Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- 122 (30.9.1921)
- Date
- 1921-09-30
- Page
- Seite 323 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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383 deln und werten. Einer der schlagendsten Beweise in unserer Mitte dafür ist der Zionismus, der ja völlig aus dem Gefühlsmäßigen herauswächst, und überhaupt der ganze erfreuliche positiv Zug, der in unserem Geschlecht sich in der Richtung auf das Jüdische bemerkbar macht, und der, wenn man die Frage stellen würde, wieso er im Gegensatz zum vorausgegangenen Geschleckt entstanden ist, aus der Vernunft allein nicht zu erklären ist. Und wenn es nun richtig ist, daß das Wesen des liberalen Judcnlums darin besteht, daß es eine Entwickelung anerkennt, daß es das Judentum als Produkt ivechselnder Zeiten belrachtet, so wäre die Verbindung des Irrationalen mit dem liberalen Judentum darin gegeben, daß man sich dieser Macht t>ediem. nicht etwa, daß man sich ihr unterwirft, sondern daß inan sich ihrer bedient, sie benutzt zur Ausgestaltung des Judentuins. Das ist ja schließlich einer der lebenserhaltenden Faktoren im Judentum gewesen, daß es sich nie den das Seelenleben der einzelnen Epochen beherrschenden Strömungen verschlossen hat, daß es sie zu benutzen versuchte zur immer lvieder erneuten Befestigung des Judentums, daß es von jeder Dank- und Gesühlsrich- 1 lung aus einen neuen Weg ins Judentum suchte und fand, j Was war das Charakteristikum der klastischen Epoche der Reform? Der Wille, das Judentum rational, vernunftgemäß zu erklären und zu ordnen, der Gedanke, es genüge eine wissenschaftliche Erkenntnis von einer Sache, um sie dieser Erkenntnis entsprechend zu regeln, cs genüge eine Einsicht in das Werden und Gewordensein einer Einrichtung, um sie als Menschenwerk selbstständig zu regeln. Was fehlte, war eine tiefere Einsicht in eben jenes Unaus- ' sprechbare, das in den Seelen lebt und das als bestimmend oder doch mitbestimmend loirfr oyne Rücksicht aus rationale Erkenntnis. Was fehlte, war die klare Einsicht in die unbedingte Notwendigkeit, Gemütswerte zu erzeugen und zu beachten. Dementsprechend ging der ganze Zug daraufhin, die Einricknungen des überlieferten Judentums aus ihre Brauchbarkeit und Zeitgemäßheit zu untersuchen. Daraus lvurde das entscheidende Gelvicht gelegt, und die Fragen der inneren seelischen Stellungnahme, der Gläubigkeit, wenn man es so nennen will. der Erarbeitung eines persönlichen Verhältnisses zur Welt wurden als gleigültig in den Hintergrund gedrängt. Vielleicht rnachen wir es uns an zwei charakteristischen Beispielen klar: Wie unendlich erbittert wurde über die Frage der Gebetssprache gestritten! Wollte inan sie beantworten, so wählte man zu ihrer Entscheidung die Untersuchung über die Gesetzmäßigkeit des Berens in einer anderen Sprache als der hebräischen. Demgemäß stellte man die Kernfrage so: Ist es nach jüdischcin Gesetz geboten, nur in der hebräischen Sprache zu beten, oder ist es nach jüdischem Gesetz gestattet. auch in einer fremden Sprache zu beten? Daraus durfte man mit dem größten Rechte der Welt antworten: Ja, jede Sprache ist gestattet, das Hebräische ist nicht obligatorisch und war es nie. Tausend. Gründe sprachen und sprechen lveiter für das Gebet in der Landessprache. Die Annvorl war also an sich vom Standpunkt des nüchternen 't>ernunstgemäßen Denkens aus richtig. Aber was war dalnit gewonnen? Im Grunde gar nichts. Man hatte rein rational gedacht, hatte sich verunftgeniäß vorgestellt, man würde umsoeher beten, je besser man den Ten versteht. Was man aber zu wenig iu Rechnung stellte, war das Irrationale des Gefühls, das am Hebräischen hängt, jenes Irrationale, das aus allerlei Duellen gespeist wird, bald aus dein Schauer vor etwas als altehrwürdig Gedachtem, bald aus dem Gefühl für das Andersgeartete, Geheimnisvolle. bald aus einent Gefühl für das Merkwürdige, das gerade in einer unverstandenen, halbverstandenen Sprache milschwingt, es sind lauter Dinge, die nicht zu erklären