Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- 112 (22.7.1921)
- Date
- 1921-07-22
- Page
- Seite 226 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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gellen. Daß er der einzige ist, wird man doch nicht behaupj len wollen? So lange dieWelt besteht, bewegen sich die Men- \ scheu ebenso sehr um die Begriffe Gut und Böse wie um 1 Wahr und Falich. Das ist zum mindesten, selbst wenn wir uns auf den Standpunkt der Gottesleugner stellen, ein Beweis, daß den Menschen eine Anlage innewohnt, die ihn für solche sittliche Wertung empfänglich macht. Dem Srrebeik nack Wahrheit entspricht im Menschen immer und überall ein Streben nach — dem Menschen, nach Güle^nach Gerechtigkeit. Dem forscltcn eine Sehnsucht, dem Dinen ein Glaubcn. Wer will entscheiden, ums stärker, mächtiger, beiterer, rveiier macht: das Wissen oder das Glauben? —?cun ist eine Schwierigkeit da: Wir sagen, daß sich auf Natur und Vernunft allein ein. Sitlengesetz nickt grültdcn läßt, und sehen dock unter den Vernunft- und?caiurgläubig:h ebensoviel Pa nable Menscken, wie im Lager der Gläubigen. nenn auck nicht so viel friedvolle und Glückliche und Abgeklärte. Die Leuie fressen schließlich auck keine fliegen und ganz gewiß sind cs keine Menschenfresier. Reden wir uns vielleicht nur ein. daß das heilige ..Du sollst —!" des Glaubens eine besondere einzigartige Erziehungsmackr ist? Dder gar. kann die Zelle vielleicht doch io was ähnliches bewirten wie der Sinai? — Die Lösung dieser frage ist einfach: Wer sick die Wnien'chafi von den geistigetl unb sittlichen Nahrungsmitteln zum Studium erkoren, lnackt bald die Beobachtung, daß wir trotz des Siegeslaufes der Naturwissenschaften, der Deckmk. X'r Industrie in einer Well leben, deren Baumeister der religiöse Gedanke rvar. Wir saßen und sitzen immer nock am Ducke Gottes, werden auch da sitzen bleiben, wie ick meine. Man nehme das nickt als ein Bild, sondern als ein Gleichnis. Irgendeinem Midrasch entnommen, dem ick es hier nackerzähle: Es war einural ein König, der lud sick fein Volk zu Gen. bewirtete cs au einer gar herrlichen Dafel. und um seine Liebe zu zeigen und seine Demut, lief er selber aus und ein. sein Volk zu bedienen. Es tmren aber ganz seltene Speisen, die da auf den Disck kainen, geheimnisvolle Düste, wie mau sie nie gespürt, schwebten über der Dafel. verschlossen kamen die Döpfe. nrschl offen gingen sie wieder, zwischen «*<den und Kommen speiste man das königliche Mahl und Genre sich der königlichen Huld. Es nxiren aber Leute da. denen das Geheimnis des Mahles zuin nagenden Wunne ward. Während die einen müde des täglichen Schaffens. Rastens. forschens und Gründens glücklich am Ducke faßen, frob den König zu schauen und ihm und seinem Herzen nabe zu sein, war es senen nicht genug, sondern voll Unruhe und Zweiiel saßen sie da und brüteten über dem Rätsel der geheimnisvollen Speise. ..Was wir nicht kennen, esien wir nichts sagten sie und bescklosien, ihrer quälenden Reugier Genüge zu tun. Sie standen vom Dische aus. erst heimlich dann offen, fchlicken sich, da der König um die Dafel ging, in die Kücbe. hoben die Deckel von allen Döpsen, steckten die Rase in jeden Kessel und mußten schließlich erkennen, das; sie doch nichts wisien lvürdcn. Da saßen sie denn in des Königs Küche, hungerten, grollten, und die Besten unter ihnen schämten sich. Inzwischen war das Mahl zu Ende, es wurde abgeröumt und die Reste vom Disch kamen in die Kücbe. Das war ein Glück. Denn so bekamen auch die Hungrigen in der Küche noch lvas. Aber sie waren undankbar. Denn als sie nach Hause gingen, trotzten sie noch und rühmten sich: „Was wir nicht kennen, esien wir nicht!" Und doch habt ihr gegesien, alle miteinander! Wenn ihr Monisten. Naturgläubigen, Vernünftler, Gottesleugner nur erkennen wolltet, wie sehr ihr noch von den Tischresten derReligion lebt, wie die Sprache, die ihr sprecht, eure