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Jüdischer Bote vom Rhein · 1921-09-09 · 119 (9.9.1921) · p. Seite 290

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
3 (1921)
Issue
119 (9.9.1921)
Date
1921-09-09
Page
Seite 290 (sequence 6)
Language
German
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im letzten Augenblicke ihres Lebens einander an den Hän- -ev {«feiert. So wurden, die sich im Leben so sehr geliebt hatten, auch im Tode nicht getrennt. Der alte R. Schemuel aber, der Vater des R. Jechiel, sagte, da er dies angejcjcn hatte, zu Menachem, dem Synagogendiener: „Jetzt, Vceuachem, 'Unterdrücke dein Mitleid wie ein Held und schlachte mich mit demselben Messer, mit dem ich meinen Sohn Jechiel geschlachtet habe. Ich habe es genau geprüft, «K ist keine Scharte daran, durch die die Schlachtung, ungültig werden könnte." Da nahm R. Menachem das Messer, prüfte es und schlachtete den Alten. Er sprach den Segensspruch, und jener antwortete Amen. Dann stürzte sich der fromme Menachem selber in das Wasser, durchstach seinen Leib und starb. So heiligten diese. Frommen den Namen Gottes. Kommet doch, ihr Geborenen alle, kommet und sehet, ob seit den Tagen des ersten Menschen die Ein- Mkeit Gottes in solcher Erhabenheit bekannt wurde!! Welche Größe dieser Heiligen, die da alle geschlachtet wurden! Welche Stärke des Vaters, der das Erbarmen um seines Sohn überwand! Viele taten so zu jener Zeit; wes Angen es sahen, der zeuget davon, wes Ohren es hörten, der preiset sie. Es war auch ein alter Mann dort, namens Mar El' «sar Halevi, der Schwäher des R. Levi ben Schelomoh; ihn «nd stine Frau quälten die Feinde mit schtveren Martern, um sie zur Taufe zu bewegen. Jede Stunde kamen sie und peinigten sie; denn die Teiche, in die sie sich gestürzt hatten, waren nahe an dem Dorfe. Die Feinde setzten ihnen ihre Speisen vor, doch die beiden wiesen alles zurück und wollten lieber verschmachten. Die Frau starb bald; ihr Mann aber lebte noch drei Tage und rief laut den Herrn an, daß er seinem Leben ein Ende mache. Beide starben an Hunger und Durst und wurden dort begraben. Noch viele andere, deren Namen ich vergessen habe, starben in den beiden Ortschaften, indem sie den Namen Gottes heiligten. Nur ztvei Jünglinge und zlvei Kinder blieben am Leben. lFortsetzung folgt.) Von Berg und Tal Essen. Die neulich angekündigte Sprachschule hat bereits ihr Leben begonnen und hat bisher recht erfreuliche ReMate gezeigt.' Eine Reihe älterer und jüngerer jüdischer Jungen und Mädchen lernten wöchentlich dreimal bei "Herrn Mohr, der mit ausgezeichneter Kenntpis des HebrSschen pädagogische Fähigkeiten verbindet. Durch derartig prlcktische Arbeit faßt die Idee des Hebräischen immer tiekr Fuß in der jüdischen Jugend, und es ist zu erwarten, hast nach Beendigung der Schulferien sich die Zahl der Schüler und Schülerinnen beträchtlich erhöhen wird. Zu jeder Auskunft und Annahme von Anmeldungen ist Carl Sahen, Lortzingstr. 