Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- 123 (7.10.1921)
- Date
- 1921-10-07
- Page
- Seite 338 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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würden. Ich mußte meine Hosen hochstreifen, um durch das Wasser zu>waten,'während ein paar handfeste Männer meine Familie hinübertrugen. Meine zwei großen Bündel jedoch, die all mein Hab und Gut, unsere Kleider und Haushaltßhätze enthielten, blieben auf der russischen Seite. Plötzlich entstand ein wildes Durcheinander. „Die Soldaten, die Soldaten! Versteckt 'euch, rasch, in den Wald, in den Wald!" Als endlich alles wieder ruhig wurde — es waren übn'gens gar keine Soldaten sichtbar geworden — gingen die Männer zurück, um unser Gepäck zu holen, aber sie brachten nur eins der Bündel herüber. Das andere, das viel mehr als hundert Rubel wert war, war verschwunden. Unsere Klagen halfen nichts. Kazelias sagte: „Seid ruhig. Auch hier seid ihr noch von Gefahren umdroht." Ich verstand, daß er falsches Spiel mit mir getrieben, aber ich war hilflos seinen Händen überliefert. Er führte uns in fein Haus, wo das uns gebliebene Gepäck deponiert wurde. Als ich etwas später in die Stadt ging, begegnete ich dem Rabbi, bei dem ich mich beklagte. Aber er zuckte nur die Achseln und meinte: „Was könnte ich solchen Erpresiern gegenüber ausrichten? Sie müsicn sich in den Verlust finden." kehrte wieder zu meiner Familie in kazelias' Hans zurück. Er warnte mich, mich nicht in der Straße sehen zu lasten. Ich war nämlich auf meiner Wanderung durch die Siadr einem Manne-begegnet, der mir sagte, daß es uns für Rubel pro Mopf bis nach Londl^ befördern tvürde. KazAias war angensck-einlich bange, ich möchte in ehrlichere Hände wie die seinen fallen. Wir fingen dann an, mit ihm über unsere Reise nach London zu sprechen, denn es ist am Ende noch bester, mit einem Teufel zu unterhandeln, den man schon kennt, als wie mir einein, den man noch nicht kennt. Er sagte: „Es wird sünfunddreißig Rubel für jeden von euch kosten." Darauf sagte ich: „Man hat mir angeboten, uns für achtundzwanzig Rul>el hinzubefördern. al>cr ich will Jhneit dreißig geben." — „Hoi. hoi", rief er darauf. „Rn einem Juden ist jede gute Lehre verloren! Es ist genau so wie an der Grenze: Sie wollten keine achtzig Rubel bezahlen, und dann hat cs Ihnen das Doppelte gekostet. Es wird Ihnen jetzt cbenfo gehen. Sie wollen es nicht anders. Man darf einem Juden keine (Gefälligkeit erweisen." Ich dielt also den Mund und nahm seine edingungen an. Aber ich fand, daß mir fünfundzwanzig Rubel fehlten, um das Ziel unserer Reise zu erreichen. Da sagte Kazelias: „Ich will Ihnen helfen. Ich kann Ihnen die fünfundzwanzig Rubel auf Ihr Gepäck an der Eisenbahn vorschießen, wenn Sie dann in London sind, können Sie es mir später zurückzahlen." Er nahm mein Bündel und brachte es an die Eisenbahn. Was er dort getan, tveiß ich nickt. Er kain zurück und sagte mir, daß er mir einen Dienst erwiesen habe. (Dieses Mal kam cs mir wirklich vor: ein guter Dienst gewewn zu sein.) Dann nahm erKuverts und legre in jedes das Fahrgeld, das wir an den verschiedenen Stationen unserer Reise zu zahlen hatten. So erreichten wir endlich den Zug und fuhren fort. An jeder Hauptstation bezahlte ich das Fahrgeld aus seinem besonderen Kuvert. Unsere Mitreisenden boten den Bindern unterwegs etwas zu esten an, aber wir bewahrten unseren Stolz und nahmen es nur dann an, wenn es koscher war. Dir reisten mit einer sehr guten, mitleidigen Jüdin aus Lemberg, die ein Herz von Gold und die köstlichsten Würftckvn bei sich hatte. Als wir in Leipzig ankameit. sagte man uns, daß an dem Fahrgeld zwölf Mark fehlten. Man erlaubte uns nicht, in den Zug zu steigen, und wir wußten nicht, was wir anfangen sollten, da ich kein anderes Geld mehr hatte, als das. für