erheben, nicht lieber auf dem Schlachtfeld als auf der Tortur srerben wollen. Daren die Bed:ückungen. um derentwillen sich die Schweizer einst erhoben, größer? Gab es se eine Revolution, welche gereckter wäre, als die. w^nn die Juden in teuer Sradt aufnänden. sie von allen Ecken anzündeien. den Pulverrurm in die Luit 'prangten und sich mir ihren Peinigern löreten? Feiges Volk. Tu verdienst kein besieres Los! Ter getretene Durm krümmt sich. Tu aber bückst Tich nur tiefer! Du weißt nicht zu sierben. zu vernichten. Tu weißt nicht, was gerechte Racke heißt. Tu weißt nicht. Dich mit Deinen Feinden ru begraben und sie im Todeskamri nock zu zerfleischen. Du bist zum Knecht geworden!" Man bedauert aufs tiefste, daß Ferdinand Lasialle 'pärer die Berührung mit dem Judentum fast ganz verloren hat. was hätw dieie: Mann für un'ere Gemeinschaft leisten können, wenn er sich m:r den: aewalngen Feuer 'einer Beredsamkeit für sie einae'er: bärre. Das Ende erst knüpite wiederum an den Anfang an. Nack einem rastlo'en. unruhigen Leben ^and er im. Tuell in Genf seinen Tod. zur ewigen Ruhe aber wurde er aui dem jüdischen Friedhofe 'einer Heimaisiadr Breslau bestarel. fein Grab bildet alljährlich den Dallfahrtsorr unzäblroer Arbeiter, die an seinem Todestage ihrem Führe: nabe ''ein wollen. Delegiertentag des Eentralvereius Die Hauptversammlung des Zenttalvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens fand in Berlin am 20. und 21. November 1921 statt. Iustizrat Dr. Brodnitz eröffnet die Sitzung, begrüßt die Erschienenen, die wohl noch nie so zahlreich zu einer Hauptversammlung des Zentral- - Vereins gekommen wären. Er erblickt hierin einen Beweis dafür, daß der Kreis der Zentralvereins-Anhänger sich stetig vergrößere. Iustizrat Dr. Brvdnitz gedentt dann der Berfwrbenen, deren Namen die Versammlung stehend anbört. . . Das einleitende Referat hält Rabbiner Dr. Rieger, Braunschweig, über „Das Heimatsrecht der deutschen -luden". In seinen Darlegungen über den Kampf der jüdischen Deutschen um ihr Heimatrecht fühtte der Redner aus: „Heimat ist keine geographische Bezeichnung, -kein Rechtsbeqriff, keine politische Definition, sondern ein religiös-ethischer Inhalt. Daher gehört die Heimatliebe zu den religiösen Werten. Mit religiöser Inbrunst hängen die jüdischen Deutschen an chrem Vaterlande. In Deutschland wohnen sie ununterbrochen 1800 Jahre. Das älteste Dokument ihrer Niederlasiung in Deutschland ist ein Dekret Kaiser Konstantins vom 11. Dezember 321. in dem er die ‘ Verfassung der Kölner Iudengemeinde regelt. Die Juden wohnten also schon vor der Völkerwanderung in Deutschland. Wahrend sie in Palästina insgesamt 1400 Jahre gelebt haben wonhen sie hier bereits 400 Jahre länger. Deutschland ist für seine Juden nicht nur die Heimat der Sprache, sondern auch ihrer Sitten und Lebensformen. Der kulturelle Güteraustausch -wischen Juden und Christen war aber nicht einseitig. Denn die deutsche Kultur verdankt dem größten Kulturgut des Judentums, der BLel, mehr - als dem germanischen Einschlag utb dem griechischen Sn- .