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Jüdischer Bote vom Rhein · 1921-10-28 · 126 (28.10.1921) · p. Seite 369

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
3 (1921)
Issue
126 (28.10.1921)
Date
1921-10-28
Page
Seite 369 (sequence 5)
Language
German
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Es war am Erev Dontow (dem Tage vor dem Feste), wir konnten keine Wäsche zu waschen bekommen. Wir kämpften'verzweifelnd mit Hunger..und Frost. Da.kam der Hauswirt zu uns herein. „Schämen Sie sich nicht," sagte er au mir, „sehen Sie denn nicht, daß Ihre Kinder kaum mehr Kraft zum Leben haben? Warum'haben Sie kein Mitleid mit den armen Kleinen? Gehen Sie nach dem Armenkomitee, dorr wird inan Ihnen helfen." Glauben Sie es mir. ich wäre lieber gestorben. Aber meine Kleinen hungerten und ihr Weinen zerriß mir das Herz. So ging ich wirklich in ein Arinenkomitee. Ich sagte weinend: „Meine Kinder sterben, weil sie kein Brot haben. Ich kann ihre Leiden nickt mehr mit ansehen." Ein Herr des Vorstandes antwortete mir: „Wenn das Erev Uontow- Fest vorüber ist, wollen wir Sie nach Rußland zurückschicken." „Aber," antwortete ich, „unterdessen müssen die Kinder etwas zu essen haben." Darauf ließ der Herr eine Glocke ertönen, woraus ein Handsester Hausknecht, der mir wie der Todesengel selbst vorkant, inich so fest arn Arme packte, daß er noch den ganzen Dag schmerzte und mich ohne weiteres aus der Düre warf. Trostlos ging ich davon, meine Äugelt warelt io von Dränen geblendet, daß ich meinen Weg nicht seben konnte. Es dauerte sehr lange, bis ich inich nach Ship-A.llee zurücksand. Meine Frau und meine Töchter hauen schon geglaubt, daß ich in der Verzweiflung in das Wasser gegangen wäre. So traurig erging es uns am Vorabende des großen Versöhnungstages, wir hatten keine Rinde Brot zu essen, um uns für die vorgeschriebenen religiösen Fasten zu stärken. Aber gerade als unser Elend den Höhepunkt erreicht haue, kam eine in dein neben uns liegendem Zimmer wohnende Frau ,zn uns und engagierte die eine meiner Töchter dazu, während der Fasten, ioenn sie selbst in der Kirche sei, ihr kleines Kind zu verwahren, sie bot ihr dafür einen Schilling und erbot sich im voraus zu bezahlen. Wir waren ganz glücklich, kauften für alles Geld Bror und stillten unseren Hunger; dann beteten wir, der Versöhnungslag möge lange dauern, damit wir gezwungen wären, zu fasten und kein Essen zu kaufen brauchten. Denn w:e der Muschik sagt: „Wenn man nicht den Mund zu stopfen hätte, könnte man goldene Kleider tragen." Tann ging ich in die Freischule der Juden, die als Synagoge l-ergerichret war und verbrachte den ganzen Dag in heißein Gebete. Als ich am Abend nach Hause zurückkehrte. saß meine Frau da und weime. Ich frug sie. warum sie weine. Sie antwortete: „Warum hast du mich iu ein Land geführt, wo selbst das Bereu Geld kostet, wenigstens für Frauen. Ick bin den ganzen Dag von einer „Schul" zur anderen gewandert, aber man wollte inich nirgendwo hereinlassen. Endlick ging ick zur „Schul der Söhne der Seele", wo die orlhodoren Juden mit langen Bärten und Ohistockeu beren. aber selbst dort wollic man inich nicht hcrcinlast'en Dcr heidnische Polizist bat für mich uvd sagte iljnen: „Schämt euch, daß ihr diese arme Frau nicht hereinlassen wollt." Der Gabbai (Schatzmeister) antwortete: „Wenn man kein Geld hat, muß man zu Hause bleiben." Ta sagte meine Frau weinend zu ihm: „Meine Dränen kommen über dein Haupt" und ging nach Hause und blieb dorr und fuhr fort, bitterlich Lu weinen. Für eine Frau ist Jom .Kippur ein wundertätiger Tag. Meine Frau glanbt, daß ihre Gebete erhört lverden, wenn sie in der Synagoge sich ausweinen und dem Allerhöchsten ihr Leid klagen darf. Aber dieses Vorhaben wurde vereitelt und das war vielleicht einer der härtesten Schläge, die sie getroffen, urn so mehr, da es ihre Glaubensgenossen waren, die ihr den Eingang in die Synagoge versagt — das war ihr das Bitterste. Wenn es durch Andersgläubige geschehen wäre, dann würde sie sich mit dem Gedanken getröstet haben: „Wir sind eben im Eril." Als der erste Fasttag vorüber war, hatten wir nur noch ein kleines Brot, um uns damit für den folgenden Hungertag zu stärken. Dennoch und trotz aller unserer Sorgen schliefen wir die Nacht über in Frieden. ~ M wieder der elende Tag herankam^ oingen .