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Jüdischer Bote vom Rhein · 1921-10-07 · 123 (7.10.1921) · p. Seite 334

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
3 (1921)
Issue
123 (7.10.1921)
Date
1921-10-07
Page
Seite 334 (sequence 2)
Language
German
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334 bet fiwrr^ll^rrf n M? Wir sehe» so vieles, worin kein | €mm mb tönt Vernunft Legt. Wir schauen, wie ein \ bküheNder Menisch b»rch eine» sinnlosen Zufall zu Tode > fldajjn wirb, ber eben noch mit seiner Frffche und seinem Shbeäaut, seiner Trene und seiner Kraft die Freude seiner Wern war. Wir schauen, wie Krancheü und Siechtum ' Aber einen braven redlichen Menschen fÄll, seine Kraft -er- »Urbend, ihn, der die Semigen ernähren sollte, zum Gegenstand des MÄeids und der Hüfe der andern machend. Wir hören von Erdbeben und Hungersnöten, von Naturkatastrophen, die Tausende mit einem Schlage vernichten und : Zehmiausende der Früchte chrer sauren Arbeit berauben. Und dar» zweifeln wir; werden irre an dem Sinn einer Rede, die uns von einem gütigen Gott erzählt, und die den furchcharen Jammer, den die Menschen, Gottes Kinder, am eigenen Leibe verspüren müsien, von der llnerforschlichkeit dieses westen und liedenden Allvaters verschleiern läßt. Ünd doch kommen wir über dieses alles hinweg, über Krankheit und Tod, über llnglücksschläge und verwelkte Hossunngen, wenn wir nicht allzu weichem Gefühl die Herrschaft über uns abtreten und den Mut haben, uns zu bekennen, daß wir von niemandem, auch nicht von Gott, einen Rechtsanspruch auf ungetrübtes Glück bekommen holden. Rein, nicht das U n g l ü ck, die Trübsal des Lebens, erscheint als der wahre Feind Gottes, sondern das Unrecht, das Menschen gegen Menschen üben, die Bosheit des Herzens, nicht die Tücke von abrollenden Felsmasien, welche die menschlichen Hütten zerschmettern. Denn wir sehen, wie der Mensch, nicht die Natur, so oft des Menschen '' Feind wird, wenn wir die Gemeinheit und die Lüge, den krassen Eigennutz und die Habgier, Ausbeutung und Größenwahn die menschliche Gesellschaft zerrütten sehen, dann erst sagen wir mit Recht: Wo ist Gott, der das zuläßl? Wenn wir den Gott i m Menschen nicht mehr erkennen, dann erst stehen wir verständnislos vor einem Gott, der ü b e r den Menschen sein soll. Wenn wir keine Möglichkeit sehen, uns bei denen zu bergen, die uns Brüder im Leid sein sollten, dann entschwindet uns jenes Gebilde ins dunkel Wesenlose, das man den göttlichen Herrscher der Welt nennen wlll. Gegen das Unglück, das die Elemente in sinnlosem Wüten über uns bringen, das der Tod, der so viel Recht hat wie das Leben, uns fügt, das Siechtum und Nöte aller Art uns zufügen, werden wir uns völlig mit aller Kunst und mit oller Vernunft nie sichern können. Doch tausendmal vermögen wirs, durch liebreichen Beistand ihre Folgen zu lindern, daß die Menschen sich als Menschen gerade im Angesicht schwersten Unheils lieben und ehren. Aber ganz ratlos, wahrhaft verzweifelt, schlechthin jedes tröstenden Ausblickes beraubt sind wir, wenn die Menschen ejmmder das Dasein zur Hölle machen. Gerade darum fuhrt von hier der Weg zu Gott. Denn wir empsinden, wie Vertrauen nur aus tätiger Bewährung sprießen kann. Uns ist es gegeben, zu handeln, das Gute zu tu. Ratzen wir die Kraft, die uns geschenkt ist, gewinnen wir so Glmchen au uns fdber, so werden wir uns auch erbauen ca den Werken der Güte und der Fürsorge, der ' Liebe nnd Gerechtigkeit, die doch auch eine Wirklichkeit in der Welt sind. Gelingt es uns — und das glückt bloß in * tätiger Bewährung — das Vertrauen an ein Göttliches i m Menschen trotz allem zu entfachen, dann zieht mit einem Schlage das Vertrauen an das Göttliche über uns in nnire Seele ein. Der gute Mensch wird uns der Führer zu» heiligen Gatt. Die Tat ist der Schlüsiel zum Glauben. Das auch P der tiefe Sinn der jüdischen Frömmigkeit: die sillLche Wirksamkeit, die wir als heilige Pflicht von uns verlangen, die »ir trotz allem