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Jüdischer Bote vom Rhein · 1921-10-07 · 123 (7.10.1921) · p. [Seite]

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
3 (1921)
Issue
123 (7.10.1921)
Date
1921-10-07
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Erscheint jede» Kreil»,. Veg»»» preis 3.— M. »«»«». Z» dezietze» d«rck si»rliche Postämter oder d»rch de» L»te»»erl», i» L»»». V0^1 RHEIN Jüdisches Volksblatt 8«}ti|CS|ttil:2.- M. fbMnkr* Oesp. Petitreüe. Die »»»re Seide >a»f»Gt 360 ZeÜe». PeKfche«»«, v»te»»eri», V»»», ELI» Sr. 74747. Herausg. vor, Rabbiner Dr. (Ztml Lohn, Bonn. Geschäftsstelle Bonn: Brübergaffe 52. Geschäftsstelle Sät»: Mauritinswall 52. Tel. B 9966. Pumrr 123 j Kötrr, 7. @Rtoßer 1921. — 5 FisiHri 5681 3. |i|rm. So einzigartig immer Sinn und Wesen des erhabenen Tages sein mag, vor dessen Toren wir jetzt stehen, so unergründlich seine Empfindungen, so erschütternd seine Sfimmen — das größte Rätsel bleibt seine unvergleichliche Wirkung: daß eine träge, zähe, empfindungslose Masse ~ mit einem Male lebendig wird, mit einem Male Tausend kommen,, wo das ganze Jahr hindurch man Mühe hatte, seine Zehn zusammen zu l^kommen, das ist eine in der Geschichte der religiösen Wirkungen fast einzigartige Erscheinung. An die harte, dumpfe, schalldämpfende Erde mit all ihren Irdischkeiten gebannt steht die erzene Glocke der jüdischen Seele ein^volles Jahr lang, alle Macht der Rede bringt sie nicht zum Schwingen und zum Singen, weil Erde chren Mund verschlossen hält: mit einem Male wird sie wie an unsichLarem €UiIe in die Lüste gerissen, sie ,chewegt sich, schwebt und dröhnt den Schrei der Millionen über Erde und Himmel hin. Man kann's, ja, man muß das aber auch von der anderen Seite sehen. Wer mitten drin steht in den Erlebnissen dieser heiligen Tage, dem geht ein Schauer über die Seele, wenn er daran denkt, wie die Maste unserer Juden nach tiefsten und sichtbaren Erschütterungen wieder zurückfällt in den stumpfen Alltag, wie dieselben Gesichter, die gestern noch von heimlichem Feuer leuchteten, heute wieder zur undurchdringlichen Ausdruckslosigkeit verdicken. Wahrhaftig, diese Juden haben keine Erneuerung erlebt! Das Kapitel unserer wesllichen Juden ist ein trauriges Kapitel. Sein Traurigstes aber ist, daß all die Männer, die sich chnen hingeben, die mit Idealismus, Leidenschaft und Geduld chnen chr Leben weihen, nichts als Rufer inderWüste sind. Sie alle schlagen mit der Macht des Geistes und der Seele an die alle Glocke,, aber die Glocke steht eben auf der Erd«; und tönt kaltes Geklirr. Eine Ausnahme scheint die Jugend zu machen. Erst kürzlich waren wir Zeugen einer großen Kundgämng, wo alle Führer der Jungen das Wort ergriffen. Jeder von -chnen schien ein Künder, jeden trug seine eigene Begeisterung wett über sich selbst hinaus. Und dennoch durchzuckte den Schreiber dieser Zellen dabei einen Augenblick der Gedanke, daß dies alles Heerführer ohne Heer, Generäle ohne Armee, kurz, Rufer in der Wüste sind. Wäre das nicht ein schrecüicher Selbstbetrug, wenn die Erlesenen, die Wenige», die Edlen, im Rausche chrer neuen Ideen vergäßen, daß da zu Hause in chrem Iugendbund gar mancher nur aus das — Tanzen am Simchastorafeste wartet? Daß mau chnen, den Führern, nur