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Jüdischer Bote vom Rhein · 1921-09-23 · 121 (23.9.1921) · p. Seite 311

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
3 (1921)
Issue
121 (23.9.1921)
Date
1921-09-23
Page
Seite 311 (sequence 3)
Language
German
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fen. Rabbiner Hoffmann-Ezernowitz erklärte namens der Misrachi, daß sie sich an dem K. H. nur beteiligen können, wenn lediglich Unternehmungen unterstützt werden, die die streng religiösen Vorschriften hochhallen. Es folgte dann noch eine längere Spezialberatung über die einzelnen Forderungen, die aber im allgemeinen Zustimmung fanden. In sehr eingehender und ernster Weise beschäftigte man sich mit Schul- und Kultursragen. Dr. Lurie-Palästina stellte fest, daß der Unterricht in den jüdischen Schulen Palästinas auch in den allgemeinen Lehrfächern hebräisch erfolge, ein Umstand, der noch vor 27 Jahren allen alten erfahrenen jüdischen Schulmännern unmöglich erschien. Der Erfolg sei ein ungemein günstiger, die Sprache der Jugend nach Beendigung der Schule sei nur noch hebräisch, wie auch jetzt schon die jüdische Bevölkerung m Palästina fast ausschließlich die Sprache ihrer Väter spreche. Der Aufschwung des Hebräischen mache sich auch in anderen Ländern bemerkbar. Als Mittel zur Jugenderziehung sind, wie auch bei anderen Völkern, Kindergärten geschaffen, denen man große Aufmerksamkeit zuwende. Für das Schulwesen sind im vorigen Jahre 118 000 Pfund ausgegeben, welcher Betrag lür diesen hochwichtigen Zweck viel zu gering ist. Es besteht noch ein Mangel an Lehrapparaten. Die Lage der Lehrer ist materell wenig günstig. Für die kulturellen Ausgaben muß in verstärktem Maße an die Opferwilligkeit desIuden-. tums in der ganzen Welt appelliert werden. Dr. Hilkowitsch-Amerika teilte mit, daß sich bei dem Besuche Prosesior Einsteins die amerikanischen jüdischen Zrzte reorganisiert haben zur Schaffung eines Fonds für die medizinische Fakultät in Jerusalem. Es wurde befchlosien, ftir diesen Zweck eine Million Dollar aufzubringen. Svkolow begrüßt es, daß sich in Jerusalem eine Bereinigung jüdischer Schriftsteller gebildet habe, die einen hebräischen Verlag auf kooperativer Grundlage ins Leben gerufen habe. Prof. Dr. Heinrich L. Löwe-Berlin verlangt, daß die Exekutive schleunigst bedeutende Mittel bereitstelle zur wisienschastlichen Erforschung Palästinas und zur Pflege der Naturwissenschaften an der Universität in -Jerusalem. Weiter fordert er Schaffung einer großzügigen landwirtschaftlichen Versuchsanstalt. Die jüdische Nationalbibliochek, zu deren Gründung. auf dem Kongreß die ersten einleitenden Schritte getan worden sind, wird ein wichtiges Bindeglied für den Zusammenhang des jüdischen Paläfttna mit dem Judentum der ganzen Welt sein. Die ganze Welt müffe aufgesordert werden, zu dem großen Werke der Nationalbibliothek durch Geldmittel undBücherspenden beizutragen. Bei der Aussprache über die Ausbringung der Gelder für den Palästina-Ausbaufonds (Keren Hajestod) kam es zu lebhaften Auseinandersetzungen, da von verschiedenen Seiten eingewendet wurde, daß die Auflage des sogenannten Master (Zehntel aller Einnahmen und vom Vermögen) eine schwere Belastung weiter Volksschichten wäre und sich kaum durchführen ließe. Dr. Handike, der Direktor des K. H., bestand aber auf der Forderung und die Master-Abgabe wurde nicht nur fast einstimmig beschlosten, sondern noch durch den Zusatz verschärft, daß Zionisten, die ihrer Pflicht nicht Nachkommen, keine Aemter und Ehrenstellen in der Organisation bekleiden dürfen. Zugleich wurde noch folgende Entschließung angenommen: Der Zionistenkongreß wendet sich an das ganze jüdische VolkmitderAufforderung, durchdenK. H. die Grundlage für den Aufbau der jüdischen Heimstätte in Palästina zu schaffen und den K. H. zu einem allgemeinen jüdischen Fonds zu machen. Diese Beschlüsse wurden mit minutenlangen, stürmischen