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Jüdischer Bote vom Rhein · 1921-10-07 · 123 (7.10.1921) · p. Seite 335

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
3 (1921)
Issue
123 (7.10.1921)
Date
1921-10-07
Page
Seite 335 (sequence 3)
Language
German
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— 335 — \ meinsamkcit haben. Wir müssen erzielen, daß sie-sich als Träger des Bundes mit Gott empfinden und betätigen, müsien erzielen, daß sie sich grundsätzlich zu dem Gesetzescharakter des Judentums bekennen, d. h. zu dieser dem Judentum eigentümlichen Form, als Frömmigkeit nicht die Sehnsucht nach einer von außen zu dem Menschen kommenden Erlösung zu betrachten, sondern das Gehorchen 'gegenüber einem Gesetz, das als Forderung vor den Manschen hintritt und j^ine Kraftanstrengung verlangt. Sie müssen die Ideen des Judentums nicht als ettvas Erklügeltes und Errechnetes, sondern in ihrer Denk- und Empsindungsform Lebendes, als Offenbarung empfinden. In diesem Sinne meine ich es, wenn ich sage, wir müsien auf Glauben und innere Frömmigkeit dringen, nicht daß ich einem katholischen credo quia absurdumdas Dort rede, nein, aber daß eine innere Gläubigkeit vorhanden iü. ist eben unerläßliche Voraussetzung, sonst gibt es kein liberales Judentum, tverl es ohne das kein Judentum gibt. Das was wir liberal nennen, das Persönliche, das Sich-in-die- Zeit-Hineinstellen kommt dann schon mit innerer Naturnotwendigkeit, es kann aber erst kommen, wenn ein Fonds von jüdischen Gefühlen und Bewußtseinsinhalten da ist. Es war der Fehler, daß manche glaubten, mir Anpassung an das Bedürfnis der jeweiligen Gegenivart erziele man den stärkeren Willen, Jude zu sein und Freudigkeit am Judentum. Ter Weg hat sich als falsch erwiesen. Mil Nachgiebigkeit erzielt inan gar nichts. Und der beste Verweis dafür ist ja, daß heut eine so starke Sehnsucht nach Gläubigkeit, nach Festem durch di^ Seelen zieht. Nun könnte jemand sagen, aha, also wir sollen uns der augenblicklichen Mode anpassen, die nach Irrationalismus gebt: so ist es nicht gemeint. Ich meine nur, unsere Forderung nach Frömmigkeit ist heut^leichter zu erheben und durchzusetzen, als etwa vor fünfzig Jahren. Damals war man im Bann des Rationalismus, im Rausch der Technik. Ta mals wurde man.mit all diesen Forderungen verlacht. Damals war man im stärksten Hochmut des Denkens, daß dem menschlichen Geist Schritt um Schritt jedes Geheim-. nis entschleiert wird, daß der menschliche Verstand das einzig Gebietende ist. Heut ist man Gott sei Dank weiter, man weiß endlich wieder einmal, daß der Verstand nicht das Letzte ist. Man ahnt Geheimnisse, man erkennt sie an und ist willig, in ihnen unterzutauchen. Man Hungen nach positiven Gefühlen, nach Festigkeit und Halt, man ist der Selbstherrlichkeit der individuellen Gestaltung des Lebens müde, man anerkennt Gemeinsamkeit und Gemeinsamkeitsgefühle. Nicht in dem Sinne, daß man nun einfach zum Alten zurückkehren solle, daß man also entweder in die Orthodoxie oder in die müde Mystik einmündet, sondern so, daß man dieses Irrationale als bestimmend und richtunggebend anerkennt, demgemäß die Ehrfurcht vor dem Gewordenen als einen hohen und sicheren Wert ansetzt, und dann, um es nicht allein riesengroß ins Kraut schießen zu lassen, das Recht der Kritik und der ordnenden Wissenschaft gelten läßt. Orthodoxie und Liberalismus muß das innere Verhältnis zu Gott und zur Geschichte gemeinsam sein. Das Wesen des Liberalismus ist es dann, in diese Stellung das Persönliche hineinzumischen. Unsere ^kufgabe ist es, aus den rationalen und irrationalen Kräften die Synthese, die Diagonale zu erarbeiten. Aus diesen Versuch müssen wir jetzt alle unsere Kräfte richten. Wenn wir es versuchten, kankt aus