Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- 118 (2.9.1921)
- Date
- 1921-09-02
- Page
- Seite 278 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Wehe ihm, wenn er eine Meinung vertritt, die nicht vom Gemeindevorstand sanktioniert ist. Zu den innerjüdischen Fragen Stellung zu nehmen, muß er sich versagen, wenn anderer sich das Wohlwollen seiner Vorgesetzten nicht verscherzen will. Ist es doch in einer Gemeinde vorgekommen, daß der Kultusbeamte den Vorsitz im neutralen Jugendbund uiederlegen mußte, weil dieser gegen den Willen des Gemeindevorstehers gegründet wurde, der einen liberalen Jugendbund haben wollte. Verfügt der Kulrusbeamte über einen gewissen Grad von Intelligenz und besitzt er etwas Persönlichkeitswert, so leidet er unter einem solchen Zustand schmerzlicher als unter der kläglichen Besoldung. Angesichts dieser wirtschaftlichen und intellektuellen Not der Kultusbeamten, angesichts der Tatsache, daß die Gemeinden dieser Notlage nicht oder, wo es geschah, in unzureichender Weise Rechnung getragen, habe ich schon auf der Kantorentagung in Berlin zur Selbsthilfe aufgerufen, indem ich den Antrag stellte, der auch einstimmig angenommen wurde, allebeftehendenKultusbeamtenverbände (Rabbiner-, Lehrer- und Kaniorenverband) zu einer gewerkschaftlichen Gesamtorganisation zusammenzufasien, um damit eine wirksame Waffe zu haben im bittern Enste nzkampf. Auf der Düsseldorfer Tagung habe ich nun in einem ausführlichen Referat des weiteren die Gründe dargelegt, weshalb die Kultusbeamtenschaft sich zu solch einer machtvollen Organisation zusammenschließen muß. Unsere Kultusbeamtem>erbände waren bis zum Kriege auf rein wissenschaftliche, berufliche und ideelle Bestrebungen eingestellt. Für die Bekämpfung der wirtschaftlichen Not der Mitglieder, die auch damals schon in hohem Maße bestand, wurde tvenig oder gar nichts geleistet. Als nun während des Krieges und nach ihm die Not, ins Ungemessene stieg, wurde die Umstellung der Verbandslätigkeil nach der wirtschaftlichen Seite hin notwendig. Da die jüdischen Gemeinden sich den berechtigten Forderungen der Kultusbeamten gegenüber ablehnend verhielten, suchen diese einen Rückhalt beim Deutschen Beamlenbund, dem sie sich gewerkschaftlich aufschlosien. Zuerst tat dieses der Lehrerverband, dem der Kantorenverband hierin nachfolgte. Die von dieser Verbindung erhoffte wohltätige Wirkung blieb aber aus, sie mußte ausbleiben, weil eine io kleine Interessengemeinschaft wie der des Kulrusbeamren eine Zersplitterung ihrer Kräfte nicht ohne eigenen Schaden ertragen kann, weil den Kultusbeamten jene Einheit und Geschlossenheit fehlt, ohne welche große Ziele nicht erreicht werden können. Deshalb geht mein Plan dahin, alle bestehenden Verbände zu einer auf gewerkschaftlicher Grundlage ausgebauten Gesackttorganisation zusammenzufasien. Der Unterbau der Organisation soll gebildet werden von den bestehenden Verbänden, die sich zu selbständigen Berufsgewerkschaften zu gestalten haben. Sie entsenden ihre Vertreter in eine Spitzenorganisation, die ich die Gewerkschaftskommisiion nenne. In dieser Gewerkschaftskommisiion vereinigen sich also die Verbände zu gemeinsamem gewerkschaftlichem Handeln." Sie bildet die zentrale Stelle, wo alle Fäden aus den einzelnen Vereinen und Verbänden zusammenlaufen. Diese,Gewerkschaftskommisiion bringt demnach den Willen der gesamten Kultusbeamtenschaft zum Ausdruck den Gemeinden. bzw. dem Gemeindebund gegenüber und unterhält eine rückwärtige Verbindung mit einer größeren Organisation, dem deutschen Beamtenbund. Diesen hier in kurzen Zügen angedeuteten Plan hat der Kantorentag in Düsseldorf gut geheißen und die Richtlinien desselben ohne Debatte angenommen. Auch die anwesenden Vertreter des RÜeinis^WestfälischenRabbinerverbandes haben dieBereitwllligkeit ihres Verbandes zur gemeinsamen Arbeit mit btor Hantorenverband zum Ausdruck gebracht. Aus den DWeilungen des Vorsitzenden, Kollege Fabisch-Göttingen, war zu entnehmen, daß auch der allgemeine Rabbinerverfatt& und