find, aber sie sind nun einmal da und haben den Willen bestimmt. Wie stark sie sind, sehen wir doch an den vielen jungen Leuten, die, ohne zionistisch orientiert zu sein, nach Kenntnis der hebräischen Sprache langen, unb wenn auch bei vielen der Ernst der Arbeit nicht mit dem geäußerten Wunsch übereinstimmt, es ist doch schon etwas, dqst ste zu! uns kommen, um hebräisch lernen zu können. Nchmen j wir ein zweites Beispiel: Die Frage der Verbindung dts Sabbaths mit dein Sonntag. Ta wurde die Frage ge-! stellt: Darf man am Sonntag einen Gottesdienst mit Thoravorlesung halten? Was war damit gewonnen, daß man ganz richtig geantwortet hatte, ja, es ist erlaubt? Wenn man nur kühl Vernunft walten läßt, sprachen unendlich viel Gründe dafür. Aber das hieß, die Frage rational betrachten. Selbst als Abraham Geiger die Verlegung ablehnte, tat er es aus einern erheblich rationalen Grunde, lveil, wie er es sehr schön und treffend formu-' lierte, das ein Anerkenntnis der Herrschaft der christlichen Kultur bedeuten würde, wenn inan den Sabbath auf den Sonntag verlegen würde. Es fehlte an der Erkenntnis, daß bei diesem Frage eine Menge von irrationalen Motiven milschwingen, die, lveil sie irrational sind, zwar nicht erklärbar, aber vorhanden sind und eben um ihres Irrationalen willen sich der Diskusiion entziehen.- Ganz ähnlich liegt es bei der Bewertung der religiösen Handlungen, der Zeremonien, der Mizwoth im ganzen. Man konnte gut die Frage stellen, ob denn diese religiösen Handlungen den Kern des Judastums bedeuten und darauf die Antwort gel>en, daß sie niemals in stierer Weise als Mittelpunkt des' Religiösen gegolten habek und gelten sollten oder durften.- Aber wenn man dann daraus die Folgerung zog, daß man also ein Judentum auch ohne sie sich denken und gestalten könnte, daß sie, lveil nicht ous^einem bestimmten vernünftigen Grunde zu erklären in der Formung des Adentums keine ausschlaggebende Rolle spielen, so hatte man eben rein rational gedacht. Man hatte eben die Bedeutung der Wissenschaft für die Gestaltung des Religiösen weit überschätzt. Daß die Wissenschaft auf irgend eine Frage j eine bestimmte Antwort gibt, bedingt noch lange nicht, daß > nun auch das praktische religiöse Leben nach dieser Antwort geregelt wird. Die Wissenschaft betrachtet eben ihre Objekte kühl und rational, und das Religiöse ist in seiner Wurzel irrational. Rational gedacht, kann man zum Beispiel das Beten fast gar nicht erklären, und doch treibt den Menschen trenn er religiös empfindet, irgend ein Verborgenes in :hm zum Gebet, zur Aussprache, etwas — nun eben Uncrklärbares, Irrationales, das mächtiger ist als alle Vernunftgründe. Hier an dieser Stelle müsien tvir mit unserer eigenen Erkenntnis einsetzen. Wir müssen uns selbst eingestehen, daß die Methode nur in gewissen Grenzen richtig war und müssen entschlosien auch die andere Seite Machten. (Schluß folgt.) Die Mner Leiden. (Fortsetzung.) Am dritten Tammus, einem Donnerstag, (26. Juni 1096) wurden die Frommen in Altenahr (jetzt Allhofen) bei Mlich, den Namen des einzigen Gottes bekennend, gelötet. Nur eine ganz kleine Zahl blieb übrig. Am vierten Tage des Tammus, Freitag, (27. Juni 1096) scharten sich die Feinde gegen die Frommen, so in Altenahr bei Ahrweiler waren, und marterten und peinigten sie schwer, um sie zur Taufe zu bewegen. Die Frommen faßten aber den Entschluß, zu sterben, bekannten ihre Sünden vor ihrem Schöpfer und erlasen fünf aottesfürchtige und beherzte Männer, die alle andern schlachteten. So starben gegen dreihundert angesehene Mitglieder der Gemeinde von Köln. Auch nicht einer blieb übrig, alle starben in Reinheit um der Heiligung des, göttlichen Namens willen. Unter diesen Märtyrern war auch der Vorsteher Mar Iehudah ben R. Awraham, ein hochangesehener Mann,, der edelste der Edlen, der erste der Sprecher. So oft Leute aus den andern Gemeinden nach Köln zu Markte kamen — es geschah dies dreimal im Jahre —, sprach er im Pethaus als erster, und alle schwiegen und lauschten austnerk- #