von uns und von andern wenigste,i za» Teil erfüllt sehen, lehrt uns hoffen. Denn mm gilt nicht bet Glaabe als Tat, sondern aus der Tat gestattet sich nns der Glaübe. -»über die Bedeutung -es Irrationale« für das liberale Judentum." Don Dr. Max Oienemarm-Offenbach (Schluß.) Was ist also zu mn? Unbewußt beachten wir ja alle insgesamt das Irrationale im jüdischen Leben schon wieder viel stärker; bei der Leitung unserer Jugendvereine, bei der Leimng des Gemeindelebens zmn Beispiel legen wir vermehrtes Gewicht auf Veranstaltung von Purimfeiern. Chanukkafeiern, auf den Bau einer Laubhütte und ähnliches. Tinge, in denen wir aus etwas Zeremoniellem nicht einen Mittelpunkt und den Selbstzweck des Religiösen erschauen, aber wir tun sie. weil wir den Wert des Gefühlsmäßigen erkannt haben, weil wir erkannt haben, daß das Gefühlsmäßige sich in bestimmten, nicht rational zu wettenden, nicht kritisch zu ermesienden Formen ausleb:. und zur Schaffung eigener Formen wäre nur ein Geschlecht fähig, das mythisch empfindet. Nun käme man auf Grund solcher Erkenntnisie kein Programm aufstellen. Aber man kann gewisie Andeutungen geben. Unsere Erziehung muß sich verschieben. Wir dürfen nicht in den Vordergrund rücken die Dinge, bei denen abzuschaffen, zu ändern, zu reformieren ist. wir müsien beginnen'mir der Erzelung einer frommen Gesinnung. Man muß beginnen damit, daß man Gläubigkeit und Frömmigkeit begründet. Es :ü auch bei den Richtlinien der Fehler gemacht worden, t-aß wir zuviel geredet haben von den Erscheinungsformen des Judentums und zu wenig von 'der Forderung, fromm zu 'e:n. Es müßte eigentlich ein Einrennen offener Türen hin und i\t es dock nicht, wenn man es ausspricht, daß wir viel mehr Energie auf die Forderung legen müsien. daß uniere Juden innerlich fromme Menschen sein sollen. TuS:, daß man das im einzelnen lehren könne, aber man kann es Vorleben und dazu erziehen, sich über gewisie Dinge »elösi e:ne Klarheit zu erarbeiten. Der Jude von heul muß ein Verhältnis zu Gott neu gewinnen. All diese Verwänerungen von „Gottheit" und „Idee der höchsten Tirrlichkeit" u. dgl. zermürben und vernichten das liberale Judentum, weil sie das Judentum auflösen. Man muß es etnma! ganz offen aussprechen, daß es eine der schwersien Krankheiten des heutigen Judentums ist. daß so viele Juden gar kein inneres Verhältnis zu Gott, zur Welt, zu den weltlichen und überweltlichen Dingen haben, daß ne sich gar keine Gedanken machen, ganz in den Tag hinemleben und überhaupt nicht Stellung nehmen. Man har jahrzehntelang geglaubt, man würde den Gebildeten das Judentum schmackhafter machen, wenn man sich in der Predigt von Gorr den naturwissenschaftlichen Gedankengängen anpanen würde, oder wenn man ihn als sittliche Idee oder als unendliches Sweben den Menschen näher bringt. Aber damit lock: man keinen Hund vor den Ofen hervor und erziel: mau keine Juden, die sich als Juden in die Entwickelung hmemstellen. Erst muß man beginnen damit, den Juden wieder Gott als eine lebendig wirkende Mack: als wirkende Veriönlichkeit hinzustellen. Ich spreche es mit Äbsich: aus. als Persönlichkeit. Tann muß man in ibnen den Dillen, die Möglichkeit zu beten schaffen. Es koyunr beul gar nicht in erster Reihe darauf an, ob man deuiichen oder hebräischen Gottesdienst gestaltet, es kommt darauf an. ob Juden aufwachsen, die den Willen haben, ibren Gefühlen in Worten Ausdruck zu geben, die sich in Dorren mir der Welt, mit Gott und mit sich auseinandersetzen wollen. Wir müsien fordern, ja fordern, denn je mehr man rorbert,mn so mehr hat man die Führung in der Hand, daß sie sich eine Religiosität erobern, das heißt, daß sie ein Verhältnis zur Welt und zum Leben, zu Gott und zu sich selbst gewinnen. Wir müsien erzielen, daß sie jüdische Geschichte nicht bloß lernen, sonhern als ihre Geschützt empfinden nnd sich im Geiste als ihre Träger und Fortsetzer fühlen, daß sie so ein starkes. Gefühl der Ge-

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