Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- 118 (2.9.1921)
- Date
- 1921-09-02
- Page
- Seite 274 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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über, daß er dazu auch der idealen Mithilfe all seiner Leser und Freunde bedarf. Jeder einzelne, auch der kleinste Leser in Stadt und Land ist imstande, dieses Blatt zu seinem Blatte zu machen, ebenso wie wir in jedem gerne unfern Leser sehen, der einer großen, hochgestimmten, geistigen Gemeinde angehört. Das ist die Gemeinde derer, die heute hinauswollen über den verfl— Materialismus, über Partei- und Richtungsgötzen der, ach, so leidigen Politik, hinauswollen über den spießigen Bildungsdünkel hochmütiger Vernünftler und Naturgläubiger wie über die Volksfremdheit entwurzelter Aestheten, kurz die Gemeinde derer, die Hammer und Nagel auf den Sarg des toten Jahrhunderts niedersausen lasten und kurz entschlosten für Hochmut Demut sehen und für das liebe Ich den, der allein uns retten kann aus dem Donnerfturz der zusammenbrechenden Zeit. Diese Gemeinde rufen wir auf zum Judentum, zur Einheit, zum Aufbau und zur Erneuerung'. E m i l C o h n. Wochenschau Tatsachen und Ergebnisse Teutichland. Berlin. Bereits in den letzten Tagen der Tagung des preußischen Landtages haben zwischen dem jüdischen Arbeiterfürsorgeamt in Berlin und dem Minister des Innern Verhandlungen über die weitere Behandlung der Ostjudenftage stattgefunden. Diese Verhandlungen wurden geführt im Anschluß an die Besprechung der Vorgänge im Lager Stargard im Plenum des Landtages insbesondere durch den Abgeordneten Dr. Oskar Cohn. Sie sind nunmehr zu einem gewisten Abschluß gekommen, und man muß seststellen, daß es gelungen ist, vom Minister des Innern erfreulicherweise gewiste Sicherungen für die weitere Behandlung des Ostjudenproblms von Seiten der Regierung zu erhallen. In einer mehrstündigen Besprechung, die der Minister des Innern, Dr. Dominicus, Vertretern des Arbeiterfürforgeamtes gewährte, hat der Minister sich auf den Standpunkt gestellt, daß die Ostjudenftage in Deutschland unter allen Umständen unter Vermeidung von Härten geregelt werden muß. Einerseits soll das Fürsvrgeamt seine von dem Minister in jeder Weise unterstützten Bestrebungen aus Enllastung des heimischen Wirtschaftslebens durch Dezentralisierung und weitgehende Ermöglichung der Rück- und Auswanderung wie bisher fortsehen, während andererseits das Ministerium alle Maßnahmen treffen wird, um die Durchführung dieser Bestrebungen zu erleichtern und Härten zu verhindern. Insbesondere will die neue Regelung der Ostjudenpolitik der preußischen Regierung bfe alte Ostjudensiedlung möglichst weit ausschalten. Denn der Minister erklärte ausdrücklich, daß die bereits vor dem Kriege in Deutschland ansässigen Personen unter allen Umständen unangetastet zu lasten seien, soweit nicht in ihrer Person ganz besondere Momente vorhanden sind, welche eine Gefährdung der Staatssicherheit bedeuten. Auch die Regelung der Verhältnisse der n a ch dem Kriege nach Deutschland gekommenen Ostjuden soll im Einverständnis mit dem Arbeiterfürsorgeamt erfolgen. Der Minister konnte sich zwar nicht entschlleßen, die Internie- ' rttna bezw. Ausweisung völlig von den zu treffenden Maß- -HW«en auszuschlleßen, jedoch sollen in jedem einzelnen Wik die BoranssePmgen hinfir ganz besonders geprüft »Werden, außerdem wird das Ardeitnfkrsorgeamt in solche» Fälle» stets Gelegenheit zur Stellungnahme babe». Der Minister sagte gemäß dem im Plenum des Landtages angenommenen Zentnmrsantrag zu, in eine -neuerliche Prüfung darüber einzutreten, ob und wieweit