die Reise bestimmte. Tie Eisenbahnbeamten befahlen uns, den Bahnhof zu verlassen. Atzir wanderten also auf das Geratewohl in den Straßen Leipzigs umher; wir erregten Verdacht bei der Polizei, und man wollte uns verhaften. Aber wir beteuerten unsere Unschuld und da ließen sie uns gehen. Wir verkrochen uns in eine düstere, enge Gaste, hockten an'einer Mauer nieder und ermahnten einander, nicht zu murren. .So saßen wir eng aneinander gedrückt eine ganze regnerische Nacht da, die Regentropfen vermischten sich mit unseren Tränen. (Fortsetzung folgt.) Oie Botentasche ri.. rn-rrm um rr» i rnmnr nmiig Die Joden in England. (Bericht eines deutschen Juden.) Bor einigen Monaten kam ich zum .ersten Male nach den: Kriege nach.England. In jüdischen Kreisen — und nur von jüdischen Dingen will ich hier reden — fand ich dieselbe Atmosphäre, wie sie vor 1914 geherrscht hat. Aber innerhalb dieser Atmosphäre hatte sich manches geändert. Mancher junge Mann, .nach dem ich fragte, ist nilnmer heimgekehrt. In der flandrischen Ebene, an den Felsenriffen Gallipolis und im nordafrikanischen Wüstensand sind sie geblieben. Viele von ihnen, die heimgekehrt sind, gehören heute in die Reihe der Arbeitslosen oder arbeiten nur einige Tage in der Woche; um verstanden zu werden, muß ich hier ettvas weiter ausholen. Ztvischen der deutschen und der englischen Judenschaft ist ein grundlegender Unterschied. Ter deutsche Jude lebt seit vielen Jahrhunderten in Deutschland, ist venvachsen mit der Scholle, hineingewoben in das deutsche Kultur- , gewebe. Ganz anders die große Mehrzahl der englischen Juden. Ich war auf eineur jüdischen Friedhof einer großen nordenglischen Gemeinde, die etlva 40 000 Seelen stark ist. Kein Grab, das ich sah, Ivar älter als 7G Jahre. Mit anderen Worten, die Mehrzahl der englischen Juden sind Innnigranten aus dem Osten. Ich habe eine Reihe von Mäbnern und Frauen gesprochen, die ihre Jugend noch in den östlichen Läklpern verbracht hoben. Schon die zweite Generation hat in Sprache und Gesittung einen hohen Grad der Assimilation erreicht und Mischehen gehören durchaus nicht zu den großen Seltenheiten. Und mancher Sohn eines polnischen Vaters hat es schon solveit in der westeuropäischen Kultur gebracht, -daß er den „polnischen Juden" zur Ziel- . scheibe seines billigen Hohnes und Spotts macht. Es ist erklärlich, daß bei einer solchen Masseneinwandernng die Immigranten >nicht Unterkunft finden konnten in den ihnen kogenialen Beschäftigungen des Handels, des Handwerks und des Ackerbaues. Ein großer Teil mußte, uin seinen Lebensunterhalt zu verdienen, in die Fabriken gehen. So haben wir heute m den großen Kleiderfabriken und Schneiderwerkstätten des englischen Nordens eine große jüdische Arbeiterschaft. Not und Elend herrscht dort infolge des Stillstandes und der langen Arbeitszeit vieler Fabriken. Es ist lächerlich und offenkundig verlogen, wenn englische Antisemiten d i e Juden als Kriegsgewinnler hinstellen. Gewiß, es gibt auch in England unter den Juden Vertreter dieses abscheulichen Menschenschlags, den noch jeder Krieg unseligerweise hervorgebracht hat, ccher im Vergleich zu dem Elend und der Not vieler jüdischen Familien, die ich mit eigenen Augen gesehen habe, zerstieben die Paar hassenswerten Vampyre zu nichts. Damit wären wir beim leidigen Kapitel des Antisemitismus angelangt. Dieses Pflänzchen blüht auch jenseits der Nordsee; freilich häufig latent, nur dem geschulletj^Auge sichtbar, aber ich habe den bestimmten Eindruck, daß der Judenhaß in England unter einer ihm günstigen Konstellation, recht häßliche Fonnen annehmen kann. Die Ernennung eines Juden, Lord Reading, zum Vizekönig von Indien, die Freundschaft Lloyd Georges mit einigen Juden, die Anwesenheit einiger jüdischer Minister im Kabinett, gibt der „Morning Post" (entspricht etwa'der „Deutschen