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Jüdischer Bote vom Rhein · 1921-09-02 · 118 (2.9.1921) · p. Seite 279

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
3 (1921)
Issue
118 (2.9.1921)
Date
1921-09-02
Page
Seite 279 (sequence 7)
Language
German
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res unb seines Propheten annähme — ater die Ähnlichkeit ist frappant. Ich haue Moses früher nictzr sonderlich geliebt, wahrscheinlich weil der hellenische Geist in mir vorwaltend war, und ich dem Gesetzgeber der Juden seinen Haß gegen alle Billsii^eit, gegen die Plastik, nicht verlieh. Ich sich nicht, daß Mos^. trotz seiner Befeindung der Kunst, dennoch selber ein großer Künstler rr-or und den nähren Künftlergeist befaß. Nur war diese. Künftlergeist bei ibm, wie bei seinen ägyptischen Landsleuten, nur auf das Kolossale und Unverwüstliche gericbiel. Aber nickt wie diese Aegypler formierte er seine Kunsm-erke aus Backstein und Granit, sondern er baute Menschenpyramiden, er meißelte Men'ckenobelisken. er nahm einen armen Hirienstamm und ickur daraus ein Volk, das ebenfalls den Jahrhunderten trotzen sollte, ein großes, ewiges, heiliges Volk, ein Volk Gones. das allen andern Völkern als Muster, ia der ganzen Menschheit als Protomp dienen konnte: er ickur J'rael! Mi: größerem Reckte, als der römische Tickter, darr jener Künstler. der Lohn Amrams und der Hebamme Jockebed. sick rühmen, ein Monument errichtet zu baden, das alle Bedingungen aus Erz überdauern wird! Wie über den Werkmeister, Hab ick auch über das Werk, die Juden, nie mir hinlänglicher Ehrfurcht gesprochen, und zwar gewiß wieder meines belleniscben Naturells wegen, dem der judäiscbe Asketismus zuwider war. Meine Vorliebe für Hellas hat seitdem abgenommen. Ich lebe je?:, die Griechen waren nur schöne Jünglinge, die Juden aber waren immer Männer, gewaltige, unbeugsame Männer, nicht bloß ehemals, sondern bis auf den heutigen Tag. rro? achtzehn Jahrhunderten der Verfolgung und des Elends. Ich habe ne seitdem bester würdigen gelernt, und wenn nick: jeder Geburtsstolz bei den Kämpen der Revolurion und ibrer demokratiscken Prinzipien ein närrischer Widerspruch wäre, w könme der Schreiber dieser Bläner stolz darauf sein, daß seine Ahnen dem edlen Hauke Israel angebönen. daß er ein Abkömmling jener Märtyrer. die der Welt einen Gön und eine Moral gegeben, und aus allen Schlachtfeldern des Gedankens gekampir und gelir:en baben. Tie Geschickte des Mittelalters und selbst der modernen Zeit bar selten in ibre Tageberickre. die Namen 'olcker Riner des heiligen Geistes eingezeichnet, denn ne iochren gewöhnlich mir verschlostenem Vister. Ebensowenig die Taren der Juden, wie ibr eigentliches Weien. find der Wen bekannt. Man glaubt ne zu kennen, weil man ihre Pärre geieben. aber mehr kam nie von ihnen zum Vorschein, und. wie im Mittelalter, sind ne auch noch in der modernen Zeit ein wandelndes Geheimnis. Es mag enthüllt werden an dem Tage, wovon der Prophet gennis'agr, daß es alsdann nur noch einen Hirien und eine Herde geben wird, und der Gerechte, der für das Heil der Menschheit gedulde:, keine glorreiche Anerkennung empfängt. Judäa erschien mir immer wie ein Stück Okzident, das sick^ mitten in den Orient verloren. In der Tat. mir keinem kpiritualisnschen Glauben, seinen strengen. keuschen, sogar asketischen Sitten, kurz mit feiner abstrakten Innerlichkeit. bildere dieses Land und sein Volk immer den sonderbaren Gegensatz zu den Nachbarländern und Nachbarvölkern. die, den üppig buntesten und brünstigen 9^wrkulten huldigend, im bacchantischen Sinnenjubel ihr Dasein verluderten. Israel laß fromm unter seinem Feigenbaum und sang das Lob des unsichtbaren Gottes und übte Tugend und Gerechtigkeit, während in den Tempeln von Babel. Ninive. Sidon und Tyrus jene blutigen und unzüchtigen Orgien gefeiert wurden, ob deren Beschreibung uns noch jetzt das Haar sich sträubt! Bedenkt man diese Umgebmlg, so kann man