ber Lehrerverband diesem Plane sympathisch gegenüberstehen. Die Ueberzeugung bricht sich immer mehr Bahn, daß eine solche starke einheitliche Organisation dü Mittel ist, dem Kulrusbeamren nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine rechtliche gesicherte Stellung zu erringen. Eine solche gesicherte Stellung in für den Kulmsbeamten eine Lebensfrage, aber auch für die Gemeinde, denn nur in einer gesicherten, freien, unabhängigen Stellung kann sich die Tätigkeit der Kulrusbeamien zu einer fruchtbaren gestalten zum besten der Gemeinden. So ringt der Kultusbeamre um ieine Eristenz und kämpft gleichzeitig für die Erhaltung des Judäuums. die Bewegung innerhalb der Kultusheamtenschaft hat mit der Jugendbewegung das gemeinsam, daß ne nicht auf die Erringung der Macht als solche gerichtet in. sondern auf ein hohes ideales Ziel. Die Jugend wird unier Ringen und Kämpfen verstehen, ebenso wie uns, ibre Bildnek und Freunde, ein inniges Mitemvnnden beKel: für ibren Sturm und Drang. Siu VeleMoi- Heinrich HemrS. Unrer all den Borten Heinrich Hrines. wir denen er. der 'Apostat und Täufling, später so ost »einer bei»liche» und schmerzlichen Liebe zum Iudenliun Äurdrn^ gab. sind die rolgenden, seinem Werke „Tenrschland. Bnch II TlsrävdiY«" enrnommen, die stärksten und er^renendften. Ln nnd i» )ahre 1853—54 geschrieben worden, fallen also schon in dn Leidensjahre deS Tichters, die seinem Tode rorrngingen. und wirken auch wie ein mit Herzblut geschriebenes Tenamenr. Um die damalige Zeit war der amerikanische Roman ^Lnkel Toms Hülle", der der Lklavenbeireiung voranging, noch »ehe lebendig. Ter lichter knüpft an die kindliche Bibelglänbiakett Tnkel Toms an. um seinem eigenen Bibel^lauben znm Bekenntnis zn verhelfen. Tie Lchlußausführungen über das biblische LgrargefeG vnd die Freiheitsnorm sollte in den Zeiten de? Lorralismns vnd der Bodenreform, wie vir sie heure erleben, ni besonderer Arnmerksamkeit gelesen werden. Emil Cohn. Die Wiedererweckung meines religiösen Gefühls verdanke ich jenem heiligen Buche, und dasselbe ward für mick ebenso sehr eine Ouelle des Heils, als ein Gegenstand der frömmigsten Bewunderung. Sonderbar! Nachdem ick mein ganzes Leben hindurch mich auf allen Tanzböden der Philosophie herumgetrieben, allen Orgien des Geistes mich hingegeben. mit allen möglicken Systemen gebublr. ohne befriedigt worden zu sein, wie Mesialine nack einer liederlichen Nackt — jetzt befinde ich mick plötzlich auf demselben Standpunkt, worauf auch der Onkel Tom strbr. auf dem der Bibel, und ich kniee neben dem 'ckw-rrzen Betbruder nieder in derselben Andacht — Welche Demütigung! Mit all meiner Wissenschaft Habich es nicht weiter gebracht, als de: arme unwistende Neger, der kaum buchstabieren gelernt! Der arme Tom fckein: freilich in dem heiligen Bucke nock tiefere Dinge zu 'eben, als ich, dem besonders die letzte Partie nock nick: ganz klar geworden. Tom versteht sie vielleickr bester, weil mehr Prügel darin Vorkommen, nämlich jene unaufbörlicken Peitschenhiebe. die mich manchmal bei der Lekrüre der Evangelien und der Llpostelgeschichte sehr unästheriick anwiderien. So ein armer Negersklave liest zugleick mir dem Rücken, und begreift daher viel bester als unr. Dagegen glaube ich mir schmeicheln zu dürfen, daß mir der Charakter des Moses in der ersten Abteilung des heiligen Buckes einleuchtender aufgegangen sei. Diese große Figur har mir nicht, wenig imponiert. Welche Riesengestalt! Ich kann mir nicht vorstellen, daß Lg, König von Dafan, größer gewesen sei. Wie klein erscheint der Sinai, wenn der Moses darvsf steht! Dieser Berg ist nur das Postament, worauf die Füße des Mannes stehen, besten Haupt in den Himmel hineinragt, wo er mit Gott spricht — Gorr verzeih mir die Sünde, manchmal wollte es mich bedünken. als fei dieser mosaische Gott nur der zurückgestrahlte Lichtglanz des Moses selbst, dem er so ähnlich steht, ähnlich in Zorn und in Liebe. Es wäre eine große Sünde, es wäre Anthro pömorfchisams, wenn man eine solche Nentität deS Got-