e r l a u b 1, so zu reden, daß da nicht überall eine ungickuldige, glühende, nachdrängende Masse ist, die sie hinaufgestoßen aus die Tribüne, sie bezwungen hat und immer erneut bezwingt? Oderist es etwa bei allen geistigen Bewegungen so, daß es immer nur einige wenige such, die den Gefft tragen, vom Geiste getragen werden? Oder schließlich — schrecklichster aller Gedanken —: muß, ja, muß das jüdische Jahr vielleicht stumpf und fichllos fein, dcnntt der eine Tag groß, reich mtb tief sich offenbare? Lebt das Judentum durch de» klaffenden Widerspruch zwischen Gefühllosigkeit und Inbrunst, Geldgier und Martyrium, Sinnlichkeit und Heiligkeit? Wären wir wirkllch, wie sonderbare Schmeichler gesagt, ein Volk der Heilande und Verbrecher, in dem die Möglichkeit zum Guten und Bösen gleichmäßig vorhanden ist? Eins ist sicher: Wie in jedem Juden ein Geheimnis steckt, wie ganz Israel ein wandelndes Rätsel fft, so deckt auch diesen heiligsten Tag ein fieses, ergreifendes Geheimnis. Jedem Juden fft am Jom Kippur ein Rätsel ausgegeben. Es ist das Raffel seines eigenen Seins und Seines, das tiefe Räffel des Lebens und des Todes. Der Schrei der heüigen Schermaus am Schluffe des Tages ist der Ruf des vereinsamten Juden nach der Deutung des Räffels und nach der Erlösung von seines Daseins verstrickendem Widersinn. Das fühle jeder, aber er fühle auch, daß es chm gegeben fft, sich selbst zu erlösen und, den Tag verlaffend, sich dem Heere der Opfernden, Hingegebene» zu gesellen, dem Rufe in der Wüste folgend, damit Israels Wüste wieder bewohnt und die Oede seiner Ettffame» mck> Großen bevölkert werde. E m i l E o h n. Das erste Wort der Religio«. Bo« Dr. Rax Wiener -Stettin. Alle Regungen des Herzens, -die das Göttüche berühren, quellen ans einem Gefühle hervor und münden wieder in dieselbe Empfindung ein: Vertrauen. Wir sehen Gott nicht, wir hören chn nicht; aber wenn er uns überhaupt etwas fft, wenn wir an chn glaube», fb geschieht's nur, well das Unhörbare und Unsichtbare, das scheinbar ganz Unwirviche, mtt der Kraft gewaltigster Wirksamkeit sich zu uns neigt. Wir weihen ei» neues Jahr mit dem Gebete ein: Gott möge es uns segnen! Alle Ungewißheit und Bangigkett, alle Besorgnis und Hofftmng zittert in dieser Bitte. Wir wissen im voraus, daß alle fromme Sehnsucht des Herzens, alles Flehen der Seele gar viele Betende nicht davor behüten wird. Trübes und Leidvolles im kommenden Jahr zu ertragen: Mangel nnd Krankheit, Tod und Kummer, das Verwelke», mancher blühenden Hoffnung, Zerstörung ftrcchleaden Glückes. Nicht blind ist unser Vertrauen, kein Aberglauben unser Glatbe. Doch das alles — wird man uns sagen — ist die Sprache des schon Üeberzengten. Wer bete» kan», lebt ja in Gott, dem ist der Höffffte die gewffschte Wirklichkeit, vo» der chn nichts losreißt. Wie aber kommen wir zu ch«? Wie sangen wir', an, einer heüigen Welttmicht zu vertrauen? Wer in Gott ist, dem mag alles zur Frage werden, nur Gott lckber nicht. Aber nicht auf bas Sei»» Gott, auf de» W e g zu ihm kommt dtes wem» er ms fern erscheint oder vielleicht niemals «s nahe »xrc.' Wir fragen, uns: Was entfremdet den Mensche» de» Slmcke» an eine heilige Weltmacht, an die Herrschaft der Mte wA

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