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Jüdischer Bote vom Rhein · 1921-04-01 · 96 (1.4.1921) · p. Seite 100

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
3 (1921)
Issue
96 (1.4.1921)
Date
1921-04-01
Page
Seite 100 (sequence 4)
Language
German
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100 Wind läßt die kommende Hitze noch nicht ahnen. Manche Chawerim haben ein paar Kilometer bis zu ihrem Arbeitsplatz zurückzulegen. Tiefen wird ihr Mittagbrot zugesandt, damit sie nicht in der Mittagssonne den schweren Weg nochmals zu machen genötigt sind. Sie bleiben bis zum Abend an ihrer Arbeitsstelle. Diese Morgenstunden sind die beste Arbeitszeit, bevor die^onne zu brennen beginnt. In diesen 4 Stunden wird inehr Arbeit geleistet als in der ganzen übrigen Arbeitszeit. Allmählich steigt die Sonne immer höher, die ganze Landschaft bekommt einen anderen Ausdruck. Es verschwindet die für die palästinensische Morgen- und Abenddämmerung charakteristische Melancholie. Es ist völlig still ringsum, nur unser Traktor, die Tampstvalze, der die Chaussee stampft, atmet schwer. Aus dem Schornstein steigt Rauch. Ter Traktor beginnt seine täglickv Arbeit zu verrichten. Aus den seitwärts gelegenen Feldern zeigen sich einige Fellachen: sie beginnen zu ackern. Tie Schien sind groß und kräftig, der Pflug aber klein und schwach. Es ist eigentlich nicht mehr als ein spitzer Keil: die Erde wird durch dieses Eisen nur sehr wenig gelockert. Alle Tornen und alles Unkraut bleibt aus dem Felde. Ter pflügende Fellache grüßt uns freundlich und beginnt seine melancholische Weise zu summen. Es ist in Palästina kaum ein Araber zu finden, der nicht bei seiner Arbeit singt, und diese Lieder sind, wie die palästinenüschen Abende, voll Melancholie und Wehmur. Um halb zehn unterbrechen wir die Arbeit und lassen uns an der nächsten Suclle nieder. Es ist die Zeit des zweiten Frühstücks. Man ißr Brot mit Jam. Ein Esel, der unweit von uns iveidel, neckt das Bwt und kommt zu uns, um vom chaluzischen Esten zu genießen. Tas australische Jary scheint ihm sehr gut zu schmecken, Nur. eine Viertelstunde ruhen wir, dann geht die Arbeit wieder los. Sie ist aber jetzt iwit schweier. Tie Sonne brennt, der Schweiß rinnt von der Stirn direkt in die schwarze, soeben ausgegrabene Erde. Tie Arbeitsgeräte sck-einen schtverer zu sein; doch wird nicht eine Minute verschwendet. Wir arbeiten für uns, wir selbst sind die Unternehmer und freuen uns, wenn die Arbeit ein Stück vorwärts gekommen ist. Um halb eins erscheint der Wagen mir dem Mittagbrot. Wir arbeiten weitab vom Lager und bekommen das Esten zugeschickt. Chan^erim kommen zusammen, um das Mittagsmahl zu empfangen. Wir sind ungefähr 30 Mann an dieser Stelle. Wir setzen uns auf die Steine, ein jeder den Napf in der Hand, und esten lustig unser Mittagbior: Srrppe, Fleischkonserven und Gemüse. Tas Brot wird nicht zugeteilt, jeder bekommt, soviel er will. Nach dem Esten legt man sich ins Gras zur Nachmittagsruhe. Tie ineisten ^ginnen gleich zu schnarchen, andere mackren Feuer und kochen Tee. Nach der Arbeit har man einen solchen Turst, daß man den ganzen Kischon. der nicht weit von derChaustee fließt und der unseren Urahnen bei der Schlacht mit Sisra solche guten Tienste geleistet hat, austrinken könnte. Nach einer Stunde geht es wieder zu den Arbeitsplätzen. Allmählich läßt die Hitze nach, die Sonne versinkt hinter dem Karmelgebirge. lange Schatten erstrecken sich über das Tal. Ter melancholische Palästinensische Abend kommt mit langen Schritten. Um halb fünf abends kehren wir zurück. Schwer ist jetzt der Weg bergan ins Lager. Tie Füße sind wie aus Blei, doch hört man nicht auf zu singen. Bald sind auch die Spitzen der weißen Zelte zu sehen. Wir reinigen uns vom Staub, ziehen uns um, treten in das große, hellbeleuchtete Zelt, wo das Abendbrot gereicht wird. Tann verbringt man noch ein paar Stunden mit Singen, Tanzen, Lesen oder Vorträgen. Manchmal wird gemeinsam der Psalm „Schir Hamaaloth" gesungen. Wenn die Eltern -unsrer Chaluzim gehört hatten, wie ihre Kinder, die das Tischgebet zuhause lange mchr gefwWN hatten, diesen Schir Havagloch mit DWWMMF hätten ihren LHren nicht getraut. Ter Schir Hamaaloth, der zuhause so melancholisch klingt, klingt hier in Zion selbst.im Munde der Jugend, die sich stark genug fühlt, dieses Zion aufzubauen, viel heiterer und hoffnungsvoller. („Moment", Warschau.) frmim im um mmmriimunii 11 Don Berg und Tal nm mumm rni ■ ■ m i ■ ■ m 11 ■ ■ ■ i rrrn Siegburg. Am Sonntag, den 20. Mürz 1921, fand -in Siegbürg eine Borsrandssitzung des Bezirksoerbaudes der jüdischen Iugendvereine Westdeutschlands, sowie