Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- 121 (23.9.1921)
- Date
- 1921-09-23
- Page
- Seite 310 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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.Notwendigkeiten des praktischen, religiösen Lebens ergeben fichaus de» Hmeivächelltsein i» de» modern» Sß»t »»d die moderne BolSmltur? Das waren Fragen, die in frühe«» Tanunge» gestellt wurden und von Freund und Feind mit jnttfer und er»strr wistmschafllicher Vertiefung erörtert wurden, so ernst, daß wir Heutigen beschämt davor stehen und das Haupt senken müssen wegen unserer Lästig feit oder wegen unseres Mangels an Vertiefung. Zu einem Teil ging der religiöse Liberalismus unserer Tage auch in dieser Bahn, als ein Teil den Versuch machte, eine Form heutigen jüdischen. Lebens in den Richtlinien zu orAinifieren. Der Versuch war nicht erfolgreich. Eine spätere Zeit wird zwar sicher über jene Richtlinien anders urteilen als unsere Zeitgenossen es tun. In der Judenheit ist es von jeher so gewesen, dag erst die Patina des Alters einer vttigiösen Anordnung Wert gab, man muß erst ein Jahrhundert tot sein, damit ZSort und Werk Autoritär gewinnt, aber für heule muß man feststellen, daß der von den religiösen Führern unseres Liberalismus beabsichtigte praktische Versuch fruchtlos blieb. Gegenüber all den praktischen Versuchen einer Gestaltung religiösen Lebens müsien die folgenden Erörterungen, wenn sie mir dem Anspruch auflreten, ein Beitrag zum Aufbau unseres religiö'en Lebens zu sein, als ein Abstieg, als ein leeres Gerede erscheinen, als ein Gerede um religiöse Fragen ohne augenblicklichen sichtbaren Zusammenhang mit dem praktischen Leben, das doch im letzten das einzige Wichtige im Religiösen ist. Aber es bleibt beinahe ein anderes zu run nicht übrig. Schon bei den Liberalen der klastischen Zeit war es so, daß ihre Tat praktisch in vielen Dingen unwirksam blieb. Man kann konstatieren, daß von all ihrer Tätigkeit im Praktischen im Großen und Ganzen als Kennzeichen des Liberalismus nur das eine übrig blieb, daß sich in Gemeinden gewisser Richtung ein annähernd einheitlicher Ritus herausgebildet hat. Und auch diele Feststellung isi noch mit vielen (Einschränkungen zu versieben. Bei der Einheitlichkeit sind noch ungezählte örtliche Verschiedenheiten, und zudem ist das ganze Riruswesen eine gewisie Täuschung. Es ist wohl ein liberaler Ritus da. aber er schwebt in der Luft, es sind nicht allzuviele, die ihn benutzen. Es gelang wohl eine Einheitlichkeit und neue Form der unterrichtlichen Erziehung zu schaffen, aber sie hat Gott sei Dank aufgehört, ein Kennzeichen des Liberalismus zu sein, und daneben ist sie ungenügend und des Zusammenhangs mit dem Haus entbehrend. Es gelang nicht, eine Einheitlichkeit zu schaffen in der Äusgestalmna des jüdischen Lebens im ganzen. Die Ehegesetze konnten nicht ausreichend fortgebilder werden, obgleich ibre Fortbildung eine geradezu gebieterische Notwendigkeit ist, um schreiende Mißstände abzustellen, die Frage der Speiieaesetze entzog sich nicht nur der Regelung, sondern man ging ihrer Erörterung peinlich aus dem Wege. Und dabei harten jene Klassiker des religiösen Liberalismus vor den Heutigen noch eines voraus. Sie hatten wenigstens Mengen hinter sich, hatten ein Publikum, das immerhin noch genug jüdisches Wissen hatte, um ihre Schriften und Forderungen mit durchzudenken und zu prüfen, das aus sie horchte und sich führen lasten wollte, soweit nicht-orthodoxe Juden überhaupt sich führen zu lasten gewillt sind, aber man hat es ja bei den Richtlinien gesehen, daß der Liberalismus von heute nur namensmäßig Anhänger har. in denen aber ein Wille nicht vorhanden ist. Do er vorhanden ist, bewegt er sich entweder in einer anderen Richtung als wir sie wünschten, in einer ganz radikalen, und wo dieser nicht da ist, ist ein Motiv überstark in den Serien: Feigheit, die Sucht, nur ja nicht bei der Orthodoxie Anstoß zu erregen. Wenn die Früheren vielleiA in der Methode fehl