Lebenssprüche, Ausrufe, Namen, alle von Gott kommen, zu Gott gehen, und in ihrer Tiefe, Weite, Höhe ein ungeheures Reservoir religiösen Bekennens und Benennens Jab. Jedes Gottlob und Umgotteswillen, jedes Grüßgott und j£be£ Gottbefohlen ist ein unbewußtes, vielleicht sogar «Merkliches ja, vielleicht sogar formenstarres, immer aber »orhuubenes, in der Fülle sogar stark vorhandenes Bekenntnis des Einen, und — schlägt hinter der geläufigen Zunge em warmes Herz — so ist es süß vorhanden, süß wie die Süße, die wir dem Schaft einer Fliederblüte entsaugen. Tischreste uornMahle Gottes sind auch Familie, Ehe und Haus, ewige Werte, gänzlich unabhängig von unserer Liebe zum Weibe, auch von unserem möglichen Willen, uns vom Weibe zu lösen. Ihr lebt noch drin, ihr erzieht noch | eure Kinder nach den alten tausendjährigen Gesetzen, verj langt Treue vorn Weibe oder Mann.Gehorsam von den Kin- > dern, Ehrfurcht von den Enkeln. Lauter Forderungen, dix i ihr nicht fordern dürftet, ihr Raturgesetzler, Vernünftler, j Mikroskopanten, Topfgucker der Ewigkeit, Küchenpitter am Dische des Herrn! Ihr gewiß nicht! Aber ihr sitzt in der . Küche und eßt die Zieste und steckt euch womöglich noch ein,! damit ihr morgen noch ein gutes frühstück habt. Ich tadle j euck nicht, denn es ist gut so. Alles was gut, edel, rein, hoch, heilig in euch ist, verdankt ihr diesen Mannaresten von des : Königs Disch. A ber wissen s o l l' t i h r s! Wisien, daß ihr und euer Wisien elend zerbrechen und Zusammenstürzen würde. lvenn es anders wäre. Heraus aus der Küche, kommt an den Disck und eßt und benscht mit uns. Nur Kellnerseelen macixn sich aus Resten ein Gelage hinter der spanischen Wand. Emil Cohn. Wochenschau Tatsachen und Ergebnisse 0.0.0 0.0.0.0.0.0.0 0.0 0 0.0.0 0.0.0.0.0 0.0 0.0 0.0.0 0.0 0.0 OO. CO. 0.0 0 Deutschland. Berlin. Im völlig überfüllten Blüchner-Saale sprach am Montag, den 27. Juni, abends, nach vorangegangenem Dortrag des Rabbiners Dr. Nobel (Frankfurt am Main), der die religiösen Grundlagen des Zionismus darstellte, Professor Albert Einstein über den „Aufbau Palästinas als Aufgabe der Iudenheit". Einstein schildert Eindrücke seiner Amerikareise, die er im Aufträge der zionistischen Weltorganisation soeben beendet hat. Er gab einen kurzen geschichtlichen Rücü>lick über die Entwicklung des Judentums in den letzten hundert Jahren und betonte, zum ersten Male in Amerika jüdisches Volk gesehen zu haben. Volk nicht im Sinne einer Summe von Einzelwesen, sondern als eine nationale Gemeinschaft mit verbindendem Nationalbewußtsein. Ihrer Fähigkeit des Opferns und Gestaltens verdanke er, daß die jüdische Universität in Jerusalem, der seine Reise eigentlich gegolten, wenigstens mit der medizinischen Fakultät gesichert sei. Jerusalem sei der Hort des Meder- ’ erwachens jüdischen Nationalgefühls. Einstein schloß mit j einem warmen Appell für die Errichtung einer Stätte, die geistiges Zenttum für alle Juden der Welt werden müsie und die Aufgabe habe, das große Sehnen der Masie des jüdischen Volkes zu stillen. Der begeisterte Beifall, der Einstein empfing und ihm am Schlusie seiner Worte dankte, galt wohl ebenso dem ' philosophisch-naturwisienschastlichen Denker wie dem begeistetten Zionisten. Die vielen Hunderte, die keinen Einlaß mehr erhielten und auf der Sttaße den Schluß der Veranstaltung abgewartet hatten, hinderten Einstein, seinen Heimweg anzutteten. Immer aufs neue brachte man Hochrufe auf ihn aus. Erst als die Sicherheitspolizei-einen Wagen herbeigeholt hatte, war es Einstein möglich, seinen Weg sortzusetzen. „Es gibt nicht wenige Juden", sagt ein Berliner Blatt in bezug aus den Einsteinschen Vortrag, ,chie sich durch Leistungen berühmt gemacht haben; es gibt Juden, die als Führer der Jugend hervorgetreten sind. Aber einen Juden, der sich durch feine Leistung zu einem der gtftiertfien Namen der Kulturmenschheit gemacht hat undZich mit seinem ganzen Wellruhm und allen gehÄrften Aren fest und