5, bereit. Zn der nächsten Rümmer beginnen wir mit der Veröffentlichung der Novelle 1 »Vas Modell der Schmerzen" von Israel Zangwill. Gse Tragödie des Getthos, die mit dazu bei« getragen hat, den Namen des Verfassers weit über Ale Lugllsch sprechendelsLZelt berühmt zu machen. Oie Schristleitimg. nnini! mmrm rnrrrrtn ■ ■ Die Botentasche iitttttti i I ..11111 n I M111.. Der ~ Skizze von Abraham Reise«. Das Wehen der ersten Frühlingslust auf den Warschauer Gassen Pflegte jedesmal in der Seele Leibs eine Sehnsucht nach der Heimat auszulösen, nach dem kleinen Städtchen, das er als Fünfzehnjähriger verlasien und seit ungefähr sechs Jahren nicht wieder ausgesucht hatte. Er durfte jedoch der Ähusucht nicht folgen, denn er hatte bei seiner Abfahrt dem Vater das Versprechen geben müsien, in der Großstadt ein Mensch zu werden, das heißt im Dialekt seines Vaters, Geld zu verdienen. Und in diesem Sinne ist er noch lange kein Mensch. Seiner eigenen Ueberzeugung nach ist er zwar ein Mensch geworden; er ist in der jüdischen, polnischen und russischen Literatur belesen, er kann mit Menschen umgehen, hat gebildete junge Leute zu Kameraden, er hat sogar mit einem Mädchen ein Liebesverhältnis, wiewohl sie beide von Liebe miteinander noch nicht gesprochen haben. Aber einen Menschen im Sinne des Vaters repräsentiert er noch immer nichts— er verdient sehr ivenig und kann kaum den Lebensunterhalt bestreiten. Mal gibt er eine Stunde, ein anderes Mal fertigt er Schreibarbeiten an, — und wenn es schon gar schlecht geht, lebt man zusammen mit Kollegen. Nun wollte es das Glück, daß Leib eine Arbeit bekam, wobei er ganze 50 Rubel verdiente! Und das gerade einige Wochen vor Pesach. Da begann sich der Gedanke der Heimfahrt in Leib so stürmisch zu regen, daß er sich ihm nicht lveiter widersetzen konnte, und er begann sich zur Fahrt zu rüsten. Von den" 50 Rubeln glaubte er noch mindestens 25 Rubel nach Hause bringen zu können. Ein Kapital ist es freilich nicht; aber so viel er sich erinnern kann, gilt bei ihnen im Städtchen Chaim Seldes als ein Kapitalist, und sein ganzes Kapital beträgt — wenn schon viel — 1000 Rubel. Wenn dem so ist, tröstet sich tzeib, kann ich doch mit 25 Rubeln ruhig vor den Vater treten. Doch er hatte sich verrechnet. Der Anzug kostete nicht 12, sondern 15 Rubel, der Hut kostete ebenfalls einen Rubel mehr, dazu sind noch alte Schulden hinzugekommen, die er tilgen mußte. Kurz, es blieben an barem Gelde bloß 15 Rubel. Nun kostet die Reif? nach Hause, einem Städtchen im Gouvernement Lomcza, 3 Rubel, bleiben 12 Rubel, von denen er noch 3 Rubel fiir die Rückreise zurückbehalten muß. Leib fährt nach Hause. Das Herz klopft ihm vor Angst und Besorgnis in der Brust. Nach sechsjährigem Aufenthalte in Warschau mit solcber Summe heimzukehren! Eine böse Geschichte! Der Vater wird ihn verhöhnen und' mit allen Mitteln beweisen wollen, daß man heutzutage ohne Geld ein Nichts sei; er wird spotten und murren, wie es schon einmal seine Art ist: „Sechs Jahre sich herumgetrieben in einer so großen Stadt und gebracht — 9 Rubel!" Leib ließ dabei durchs Waggonfenster seine Blicke auf die im Kreise sich drehenden, nacheinander hüpfenden Dörfer, Felder und Wälder schweifen. Sie alle schienen seines Kapitals zu spotten. Als der Zug nun stehen blieb, sah Leib drei Juden aus einem anderen Abteil aussteigen, zwei erkannte er. Es waren Nachbarn vom Städtchen. Er wollte auf sie zugehen und nach dem üblichen „Scholem Aleichem" sich nach^inen Eltern erkundigen, — doch er besann sich und meinte. eS sei besser, sich nicht zu erkennen zu geben. Er hatte sich während' der sechs Jahre diesen Typen so entfremdet, daß er sich nickt recht traute, mit ihnen ein Gespräch anzuknüpfen, sie könn- Mnchi für de» Jüdischen Boten vom Rhein! 4784

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