Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- 122 (30.9.1921)
- Date
- 1921-09-30
- Page
- Seite 322 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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322 ein elementarer Umschwung. Und dieser Umschwung, diese Aufrüttelung kann zunächst keinen anderen Ausdruck finden als den r e l i g i ö s e n. Hier liegt die Frage nach dem Woher der religiösen Erneuerung beantwortet: ehe der in seinen Krästen erneuerte Mensch sich neue Lebensformen schasst, sucht er ein neues Verhältnis zum Lebenselbst, suchtereinenneuenSinndes Lebens, oder vielmehr, der neue Sinn des Lebens ist der innerste Trieb und Kern in der Erneuerung aller * Kräfte. Und wie steht es um unser heutiges jüdisches Geschlecht? Die sogenannte Golus- und Ghettotultur ist zerfallen, well chre Lebensformen zerbrochen find, und das ganze 19. Jahrhundert hindurch hat sich die jüdische Psyche an dem Gleichberechtigungsproblem zermürbt, sicher ehrlich und leidenschaftlich, aber auch wohl ungeistig und armselig, auch wir leben heute im Chaos, aber wir fühlen, daß der Geist noch nicht zerbrochen, daß wir auch als Juden nicht zu sterben brauchen, weil der Geist noch Kraft zu neuer Schöpfung hat. Und diese Schöpfung kann wohl nichts anderes sein als das einzige, was eben allezeit ans der Auflösung einer Kultur hervorging, nämlich religiöse Erneuerung, deren Mutterbaden, wie alltägliche Erfahrung lehrt, die ungeheure jüdische Zerrissenheit, die unendliche jüdische Sehnsucht, kurz, nach den trefflichen Gedanken Marlin Bubers, das nicht wegzuleugnende pathettsche Chaos so vieler heutiger Juden ist. Cs ist ein tiefes Symbol des Judentums für alle Zeit, daß der Messias und sein Kommen vor die Erlösung gestellt ward. „Ich sende euch den Propheten Elia, bevor kommt der Tag des Herrn, groß und furchtbar. Er wird wieder zuwenden das Herz der Väter zu den Kindern und das Herz der Kinder zu ihren Vätern", das ist das Schlußwort jüdischer Prophetie, das letzte Wort des letzten Propheten Maleachi! Wir stehen vor dem Rosch-haschonoh-Feste, dem Feste herbsttichen Ernstes, dem Tage des Gedenkens und des Gerichts mit seinen Malchujoth-, Sichronoch- und Schosarothgebeten, der Königshuldigung, dem Gedächtnis- und Posaunen-Gebete, die Gott preisen zum ersten als König der Welt — „Ich bin der erste und ich bin der letzte, und außer mir kein ©ott" —, zum zweiten als Richter der Geschöpfe — „Du gedenkst, was geschehen ist von Ewigkeit, und schaust die Geschöpfe alle seit Anbeginn, alles kommt vor dich, ein jegliches Tun und sein Schicksal" — und endlich zum dritten als Gesetzgeber Israels — „Du hast dein heüiges Wesen geoffenbart der Gemeinde, die entgegenbedte dem Himmelswort aus deiner Höhe". Erneuern wir diese göttliche Gemeinde, in der Liturgie des Muffafgebetes von Rosch-haschonoh gesprochen, „sei es als Kinder oder als Knechte". Fort mit allen Freudentänzen und allen Iubelliedern, die zu dem schweren Gericht, das Der uns hereingebrochen, wahrlich schlecht paffen. Schon der Talmud verbot Iubellieder am Tage des Gerichts und läßt Gott sprechen: „Während ich zu Gericht sitze über das Geschlecht der Sterblichen und die Bücher des Lebens und des Todes vor mir aufgeschlagen sind, wollt ihr mir Lieder fingen?" Um dessentwillen wurden die Lobpsalmen 113 bis 118, nämlich das sogenannte Hallelgebet, aus der Liturgie von Rosch-haschonoh gestrichen! Die jüdische Psyche wird dann auch uns wieder aufuebmeu und sie wird auch uns, wie es im Sichrvnotzgebet von Rosch-haschonoh heißt, in all ihrer Zärtlichkeit antworten und wieder zurufen: „Ich gedenke dir die Holdseligkeit deiner Jugend, die Liebe deiner Brautzeit, da du mir nachzogst in der Wüste, in dem Lande, dem saatenlosen; ich gedenke meines Bundes mit dir in den Tagen deiner Jugend und richte