Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- 104 (27.5.1921)
- Date
- 1921-05-27
- Page
- Seite 164 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Jugend längst in dein Ziel einig, an dein in der Gestalt des kraflerfüllten, ragenden Juden der sittliche Mensch in seiner Vollendung steht. Aber immer klarer ward es, daß dies Ziel dem Blick noch zu ferne glänzt, als daß in jedem Augenblick von ihm packende Kraft ausgehen könnte. Ter Geist unseres Judentums, der Sinn und das Sein unserer jüdischen Religion mußte als jederzeit quellhaft sprudelnde Lebenskraft erkannt und gefaßt werden, Ricim anders aus unsrer Jugend Geschlecht ein zielstrebiger, brausender Mensckenstrom werden soll. Man fand in Cassel diesen Lebensquell. Nicht nur die Führer und Sprecher neigten brennende Lippen zu seinem Rande, auch die Einfachelt spiegelten durch das Leuchteir ihrer Augen, durch :bre gestraffte Haltung und durch manches feinsinnig-frohe Wort im Zwiegespräch das Ersaßtsein und den Tatwilleu wider. Doch bedeutsaiuer als diese mehr subjektive Aeußelungen lvar das im Tun sich kundgebende Ereignis. Hört es, ihr Ferner- und Fernstehenden: Geist, der in Bann zog, crwics sich wieder einmal als Geist der Einung, -Geist der Ueberbrückunss des gegenseitigen Perstehens und Helfeun-ollens. Das Zurückdrängen der mancherlei Bedenklichkeiten gegenüber der vorgelegten Palästinaresolution, das Fehlen jeder gehässigen Rote in der Aussprache über die Spannung zlvischen Zentralverein und jüdischer Jugend, die Eiitlnütigkeit iir der Absage an jede Art von Politik im eigenen Kreise und schließlich das wechselseitige Hilsegelöbnis von jüdischer Stadt- und Landjugend im Streben nach Erneuerung —, das alles lvar nur möglich als Weit vom Geiste Turchglühter. Lichter Ausblick ward da des Führers Auge. „N eutralit ä t" wird künftighin nicht mehr atv Unentschlossenheit in Mund und Hin: von Freuild und Fernen gelten können. Aus'Spannungen gezeugte Strömung von Pol zu Pol wird sie wirksani sein und breite Masseir erfassen. B r u d e r g e f ü h l lvird uud muß, im Kreise unseres- Bundes treu gepflegt, mit Suggestivgewalt auf Außenstehende überspringen und aus jüdischer Zerissenkir ..ein einig Volk von Brüdern" schaffen. Kraft zu edlerer Geistigkeit aber lvird in iuliner sich mehrendem Maße umern Jungen aus dein Judentum zulvachfen. Für das Gotreswort und sein vielfältig Echo im jüdischeil Schrifttuiil wie im wogenden Leben von Natur uild Kunst sind die Sinne geschärft. Sorgen tvir, daß lveder zu lauter, schriller Klang ihnen Weh bereite, noch das Ausbleiben der Toinluwn die harrenden Siilile ermüde unb dann ei mattete Sehnsucht der Seele weit offenes Tor lvieder schließe. Die Casseler Zugendtagung Der Bericht Wer am Pfingstsonntag, den 15. Mai, morgens 6 Uhr, den stimmungsvollen blauen Saal der Casseler Stadthalle betrat, uin an der Führertagullg der jüdisclM Jugendvereine Deutschlands teilzunehmen, dem bot sich nicht nur ein belebtes, sondern in seiner Eigenart herzerfrischendes Bild: Bon den kkannten Gestalten der Führer angefangen, sah n'an Männer und Frauen, Jungen und Mädels jeden Alters unb Standes dort versammelt. Fünfzehnjährige Mädels im kurzrockigev Dirndelkleid, starke Jungens, denen man ansah. daß sie eben erst den Rucksack von der Schulter geworfen, junge und auch ältere jüdische Lehrer, denen der Ernst ihres Strebens auf der Stirn geschrieben lvar. auch Rabbiner der jüngeren Generation, daneben Aerzte und Anwälte, gewandt und fiel im Auge, Haltung und Bewegung, schließlich auch die Gestalt des Ostjuden mit ihrer charakleristisä-cn bärtigen Schlvere und Tiefe. Das wogende Durcheinander aber tvar beherrscht von der großen Freudigkeit des Wiedersehens. Nkm merkte, daß diese Menschen, diese Jugend — auch die Aelteren gehörten zu ihr, — nicht zum ersten Male beieitmnder war. Um 83/4 Uhr wurde — dreiviertel Stunden nach der angesetzten Zeit — die Versammlung eröffnet. Dr. Alfred Apfel-Berlin hielt