Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- 119 (9.9.1921)
- Date
- 1921-09-09
- Page
- Seite 291 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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ten ihn noch mit Spott empfangen. Weiß er doch, daß diese Juden sich über einen „Deutschen", besonders, wenn er noch obendrein arm ist. lustig machen und ihn zum besten halten. Dos Städtchen war von der Station ungefähr einen Werst entfernt. Beim Bahnhof waneren zwei Fuhrleute. Leib konnte sich sogar erinnern, wie ne hießen. Ter eine war Hirsch Pesckes, ein lustiger redseliger Mann, der zweite Israel Misches, dos gerade Gegenteil — und deshalb wählte ihn Leib bei seiner niedergeschlagenen Stimmung. Ter Schweigsame setzte sich schweigend auf den Bock, peitschte das'Pferd und überholte bald den Luftigen mit seinen mageren Pferdchen. Leib gefiel es - er lächelte zufrieden und sammelte fick: „Es komme, was auch kommen mag!" , Als nun der Wagen zum väterlichen Stübchen heranfuhr, zum Stübchen, welches fick während der 6 Jahre merklich gesenkt hatte, und bereits io lief stand, daß die beiden Fenster hart den Boden berührten, hieß Leib mit kochendem Herzen den Fuhrmann halten und sagte stammelnd: .Hier, hier, Reb Israel, hier! Haltet, ballet! Prr!" Der Schweigsame schauie ihn venounderi an und brummte in den Ban: „Bist Salmen Elies Junge? Nu. so empfang einen Scholem Aleichem!" Noch bevor Leib aus dem Wagen gestiegen war. kam ihm ein Schwarm von 6 Kindern — 3 bis 9 Jahre alt — aus dem Stübchen entgegen, ein Mädchen von ungefähr 16 Jahren mit zwei schwarzen, dünnen Zöpfen, und ganz zuletzt eine ältere Jüdin mir zur Arbeit gewickelten Ärmeln, einen feuchten Beien in der Hand. Und ne alle riefen wie mit einer Stimme: „Leib!" Leib schrak zusammen und blieb am Rande des Wagens hängen, er konnte weder binein noch heraus. „Nu kriech doch herunter!" brummte befehlend der Fuhrmann, „und bezabU den Zehnerl (5 Kopeken). Ich Hab' keine Zeit!" Leib machte sich mir Rübe los und stieg vom Wagen: er zog seine Börie hervor und. drinnen suchend, ließ er eine Dreirubelbanknore auf die Erde fallen. Tie herummrehenden Geschwister warfen fick insgesamt darauf, um sie aufzuheben. Die ältere Schwester mit den zwei schwarzen, dünnen Zopfchen harre die Banknote als erste aufgehoben und rief mir einer ungewöhnlichen Stimme: „Drei Rubel!" „Gib acht!" warnre sie die Mutter mit strahlenden Blicken. „Gib's ibm zurück!" „Ich werd's nicht aufesien!" antwortete beleidigt die Schwester. Perscbäml nabm Leib das Geld, legte es in die Börse und fteckre diese in die Buienlaicbe. „Achtung, mein Sobn. mir dem Gelde!" rief ihm die Mutter sanft zu und fübne ihren Leib ins Srübcben. wo sich alle aus Freude über das Wiedersehen küßten und umarmten. Nachdem er sich gesammelt baue, fragte Leib: „Do ist der Vater?" „Der Vater, mein Sohn, ging ins Torf. Er har eine gute Gelegenheit zu einem Geschäft, vielleicht verdient er ein Viertel (25 Kopeken), — er muß aber bald kommen." In einer Stunde kam wirklich der Vater, dem der neunjährige Berale emgeyengeeilt war und noch auf der Gaffe die ftohe Nachricht von Leibs Ankunft überbrachte. Ter Bart des Vaters, der bei Leibs Abreise noch lang und schwarz war, ergraute bereits stark. Tie Schultern hatten sich während der sechs Jahre ersichtlich gebeugt und die Augen hatten ihren Glanz