der Telegicrteu der Borstände der Vereine des Greises „M.ttelrhein", zu dem die Vereine Bonn, Sicgburg, Andernach. Mayen. Neuwied, Trier, Bernkaslel und Gemündgehören, starr und rm Anschluß hieran eine große öffentliche Tagung des jüdischen Iugendbundes Siegburg. In der zunächst abgehaltenen Vorstandssitzung. die Herr Rab- - bincr Tr. Klcin-Tüsseldors als Vorsitzender des Bezirksverbandes crössnele, beschloß man zwecks Herstellung eines besieren Konnexes unter den Nachbarbünden und gegeuseirrger Unterstützung bei gemeinsamer Arbeit die endgültige Gründung des Kreises „Mittelthein". zu denen Leiter Herr Tr. Walter Lasker-Bonn einstimmig gewählt wurde. Tie nun erfolgende Aussprache beschästigte sich hauptsächlich mir der Stellungnahme der neutralen Iugendvereine Tcntschlands zum Palästinaproblem, sowie mit der im Kreise beabsichtigten Sommerarbeit. Alle Vorstandsmitglieder waren sich darüber einig, daß der Ausbau Palästinas eine Ausgabe des Gesamljudenrums sei und daß d:e jüngeren hinter der Mitarbeit der ä.tereu uich: zurückstehen dürsten. Taher müsie auch in der jüdischen Jugendbewegung die Mitarbeit am Aufbau Palästinas in das Programm des Verbandes ausgenommen werden. Einstimmig gelangte daraufhin folgende Resolution zur Annahme: Tie Telegierlenragung der Vorstände der Vereine des Kreises „Mittelrhein" vom 2". März 1921 verpflichtet die angeschlosiencn Iugendvereine, aus ihre Mitglieder in dem Sinne einzuwirken, an der Arbeit sür Palästina tätigen Anteil zu nehmen. — Air die Sommerarbeit wurden gemeinsame Wanderungen und ein Spornest ins Auge gefaßt, um so einen persönlichen Zusammenhang unter den Mitgliedern des Kreises anzuregen. In der daran anschließenden öffentlichen Versammlung referierte Herr Tr. Lasker an Stelle des verhinderten Herrn Tr. Apfel- Berlin über „das Gebot der Stunde und die Pflicht der jüdischen Jugend". Von der großem Gcmcindebundslagung zu Berlin vom 2:1. Januar ausgehend, zeigte der Referent, daß es vor allen Tingen im Augenblick auf eine Wiederherstellung der jüdischen Einheitsfront ankäme und griff das Wort der Eröstnungsrede der Berliner Tagung auf, daß der einzige Lichtblick in der Not der Zeit d r Aushau des jüdischen Palästina wäre. Herne sei es Pflicht eines jeden jungen Juden, gleich ob er orthodox oder liberal, ob Zionist oder Amizionist, oder welcher Parteirichinng er sonst angehöre, zu dem Ausbau Palästinas im bejahenden Sinne Stellung zu nehmen und in jeder Beziehung das Werk des Aufbaues Palästinas nach Kränen zu fördern. Denn die jüdische Jugendbewegung in gleicher Weite für die Herstellung der jüdischen Einheitsfront und dös Palästinatverk cimrelen würde, dann harre ste das Gebot der Stunde richtig erkannt. Tas nun folgende Referat des Herrn Eberrabbiner Tr. Ältmann-Trier führte in treffender und überzeugender Weise d-c „Epochen des Niederganges und die Zeiten des Ausstieges in der jüdischen Gc'chichte" den Zuhörern vor Augen. Stets seien in Israel in den Perioden des Niederganges die Größten des Volkes hervorgegangen. Ter Redner bewies seine These durch einen Gang durch die jüdische Geschickte, beginnend mit der ägyptischen Knechtschaft. wo dem Volke in Moses der Neuer und unerreichte Führer erstanden war. endigend mit dem modernen Märtyrertum unserer Brüder im Listen. Heitre sei die einzige Hoffnung in dem Erwachen des Selbstbcwußtseins der jüdischen Jugend zu erblicken, die er zu gemeinsamer jüdischen Arbeit aufrmt. — In dem „Weckruf an die jüdische Jugend des Siegkreises" rüttelt Herr Lehrer Seelig-Siegburg in zu Herzen gehenden Worten die Anwesenden auf, indem er ausführt, daß jeder Jude heute Anteil an allen das Judentum bewegenden Fragen und an der Arbeit für Palästina nehmen müsse. Tie Ausführungen der drei Redner fanden fast überall begeisterte Zustimmung und es war besonders erfreulich, daß eine recht angeregte Tiskussion zustande kam. Mit Ausnahme eines Redners waren sich alle Anwesenden darüber einig, daß im Augenblick der Aufbau Palästinas im Vordergrund steht, während der eine ertvähnle Tiskussionsredner besondern Wert auf eine Erziehung der Jugend im Sinne der Erthodorie kegle. Tie Schlußworte der Herren Referenten gipfelten in eine« Ansporn zur jüdischen Arbeit in allen Jugendvereinen und zur aktiven Betätigung für den Pa, lästinaaufbau. Ter Verlauf der Siegburger Tagung, wo sich Juden aller religiösen und politischen Richtigen gesunden habe», hat gezeigt, daß ans de« neutralen Bode» dejüdische» Jngendverbandes die Eeinheitsfront gewährleistet nfc somit positive Arbeit znm Wähle de- JÄentn»- yfajkt wnch. J

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