die frühe Größe Israels nicht genug büoundern. Von der Freiheitsliebe Israels, während nicht bloß in seiner Umgebung, sondern bei allen Völkern des Altertums, sogar bei den philosophischen Griechen, die Sklaverei justifizien war und in Blüte stand, will ich gar nicht reden, um die Bibel nicht zu kompromittieren bei den jetzgen Gewalthabern. Es gibt wahrhaftig keinen Sozialisten, der , terroristischer'wäre, als unser Herr, und Heiland, und bereits Moses war ein solcher Sozialist, obgleich er als ein - praktischer Mann bestehende Gebrauche, namenüich in Bezug auf das Eigentum, nur umzumodeln suchte. Ja, statt mir dem Unmöglichen zu ringen, statt die Abschaffung deS Eigentums tollköpffg zu dekretieren, erstrebte Moses nur die Moralisarion desselben, er suchte das Eigentunr in Einklang zu bringen mit der Sittlichkeit, mit dem wahren Vernunfrreckl. und solches bewikte er durch die Einführung des Jubeljahres, wo jedes alieniene Erbgut, welches bei einem ackerbauenden Volke immer Grundbesitz war, an den ursprünglichen Eigentümer zurückfiel, gleichviel in welcher Weist dasselbe veräußert werden. Diese Institution bildet den enn'ckiedensten Gegensatz zu der „Verjährung" bei den Römern, wo nach Ablauf einer gewissen Zeit der faktische Besitzer eines Gutes von dem legitimen Eigentümer nicht mebr zur Rückgabe gezwungen werden kann, wenn letzterer nickt zu beweisen vermag, während jener Zeit eine solche Rests rurion in gehöriger Form begehrt zu haben. Diese letzte Bedingnis ließ der Schikane offenes Feld, zumal in einem Stare, wo Despotismus und Jurisprudenz blühte und dem ungerechren Besitzer alle Mittel der Abschreckung, l-eionders dem Armen gegenüber, der die Streitkosten nicht erickwingen kann, zu Gebote stehen. Der Römer war znoleick Soldat und Advokat, und das Fremdgut, das er mit dem Schwirre erbeutet, wußte er durch Zungendrescherei zu verteidigen. Nur ein Volk von Räubern und Kasuisten konnte die Präsifripnon, die Verjährung, erfinden und diestlbe konstkrieren in jenem abscheulichsten Buche, welches di? Bibel des Teufels genannt werden kann, im Koder des römischen Zivilrechts, der leider noch jetzt herrschend ist. Ich babe oben von der Verwandtschaft gesprochen.; welche zwischen Juden und Germanen, die ich einst ,chie - beiden Völker der Sittlichkeit" nannte, siattfindet, und in diestr Beziehung erwähne ich auch als einen merkwürdigen . Zug den ethischen Unwillen, womit das alte deutsche Recht die Verjährung stigmatisiert: in dem Munde des niedersächsischen Bauers lebt noch beute das rührend schöne Wort: .^Hunden Jahr Unrecht macht nicht ein Jahr Recht." Die mosaische Gesetzgebung protestiert noch entschiedener durch! die Institution des Jubeljahrs. Moses wollte nicht das Eigentum abschanen. er wollte vielmehr, daß jeder dessen ' besäße, damit niemand durch Armut ein Knecht mit knechti- 1 scher Gesinnung sei. Freiheit war immer des großen! Emanzipaiors letzter Gedanke, und dieser atmet und slamuit in allen seinen Gesetzen, die den Pauperismus betreffen. Die Sklaverei selbst haßte er über alle Maßen, schier ingrimmig, aber auch diese Unmenschlichkeit komtte er nickt ganz vernichten, sie wurzelt noch zu sehr im. Leben jener Urzeir, und er mußte sich darauf beschränken, das Schicksal der Sklaven gesetzlich zu mildern, den Loskauf zu! erleichtern und die Dienstzeit zu beschränken. Wollte aber! ein Sklave, den das Gesetz endlich befreite, durchaus nicht; das Haus des Herrn verlassen, so befahl Moses, der i nnverbesiettiche servile Lump angenagelt würde, und nach j dieser schimpflichen Ausstellung war er verdammt, auf! Lebenszeit zu dienen. O Moses, unser Lehrer, Mosche - Rabenu. hoher Bekämpfer der Knechtschaft, reiche mir Hamj mer und' Nägel, damit ich unsere gemütlichen Sklave» in? schwarz-rot-goldener Livree mit ihren langen Ohren fest-; nagele an das Brandenburger Tor! Werbt für den Jüdische« Boten vom

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