dem neu erblühenden Gemeinsamkeitsgefühl, aus dem Gehorsam gegenüber dem Irrationalen und der diesen Gehorsam ordnenden Verstandeskraft und wissenschaftlichen Arbeit das liberale Judentum erblühen, das heißt, die Ausgestaltung des vorhandenen Willens ohne Vergewaltigung der Gegenwart und ihrer Bedürfnisie und ein Verbinden des Gemeinsamen mit dem Persönlichen, das man erfühlt und bejaht. Wochenschau Tatsachen mb Ergebnisse Deutschland. Beklin. Eine bedeutsame Entscheidung hat das Kultusministerium getroffen. Danach sind jüdischeSchü- : l e r ohne weiteres an ihren Feiertagen von der Schule befreit, ohne daß die E lternesnötighab e'n, einen besonderenAn-! trag zu ste l l e n, wie dies bisher gefordert wurde. Diese Forderung war eine 'Einschränkung der religiösen Freiheit, die nun beseitigt ist. Der Erlaß des Ministers bestimmt das Gleiche für evangelische Schüler an katholischen und katholische an evangelischen Schulen. Hamburg. Der Verein zur Abwehr des Antisemitismus hielt am Sonntag in Hamburg seine Jahresversammlung ab. An Vertretern des Staates Hamburg waren anwesend u. a. Senator Nöldecke und Grünwald sowie einige Bürgcrschaftsmitglieder. Der Vorsitzende Dr. Gochein betonte die Notwendigkeit, den Antisemitismus zu bekämpfen im Interesse der Zukunft des deutschen Volkes. Leider segle der Antisemitismus unter der Fahne des Patriotismus. Unter den Begrüßungsansprachen war bemerkenswert die des Vorsitzenden des Bundes Jüdischer Frontsoldaten Hamburg, Dr. Urias. Als Hauptredner sprach Hauptpastvr Felden aus Bremen über die Mechoden des Antisemitismus und führte aus, daß die jetzt in Deutschland grassierende Fortn des Antisemitismus die Juden geradezu dazu treiben könnte, die Luft an der Mitarbeit am Staate zu verlieren. Bei der Diskussion brachte ein Arbeiter ein geheimes antisemitisches Rundschreiben der Deutschnationalen an die Arbeiter zur Kenntnis und erklärte, daß die Arbeiter nicht mehr so dumm seien, auf dem Umwege über den Antisemitismus sich an den Wagen der- Nationalisten spannen zu lassen. Die Arbeiter stünden nur dem Kapitalismus gegenüber, ganz gleich, ob der einzelne Kapitalist Jude oder Christ sei. - Berlin. Die „Deutsche Zeitung" begleitet die erste Nummer des Mitteilungsblattes des Naumannschen „Verbandes nationaldeptscher Juden" mit folgendem Kommentar: „Danach will der Verband in bewußter Abkehr pon der „jüdischen Einheitsfront", deren Schafftmg in jüdischen Kreisen vielfach empfohlen wurde, nur diejenigen deutschen Juden zusammenfassen, die im Gefühl ganz und gar deutsch geworden sind und einen scharfen Trennungsstrich ziehen.gegenüber dem international-zionistisch oder „zwijchenschichtlich" fühlenden Juden. Wir bezweifeln durchaus, daß ein Jude „ganz und gar deutsch" werden kann. And von einer Gefühlsveredelung der Juden in germanischer Richtung kann schon gar nicht die Rede * sein. Immerhin würden wir mit großem Interesse die Mitglwdslisle des neuen' Verbandes studieren, um die Blütenlese zu sondieren, die sich so selbsÜ>ewußt einfchatzt." — Zur Eindämmung des Antisemitismus scheint also der Naumannsche Verband nicht viel tun zu können. Lettland. Riga. (I. C.-B.) Ungeachtet aller Beschränkungen und Hindernisse, die die lettische Regierung der RaturÄisterung von Luden in den Weg stellt, beschloß das Innnenwinisterium die Durchführung einer R e v i s i o n der Raturalisierungszertifikate, um eine Anzahl von Juden, die. ttotz allen Schwierigkeiten die Naturalisierung erlangt haben, der lettischen Staatsbürgerschaft verlustig zu machen. Infolge dieser von der lettischen Regierung ausgeübien Ber^olgungspraxis werden mehrere Taufende von Juden gezwungen sein, Lettland zu v e r - lassen.

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