Freudenkundgebungen ausgenommen. Dr. Halpern-Wien erstattete bann de» Bericht ' Finanzkommission, wobei er hervorhob, daß lxwB»bget für das nächste Jahr so große Summen mnfaflt, daß es fast schon einem Staatsbudget gleichkomme. Es handle sich «m l’/2 Millionen Pfund. Das regelmäßige Palästinabrchgel - sei mit 656 000 Pfund veranschlagt, darunter für Schulen und Erziehungswesen 128 000 Pfund. Bei der Weilerberatung kam es zu schweren Konflikten grundsätzlicher Art Mischen d§r Rechten und Linken des Kongrestes, die zeitwellig zur Unterbrechung der Sitzung führten, und zwar infolge eines Vorstoßes der orthodoxen Richtung. Namens der Misrachi stellte nämlich der Berliner Radierer Struck die Forderung, daß in Palästina nur diejenigen Institute durch die zionisttschen Fonds unterstützt werden dürfen, die die rituellen und religiösen Einrichtungen der jüdischen Religion strenge erfüllen. Dagegen demonstrierte die äußerste Linke in heftigster Form. Es ertönten laute Protestrufe, u. a.: „Ist das Gewstsensfreiheit?" In der von Struck beantragten yamenttichen Ab-! stimmung wurde mit 156 gegen 155 Stimmen bei zahl-! reichen Enthaltungen beschlosten, über den Antrag der! Misrachi zur Tagesordnung überzugehen. Die Mitglieder I der Exekutive stimmten gegen den Uebergang zur Tagesordz nung. Struck erklärte hierauf, daß die Misrachi unter diesen i Umständen genötigt seien, gegen das Budget zu stimmen, und drohte, wenn der Beschluß aufrecht erhalten bleibe,! daß die Misrachi nicht in der Lage wären, sich weiter an! der Sammeltätigkeit der zionistischen Organstalion zu be-! teiligen. (Große Bewegung und Unruhe.) Diese Erüä-! rung und die dadurch hervorgerusenen Entrüstungskund- | gedungen der äußersten Linken riesen den Prosesior Weizmann auf den Plan, der dringend zur Ruhe und Verständigung mahnte. Aus Vorschlag des Vorsitzerchen wird die Sitzung vertagt, damit die Fraktionen zu diesem Antrag! Stellung nehmen können. Darauf wurde unter großer Erl regung die Sitzung unterbrochen. Nach Wiederaufnahme der Sitzung legt Prosesior Chajes-Wien einen Kompromißvorfchlag vor, in dem es heißt: „In den von den zioniststchen Organisationen gegründeten, erhaltenen und subventionierten Institutionen in Palästina darf nichts geschehen, was gegen die jüdsiche Tradition verstößt. Die Leitung der zionistischen Organisationen hat die Durchführung dieser Tradition zu sichern." (Lebhafte Zustimmung.) Prof. Weizmann legt beiden Seiten nahe, diesen Weg! der Verständigung zu beschreiten. Er erklärt auf das feier-; lichste, daß die Leitung unter keinen Umständen zulasten werde, daß irgend jemand in seiner persönlichen FnUheit beeinträchtigt werde. Auf Schweigers Antrag wird oder ' die Abstimmung vertagt. Darauf wurde die Sitzung auf-; gehoben. | In der Auseinandersetzung zwischen der orthodoxen; Misrachi-Gruppe und der Linken des Kongresses gab nach | der Wiederaufnahme der Verhandlungen Locktrt-Wben , namens der drei Arbeitergruppen desKongresies eine scharf i formulierte Erklärung gegen den Antrag der Misrachi und! gegen den Vermittlungsvorschlag ab. Die Arbeiter etblick- : ten in dem Vorstoß der Misrachi d.en Versuch, den Zionismu. zu klerikalisieren und aus Palästina einen Kircherstkoat zu machen. (Unruhe rechts.) Jede Beschränkung der Gewistenssreiheit werde an dem geschlosieuen Widerstand der Arbeiter Palästinas scheitern. Die jüdische Arbeiterschaft werde ihre Unabhängigkeit gegen Intoleranz bis -um äußersten verteidigen. (Stürmischer Bestall tücks.) Unter Stimmenchaltung der Anken wird der Vermittlungsvor- . schlag von Pros. Chajes-Wien angenommen. Hermann Struck-Berlin erwartet, daß die Leitung nunmehr ernstlich versuchen wird, entsprechmd der Stimmung in der Mehrheit des Judentums ein wahrhaft Wisches Leben in Palästina zu erwecken. Dan» werde es gelingen, die Ideale der streng orchodoxen Juden zu wahre«.

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