-* """ -' ''14tR£W meine Deren Tochter^in Hie Straße, um'^Hst^oW(Ärbeit) zu suchest; sie'nchhu^st/SchetEr- und Schxuvbä^rbeit an, die ihnen ungefähr'einen ^Schilling einbrachte.- Wir'kauften Brot dafür und. fristeten damit unser armseliges Leben. Wenn wir ab und zu drei Schilling für Waschen Einnahmen, dann glaubten wir, -reich wie Rothschild zu^ sein.. Als Sukkoth (das LanbWten-Fest) herankstvr,' hättest wir.jedoch weder. Brot noch. Arbeit und ich irrte den ganzen Tag in den Straßen umher, um Arbeit zu suchen. Wenn man rnich frug, was für ein Handwerk ich verstände, war ich nalürlich gezwungen, zu antworten, daß ich in keinem Bescheid wüßte, denn seltsamerlveise halten die Juden es in dem Teile Rußlands, aus dem ick^komme, für eine Schande, Handwerker zu lverden, und n>enn nran eine Verachtung vor jemandem äusdrücken lvill, so sagt man zu ihm: „Jeder kann es sehen, daß du von einein Handwerker abstannnft." Ich konnte Gebetrollen schreiben, verstand es, ein Wirtshaus zu führen, aber wozu konnte mir das hier Helsen? Als ich sah, daß ick nirgends Arbeit fand, ging ick in die „Sckvl der Söhne der Seele". Ich setzte mich neben einen Glaubensgenossen, der mich freundlich anredete. Ich erzählte ihm von meiner Not. Da sagte er: „Ich will Ihnen einen Rat geben. Wenden Sie sich an-unfern Rabbi. Das ist ein edelden76ider Mann". Ich tot es. Als ich zu ihm in das Zimmer trat, saß noch ein anderer Mann bei ihm, der seine Lulow und Esrog (Palmzneig und Paradiesapfel) in der Hand hielt. „Was wünschen Sie?" Mein Herz war so schwer, daß ich ihm nicht antworten konnte, aber die Dränen drängten sich mir plötzlich in die Augen. Mir lvar. als müsse nun endlich die Hilfe nahe sein. Ich glaubte, daß er Teilnahme für mich empfinden werde. Ich faßte inich-und erzählte ihiu. daß wir dem Verhungern nahe warelt und kein Brot mehr Härten, und daß ich keine-Arbeit finden könne. Ich bat ihn. mir ztk raten, was ich tun solle. Er antwortete mir-mit keiner Silbe. Er wandte sich an den andern Mann und sprach mit ibin über die Laubhütte. Von mir nahm er nicht die geringste Notiz, er ließ inich einfach stehen, wo ich stand. lJortsetzung folgt.)! _ Gottesdienst. Not», Freitag, 28. £ft., abends 5 Uf)v; Soiuiclciib, 29. Cft., morgens 8 Uhr, Mincha 3 Uhr. Jugendgottcsdienst 3 Uhr l'hlockengassei, ^ablatansgang -Vwi Uhr. Wochentage: morgens 7.!0 Uhr, abends, OUockengasse. 4.15, Uhr, Roonstraße 7.30 Uhr. Barinizwo-Jeier: Lohn von Herrn Isidor Wangenheim, Hohenstansenring 42. Düsseldorf. Synagoge Kasernenstraße. Freitag, den 28. Cft., ab.nds 5, Uhr; Lamstag, der, 29. Okt., morgens 9 Uhr, mit Bärin,zno-Feier, abends 8 Uhr; Wochentage: morgens und abends Uhr. . - - Bonn. Freitag, den 28. Oktober, abends. 5.15 Uhr. Lamsiaq. den 29. Oktober: Morgengottesdicnst und Renmondmeihc 9 Uhr. ^eblatansgang 6 Uhr. Wochentage morgens 7.30 Uhr, abends5 Uhr. Fahrzeiten. Bonn. Montag, den 31. Oktober: Karl Hcrschel; Freitag, den 4. November: Louis Rollmann. Nebst Vorabend. Kalender der Woche. Freitag .... 28. Okt 26 Ttschri Samstag. . 29. H 27 tt Sonntag . . . 30 tt 28 tt Montag. . . . .1. Nov 29 tt Dienstag. . . 2. tt 1 Marche- Mittwoch. . . 3. tt 2 schwan' Donnerstag. 4 tt 3 // Freitag.... 5. // 4 ,/ Samstag. . . 6. u 5 // n'wrenI Ncumondsweche Neumond I. Tag H. ' „ ns

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