gingen, — wir werden sehen, oh und inwieweit sie es taten, — so arbeiteten sie mit untauglichen Mitteln an einem tauglichen Objekt. Wir aber arbeiten an einem untauglichen Objett. Vielleicht ist das Objett aber gar nicht sountauglich, vielleicht verstehen wir nur die Seelen - i unserer Zeitgenossen nicht, vielleicht ist es" notwendig, erst eüooal auis Neue unter-ntanchen in die Seelen, den» wer fuhren will, muß die S«le der zu Führenden kenn», mcht m» sich ihr anzupassen, sondern um die in ihr wirkenden Kräfte zu benutzen und aufs Ziel zu tanfen. Einen ganz schwachen Beitrag dazu mögen die kommenden Erörterungen bilden. Wir wollen uns klar werden über „das Arvrionale und seine Bedeutung für das liberale Judentum." (Fortsetzung folgt.) Der Xll. Iiomstenkougreß (Schluß.) Zm weiteren Verlauf der Kongreßverhandlungen gab im Hinblick auf die vielfach geforderte Verlegung des Rarionälfonds nach Jerusalem das Mitglied der (hekutwe Lichcheim-Berlin die Erklärung ab, daß die Exekutive nach sorgfältiger Prüfung.sich vorläufig gegen die Verlegung ausgesprochen hat. Leber die sanitären Verhältnisse in Palästina gab die von der Palästinakommission eingesetzte besondere ärztliche Abteilung einen Bericht. Es ^eht daraus hervor, daß sich die Kommission um den Ausbau des Sanitätswesens mit großem Erfolg bemüht hat. Als 1918 die englische Armee in Palästina eingerückt war, entsandte der jüdische Frauenverein Hadassa eine amerikanische Sanitätsexpedition, die sich mit großen Erfolge hygienisch-medizinisch betätigte. Spater erweiterte die Hadassa ihren Wirkungskreis unter ständiger Forderung durch die zionistische Kommission und gründete ein Pasteur-Institut, Hospitäler und Polikliniken. Es wird als notwendig bettachtet, die gesamten Arbeiten durch Schaffung eines Sanitätsdeparlements zu zentralisieren. Die Ausgaben für das Sanitätswesen in Palästina werden für 1919/Ä) aus 12 000 Pfund veranschlagt. Das Mitglied der Exekutive Richard Lichcheim-Berlin erklärt in seinem Bericht über Organisationsfragen eine Erneuerung des zionistischen Organisationsgedankens für notwendig. Bon London aus könne allerdings nicht kolonisiert werden, aber die politische Leitung der Organisation und die finanzielle Kontrolle müßten in London bleiben. Zn Palästina selbst müßten verschiedene Ressorts gebildet werden, u. a. ein politisches Restott, das die Verbindung mit London unterhÄt, ein Restort für Schulen und Lnterrichtswesen, ein Restort für landwirtschaftliche Kolonisation, ein Restort für städtische Kolonisation usw. Weiter müßte in London ein Finanzierungsapparat ins Leben gerufen werden, bfx die jüdische Well begeistern soll für Beitragszahlungen züm jüdischen Kolonisationsfonds, namentlich für den Ieunsch-Kolonial-Trust. Dann entwickelte Dr. Margulies-Leitmeritz das neue Organstasionsstatut, nach besten Annahme sich eine lebhafte Debatte entwickelte. Anttäge, daß als Beamte der zionistischen Organisation ober als Mitglieder der Exekutive nur Leute angesteltt werden sollen, die hebräisch können, werden angenommen. Hierauf begann die Debatte über den wichtigstenPuntt der Tagesordnung, die Gestaltung des Aufbaufonds (Keren Hajestod). Es wurde vorgeschlagen, daß eine Aenderung in der Verwendung der Gelder des K. H. stattfinden soll. Rach den Vereinbarungen bleibt es aber dabei, daß Ai v. H. für die Aufgaben des Jüdischen Rallonalfonds verwendet werden. Von dem Rest sollen 50 v. H. für das regelmäßige Palästinabudget und für die nationalen Anlagen des K. H., 30 v. H. für die wirtschaftlichen Anlagen verwendet werden. Das Grundprinzip der Aufbringung des K. H. beruht auf dem altjüdstchen Gedanken des „Master", das ist die Abgabe eines Zechntels des Vermögens und Einkommens. Es bedarf der nationalen Erziehung, um bas jüdische Volk zu der richtigen Erkenntnis zu bringen, daß es verpflichtet ffl, dieses große Opfer für Palästina zu leWu. Das ganze jiidstche Volk muß ausgefordert werden, für das K. H. die Grundlage für den Aufbau Palästinas zu fchaf-