mit dir auf einen ewßge» Bund!" »Über die Se-eutm« des Irrationale« für das liberale Judentums Ton Dr. 2Äof Oirnemann-Offenbach (Fortsetzung.) Versuchen wir vorerst einmal die Begriffe zu klären. Was liberales Judemum ist. wissen wir und werden wir uns rasch wiederholen können. Es ist diejenige Aufsaffung des Judenrums. die es nicht als starres, ein für allemal gültiges Gebilde hinnimmt, sondern es als ein in die Zeir hineingestellles Gebllde betrachtet, als die Lumme von Weriungen. Anschauungen, Gefühlen und Willenskundgebungen, die in den verschiedenen Phasen, die die jüdische Glaubens-, Stammes- und Schicksalsgelneinschast durchschreitet, nach Ausdruck ringen. Es ist der Versuch, die Juden von heute aus der Gesetzlosigkeit und Willkür der Gestaltung ihres religiösen Lebens herauszuj stehen. Und es ist endlich die An, Judentum nicht zu betrachten nur als die Lumme von Vorschriften, denen man gehorsam zu sein hat, allo als das Gehen eines gebahnten und umhegten Weges, sondern vielmehr als das Gehen eines Weges, den man sich selbst sucht und bahnt, als die Erfüllung einer persönlichen Sehnsucht, als ein ewig sich erneuerndes Lich-in-Verbindung-setzen mit Lehre und Geschichte in Israel. Was aber ist das Irrationale? . Im Grunde genommen kann man es beinahe nicht definieren. denn definieren heißt, seinen Verstand, den zergliedernden und ordnenden, walten lagen. Definieren heißt, die Sprache gebraucben, und in der Sprache waltet ja stark ein Rationales. Immerhin versuchen wir es. Das Irrationale ist alles, was in den Seelen der Menschen lebendig ist. ohne daß wir es als Beobachter vernunftgemäß erklären können, ohne daß es zu seiner eigenen Legitimierung sich zu beweisen für nötig hält; es ist die Gesamtheit dessen in unseren Seelen, was sich selbst als gegelen hinnimmt, was sich jenseits aller Ueberlegung und vor allem Wirken als vorhanden betrachtet und sich, weil cs sich nicht von einer Ueberlegung, also von einer Wahl, kontrollier: und abhängig fühlt, als bestimmend empfindet. Irrational ist die gesamte Geburt des Willens im Menscheff. Irrational ist die Summe alles dessen, was in der Seele des Menschen sich als souverän ansieht. Es bleibe dabei zunächst dahingestellt, ob diesem Irrationalen «.in Rcck.t und welches zuzumesien ist. Ich persönlich meffe ihm ein Recht zu. aber ich sehe auch die sstrrken Gefahren. — Rassentheorie zum Beispiel und Nationalismus sind ja nur der folgerichtige Ausdruck der Anerkennung des Irrationalen; ihm also ein grenzenloses Recht, absolute Geltung zumeffen. hieße allen dunklen Instinkten und Triebe eine hemmungslose Herrschaft zugestehen, hieße im Letzten auch dem verbrecherischen und zerstörenden Trieb Rechtsgelrung geben. — darüber könnte man unermeßlich debattieren und könme es doch nie absolut, sondern nur aus seiner Subjektivität heraus beantworten. Aber ob der Einzelne unter uns dem Recht des Irrationalen zustimnu oder nicht, ist gleichgültig. Tatsache ist, es ist ein Charakteristikum unserer Zeit, daß dieses Irrationale bestimmend ist. daß man nicht wie in der Epoche vorher zu den letzten Fragen Stellung nimmt auf Grund von Ueberlegung. Nachdenken. Berechnung, Erklärung, wissenschaftlicher Durcharbeitung, übeichaupt nicht aus dem Willen nach Klarheit, sondern aus dem Dunklen, Triebhaften. Unerklärbaren, Mystischen heraus; wenn das Wortspiel gestattet ist, aus der Voraussetzung heraus, daß es Voraussetzungen in der Seele gäbe, aus denen man urtellt, denkt und will. Nun wird man fragen können, ob es nicht für diese Voraussetzungen eine Grenze gibt und wo fifist. daS wird vielkicht in dreißig Jahren eine sogenannte neue Erkenntnis sein. Heute aber ist es so, daß dieses Triebhafte, Dunkle als Macht und bestimmend aberkannt wird, daß anerkannt wird, daß die Mensche^ danach denken und han- »