Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- 117 (26.8.1921)
- Date
- 1921-08-26
- Page
- Seite 268 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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268 U111 n 1111111 u ■ ij,| 111 nr 11 nmnnc Nie BÄeyiasche Vf! wii JI111 ■ ■ ■ I ■ i TI imitirnimm Die nrmcn Juden. Von M o r o r. > Derselbe Schiffbruch halte den Frankfurter Bankier aus der Lurusl'ajnle und.^^Lubliner Fabrikarbeiter aus dem Zwischendeck an die Küste derselben Felseninsel verschlw gen. Wie sie dort nebeneinander kauerten, war es nicht eben leicht,, den Frankfurter non dein Lnbkiner zu unterscheide. »Denn beide, hatten nichts als das nackte Leben gerettet. Freilich, sobald sie den Mund auttaten.war es gleich anders. Da konnte man den Bankier Wvohl an seiner gewählten Sprache, wie an der Uebertegercheu seines ganzen Wesens erkennen. „Schnorren gehn oder pleite gehn, das ist nebbich hier die Frage" — monologisierte der Bankier, nachdent er die Lage gründlich überdacht hatte. „Haben Sie mich begriffen?" wandte er sich dann ein wenig non oben und mit einem deutlichen Unterion des Zweifels an den Mann aus dem Osten. „Ich? Sie? Kunststück!" erwiderte dieser kurz und machte sich aus die Suche nach Menschen. Am Abend kehrte der Lublincr erschöpft uitd niedergeschlagen zurück. Ter Frankfurter hatte sich inztviichen die Zeit damit vertrieben, die Hausse und Baisse des Meeres zu beobachten und die wechselnden Kurse des Windes und der Wolken zu notieren. Diese Beschäftigung hatte seine aus geregten Nerven beruhigt. Trotzdem zitterte er ant ganzen Leib, als ihm der Lubliner die Hiobspost brachte, die Insel sei öde und leer und im weiten Umkreis nicht die Spur einer menschlichen Ansiedelung zu entdecken. Die Siimmung des- Bankiers, sonst gewohnheitsmäßig fest, sobald er nur soliden Boden unter sich spürte, wurde setzt mit einem Schlag vollkommen lustlos. Er lies händeringend anr Strand aus und ab, und, obwohl nicht weniger als fromm, stiesz er ein „Sch'ma Iisroel!" nach dem andern aus. Der Lubliner hatte seine liebe Not, zu verhindern, das; er sich in seiner Verzweiflung wieder ins Meer stürzte. Als der Bankier am nächsten Morgeit erlvachre. fand er sich zu seiner Ueberraschung in einer wohnlichen Höhle, auf ein weiches Lager gebettet. Bor ihm stand ein Becherfranzösischen Weins, ein Teller mit gebratenen Fischen und ein Paket Bismarckkakes. Alle diese Herrlichkeiten hatte der Lubliner herbeigezaubert, während der Bankier schlief. Dieser rieb sich die Augen. Er glaubte noch zu träumen. Aber alles war Wirklichkeit. Der Lubliner hatte die vor Wind und Wetter schützende Höhle entdeckt und einen großen, iin Meer treibenden Letzerkoffer aufgefischt. '„Nu, wie habe ich das wieder organisiert?" rief der Bankier äußerst animiert, als er sich von der Realität seines Frühstücks überzeugt und eine echte Import angezündet hatte. Während dann der Lubliner den ganzen Tag im Schweiß seines Angesichts arbeitete, noch einige schwimmende Kisten an den Strand bugsierte und reiche Schätze barg und aufstapelte, ersann der Frankfurter unbegrenzte Möglichkeiten ihrer Verwendung. Nach dem Abendbrot entwickelte er ein großzügiges Wiederaufbauprogramm. Er selbst würde seine organisatorische Begabung, der Lubliner seine ganze Muskelkraft in den Dienst des gemeinsamen Unternehmens stellen. Durch solches Zusammenwirken von Kopf und Hand würde die Insel im Handumdrehen aus einer ungastlichen Steinwüste in einer Heimstätte ethischer Kultur oerwandelt werden. Frei von allem chiliastischen Utopismus sollte auf der Insel das Muster einer Demokratie auf rein sittlicher Grundlage verwirklicht werden. Er war voll idealen Schwungs und sprach wie ein Emissionsprospekt. Der Arbeiter aber ivar, müde von den Anstrengungen des Tages, schon nach seinen ersten Worten eingeschlasen, so daß ihm der Genuß der auferbaulichen Rede entging. Andern Tages mit etwas eingenommenem Schädel