eine kurze Begrüßungsrede und erteilte sodann dem geistigen Führer der Jugendbelvegung, Herrn Dr. Gustav Loeffler-Frairkfurt a. M. das. Wort zu feinem Referat über „Das Problem des Führers". Es tvar ein eigenartiger Redner, den man da sah. Er begann stockend, als müßte er sich erst selber finden, aber bald wurde fühlbar, daß er, immer lebendiger tverdend, das Ohr und Herz der Jugend voll in der Getvalt seiner innerlich tief bewegten Rede hatte. Wie er von der suchenden, Herz zu.Herz gekehrten Jugend sprach, vom jüdischen Führer, der den jüdischem Menschen in seiner höchsten Reinheit verwirklicheu. müsse: wie er die Schaffung des sittlichen Menschen im starken, seinerselbst sicheren Juden verlangte: tvie er tiefer ' bohrend nach dem jüdisckien Menschen fragte, manche Jrr- ^lr>ege aufdeckte, mairche Warnung ergehen ließ, vor allein vor christologischen Entgleisungen; wie er die Frage aufwars nach der Bedeutung des Judeseins gegenüber den letzten Fragen des Menschseins und darauf aufbauend nach der Kraftquelle des Judentums und JudeseinS forschte, jener Dauer gewährleistenden, von Zeit und Mode unabhängigen. unerschütterl'aren, letzthin sogar die Menschheit speisenden Ouelle; und wie er zu allerletzt im Religiösen und allein in ihm die Antlvort, Lösung und Erlösung aller Fragen und von allen Fragen fand: — all das wirkte mächtig auf die Gemüter ein und stand tvie ein großer Torbogen über der folgenden Aussprache, die, mochte sie auch manchmal inS llferlose gehen, doch irr ihren jugendlichen Woitführern gleich einer Brandung tvirkte. Der junge Kurt Neu, der der tiefen Ethik des besitzenden Führers, tvie erden Referenten apostrophierte, den leidenschaftlichen Ruf der noch nicht Besitzenden entgegenhielt, die den Sprung noch vor sich haben und um Erkenntnis und Intuition riitgen: Schwarzschild-Frankfurt, der dem Suchen der Zeit in starker rnhstischer Betagtheit Ausdruck gab, Aufsesscr- Nürnberg. der dein religiösen Erlebnis, das allein die Formen neu beleben könne, huldigte; Dw Cora Berliner, die Führerin, der das Gotteserlebnis zur edelsten Wirklichkeit geworden tvar: — Zwischert diesen flutenden Tönen bald reiner Erfülltheit, bald aber auch — und sehr oft — tragischer Nnerfülltheit mochten die Ausführungen Dr. Emil Cohns-Bonn iir ihrer knappen Beherrschtheit beinahe herb etscheinen, zumal der Redner das erstemal auf einer Jugendtagung erschien. Er führte die Hörer mitten hinein in die furchtbare Krisis der Zeit, schilderte den Umsturz der Werte, das Weiden des neuen Menschen, und zeigte, tvie der Jtlde als Jude doppelt in der Krise verfangen ist, und ganz ksonders der junge Jude, da er doch neben der Krise der Zeit und des Judentums noch die Zerrissenheit seiner durch Krise gekennzeichneten Lebensphase zu tragen habe, ""er einzige' Ausweg sei die entschlossene Rückkehr zur r Hora. Nachdem noch Dr. Wolfheim-Erfurt positive Stellung zur Frage genommen, schloß der Referent die Aussprache, indein er der Berufenheit und Tragik des jüdischen Führers starken Ausdruck gab. Der Mittag versammelte die Delegierten zu gemeinsamem Mahle, nach einer Stunde der Ruhe lvanderte — bzw. fuhr — man in Gruppen bei herrlichem Wetter nach Wilhelmshöhe hinaus, wo m<m bei schönen Spaziergängen talauf, talab, bis tief in den Habichtswald hinein, in persönlicher Aussprache die Eindrücke der Tagung vertiefte, alte Freundschaften enreuernd, neue begründend. Der Abend fand uns lvieder in der Stadt halle, ihrem Saale, ihren: Garten, lvo vom Casseler Jugendverein — seinen: Leiter Dr. Heini Kaß unser Dank! — alles schön und nicht nur schön, sondern — reichlich hergerichtet war. Gartenspiele, geselliger Schwatz. Lachen, Singen, bis die steigenden Sterire uns heimlvärts leuchteten zur nächtlichen Ruhe. Montag früh uu: halb Neun begann die mit nicht minderer Spannung erlvartete Aussprache über Palästina. Ährer Rosenthal- Hörde eröffnete sie mit starkem, rednerisch höchst gewandten: Vorstoß gegen die Leitung, die