es in Ammst möglich sein wird, die Internierung nur auf die kriminelle» Elemente, aus die sich die Fürsorge des Arbelleramtes bekannttich nie ausgedahnt hat, zu beschränken. Das Internierungslager Stargard wird mit dem 1. Septemberaufgehoben, soweit nach diesem Termin noch Internierungen Vorkommen sollten, werden die Internierten in das Lager Kottbus gebracht werden, das einer strengen Kontrolle untersteht. Zur Frage der Legitimierung der Ostjuden in Deutschland, die durch unklare Besttmmungen früherer Ministcrialerlaste akut geworden war, sagte der Minister die generelle Verlcmgerung der Legittmattonspapiere zu. Ebenso wurde die seit Monaten erhobene Forderung des Arbeiterfürforgeamtes, für tatsächlich staatenlose Personen Legitimationspapiere mit der Bezeichnung „staatenlos" ausstellen zu dürfen, für die alte Ostjudensiedlung bedingungslos, für die später nach Deutschland gekommenen Leute mit gewisten Einschränkungen als berechtigt anerkannt. Der Minister wird nach Zustimmung des Reichsministers des Innern das hierin Erforderliche veranlasten. Es ist zu hoffen, daß die getroffenen Vereinbarungen, die einen neuen Ministerialerlaß zur Folge haben dürsten, den Erfolg haben, die in den letzten Monaten, insbesondere von einzelnen Regierungspräsidenten betriebene rein antisemitische Behandlung der Frage der ostjüdischen Arbeiter endgültig zu inbidieren und der sowohl im Staatsintereste wie im Intereste der Flüchttinge liegende sozialpolitischen Lösung des Problems, wie sie das Arbeiterfürsorgeamt anstrebt, einen Weg zu bahnen. Berlin. Am letzten Tage der Weltkonferenz der „ORT." in Berlin wurde eine Reche von Resoluttonen über die Förderung von Handwerk und Ackerbau unter den Juden angenommen, welche in großen Zügen die Richtlinien der weiteren Tättgkeit feststellten. Der Auslandsdelezatton wurde der Dank und die Anerkennung für ihre Tättgkeit ausgesprochen. Bezüglich der Landwirtschaft wurde ausgesprochen, daß die Hauptarbeit der ORT. in agronomischer Hilfe durch Instruktoren, Schaffung von Musterwirtschaften schriftlichen und.mündlichen Belehrungen vst Einführung moderner Formen von intensiver landwirlschaftticher Kultur bestehen soll. Die Landkomiteer sollen auch bei der Organisierung landwirtschaftlicher Kooperativen mithrlsen. Gleichzeiüg fordert die Resolution die Komitees in denjenigen LÄrdern, wo eine neue Agrargesetzgebung geschaffen wird, auf, daraus hinzuwirken, daß bei der Verteilung des Bodens auch die Juden berücksichtigt werden. Bezüglich des Handwerks wurde beschlossen, bei der Organisierung der Arbeiter- und Handwerkerinstttuttonen, wie Produkttonskooperattven, Lager für Material und Rohfwffe, Maschinen und Werkzeuge usw. mitzuwirten. Zur Frage der professionellen Erziehung wurde beschlossen. ein ganzes Netz von Bildungsanstalten zu fchaften, welches schon mit der Volksschule beginnen und bis zu Kursen für erwachsene Arbeiter erweitert werden soll; insbesondere sollen Lehrwerkstätten gegründet werden, welche in jeder Stadt das Zentrum der gesamten professionellen Bildungsarbeit bilden sollen. Sie sollen auch das Patronat über die bei privaten Handwerkern untergebrachten Lehrlinge führen. Besonderes Augenmerk soll den Emigranten -»gewendet werden, die für HcyHwerk und Landiwrffchast erzogen und dadurch aus ein produktives Leben in den Immigrationsländern vorbereitet werden. BerL». Der erste weLliche Doktor iuris der Berliner Universität P eine Jüdin. Fräulein Hanna Katz, die Tochter des Geh. IuMzrats Dr. Erwin Katz, erhielt dieser Tage für chre Arbeit „Lücke» im Arbeitwertrag" und aus Gnmd der «üMiche» Prüfung die Doktorwürde.