verloren... Nach dem offiziellen „Scholem Aleichem" fragte der Vater: „Nu, Leib, was hast du in den sechs Jahren geleistet? Briefe hast du keine geschrieben ... kein Verbrechen... ein Brief kostet Geld . . . Hast du aber wenigstens etwas Geld gebracht?" „Was? Geld?" erwidene Leib skepttsch und seufzte leise auf. „Gar kein Geld mitgebracht? Gar nicht?" brummte i der Baier und sah den Sohn mtt verdächtige» böse» Blicken an. „Gar nicht!" „Gar nicht! Wie ist's möglich?" Leib schwieg. „Ein Vergehen, ein großes Vergehen!" zürnte der Barer. Er hielt dann einen Augenblick inae und sagte schließlich: „Dennoch. ein Dreirubelstück wenigstens ... ich meine etwa ... ein Scherflein auf die Festrtage_" „Ich besitze 12 Rubel!" Mit diesen Worten verriet Leib »ein ganzes Kapital. Ter Barer sprang auf. nar einen Schrttr zukück, dann einen Schritt vor. strick fick den Ban und sagte mit tmtaf sanften Ton: - .Hm . . . hast du ja dock Geld!... 12 Rubel!. .. Zwölf Rubel ist Geld .. . Hm. ein Mensch kommt und erschreckt mick: hat gar nichts mirgebrackr. Gar nichts bringen, ist nickr gur. aber 12 Rubel. 12 Rubel ist Geld ... Bist doch »venigstens ein Srücket Menick .. .Harren wir nur vor zwei Wochen 12 Rubel gehabt," mengre sich endlich auck die Murrer ins Gespräch. ,Anr darren Gelegenheir. einen Pud Wolle zu kaufen! So har es Ebaim Selbes gekauft und dabei drei Rubel verdient." „Eine Kleinigkeit! 12 Rubel!" wunderte sich wieder der Barer. „Wenn man 12 Rübe' besitzt, ist man bei uns ein Kapitalist." Bald darauf strgre er: „Tu wirst mir doch auf die Feienqge 3 Rubel leihen?" Ta unterbrach ibn die Murrer zornig: „Schau! Erst angekommen ... er borgt schon! Da gibr's kein Borgen!" „Nein, ich meine nichr..versuch re sich der Barer zu rechrftnigen. „ick meine nur seinetwegen, um die Feiertage bester zu feiern: noch ein wenig Mazzoih zu kaufen, mehr Merb .. . vielleicht auch einen Liter Wein, zebn Eier —" „Ich werd' dir geben," unterbrach ihn Leib freudig, „ich werd dir 5 Rubel geben!" „Nein. nein, behüre!" ftel ihm der Vater ins Won. . „5 Rubel brauch' ick nickr. es genügen mir 3! 3 sind mehr als genug, mebr als genug!" Leib aber holte die Vörie bervor. machre sie auf und gab dem Varer 5 Rubel. „Gibst wirklich 5?" ftaare der Barer verschämr und gleichzeitig beglückt. ,.5 .'Varn!" „So. jetzt bist du ein Mensch!" Ter Vater hielt die Banknote einige Zeit in der offenen Hand und sagte bald besorgt: „Ich weiß gar nickt, wo ich's wechseln soll, außer bei Moiiche. dem Bäcker. Er har jetzt ein Bissel Geld vndient, gewiß 25 Rubel vom Pestackmebl!" Er steckte vorsichtig b*t 5 Rubel in die Tasche und »agre: „Bis Bestach Haben wir noch zwei Tage. Ich will morgen ins Ton gehen. Mtt 5 Rubel laßt sich doch etwas anfangen. Wenn man. mein Sohn. 5 Rubel hat. ist man ein Kapitalist..." In einer halben Stunde verbreitere sich im Städtchen das Genickt, man we'ß nicht wieso, daß Lnb Sab«». Nies Junge. der sich als Tunichgut nach Warschau begebe» hatte, ein großes Kapital mit nach Hause gebucht habe. Arme Weiber segneten ihn. Die MÄmer seufzte» vor Neid »ab brummten traurig: .La, die Kinder!. .." 9k Sn firf. Dr. Bi. Battan. Hu lx Jahrhwlden geschah es emmal. daß eme Mörderische Krankhett in der Stadt Worms wittete uäK liefe Büpger ihr z»m (tzffer fiele». Doch i» der AckaWAkstÜh kein einziger. Das machten sich die Judenfeinde halb-»«He; ße