erlvacht, wollte sich der Bankier eben wehmütigen Betrachtungen darüber hingeten, wir schwer doch der Kulturmensch den Kaffee entbehrt, als ihm ein würziger Mokkaduft in die Nase stieg. Auch Milch und Honig flosien alsbald in Strömen; denn der Lubliner baue schon in aller Frühe eine wilde Ziege eingefangen und einen Bienenschwarm entdeckt. Angeregt erklärte der Bankier, daß ihm zur Vervollständigung der Stimmung setzt-nur noch zivei wachsweiche Eier sohlten. Er hatte aber noch nicht ganz ausgesprochen, als der Lubliner auch schon das Vermißte aus einem lustig siedenden Tops herausgefi'ck.t baue. „Ein Eiland, das sogar wachsweiche Eier spendiert! Alle meine Nefäres!" witzelte der Bankier. Er war wieder bombenfest und. behauptete, er sei im Begriff, Meinung auf Schiffbrüche und Teufelsinseln .zu bekomineu. Von Stnud an haue unser Frankfurter Robinson nur noch die eine Sorge: wie er sich bei seinem Mangel an Beschäftigung vor Langeweile schützen könne. Denn sein unermüdlicher Freitag aus Lublin feierte nur am Schabbes. Sonst arbeitete er teils aus Gutmütigkeit teils aus Betätigungsdrang buchstäblich iür zwei. Der Bankier hatte unter io bewaltdten Umständen rast nichts zu tun. als „den Produktionsprozeß planvoll zu leiten", wie er sich ausdrückte. Alles andere machte der Lubliner Dieser Prachtmensch hatte freilich bei aller sonstigen Vonresslichkeit auch seine unanaen.'binelt Eigenschaften. Er w-ar außerordentlich wortkarg wwh anh tagsüber fast keinen Laut von sich: dafür schnarchte er nachts irie ein L ikan. Dazu kaut, daß sein Idiom mit dem Frankfurter dock bloß eine sehr entfernte Verwandtschaft baue. io daß es anfänglich nicht immer leicht war. sich mir ihm zu verständigen. Namentlich hegte er aber Ansichten, die denen des Frankfurters fast durchn'eg entgegengesetzt innen. Er weigerte sich lnrmäckig, die bevorzugte Herkunft der sevbardischen Juden anzuerkennen und sprach über die heiligsten Kaviwiinteresien der Menschheit in einer Art und Weiie. die ihm überall sonst, außer auf einer einsamen Insel, unfehlbar Verfolgung rvegen Hocht^errats zugezogen hätte. Um nicht vollkommenem Stumpfsinn zu verfallen, blieb dem Bankier daher nichts anderes übrig, als immer .wieder in dem reichen Schatz von Anekdoten und Witzen zu. kramen, über den er als langjähriger Besucher der Frankfurter Börse verfügte. Als er aber zum Hundertstenmal die Geschichte vom alten Baron Mendelssohn aufgetischt hatte, der überwältigt von den Progromschilderungen eines ukrainischen Flüchtlings in die Worte ausbrach: „Schmeißt ihn raus! Sein Jammer brecht mirs Herz!", da hielt es der v Lubliner nicht länger aus. Er wurde mit einemmal gesprächig. Er sang mit klangvoller Stimme jiddische Volkslieder. Er rezitierte schlicht, aber doch kunstvoll alte chasiidische Legenden. Er erzählte dem erstaunt zuhörenden Bankier wundervolle Geschichtchcn aus dem jüdischen Volksleben des Ostens. Als er gar eines Tages anfing, im reinsten Jiddisch Gedichte von Goethe zu deklamieren, ohne daß seinem Vortrag die leiseste Spur von Lächerlichkeit anhaftete, da gab es der Bankier endgültig auf, seine Erinnerungen eines alten Frankfurters zu pflegen. Er war nur noch Ohr für diejenigen seines Schicksalsgefährten aus Lublin. Und wunderbar — je länger das einförmige Leben auf der armseligen Insel währte, um so mehr muieten ihn diese Erinnerungen an, als wären es seine eigenen, nur, wie es ihm schien, aus einer fernen, unendlich traurigen Zeit. — „Wie haben Sie es nur so lange in der Gesellschaft eines ungebildeten Schnorrers aushalten können?" fragte jemand den Bankier in späteren Tagen, als dieser durch einen glücklichen Zufall gereuet,.wieder zu Hause war. ** — „Leiden Sie einmal Schiffbruch wie ich" erwiderte derBankier ernst. „undSie werden sowohl über die Ostjuden wie über die Proletarier anders denken. Der einzige Schnorrer auf der Insel war i ch. Ihr habt ja keine Ahnung, wie reich die armen Juden sind!" (Dcis Iüd. Echo.)