Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- 96 (1.4.1921)
- Date
- 1921-04-01
- Page
- Seite 98 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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uitfere Thora uns nicht nur ein Panzer und Schild gegen die feindliche Welt, sondern ein Palmzweig des Friedens zu werden vermag, uns und der harrenden Menschheit zum Segen. So ist Palästina über Nacht mehr geworden als die Parole einer Partei extremer Nationalisten. Es taucht dern meersahrenden Wanderer als ein Sinnbild der Freiheit und des Friedens aus dein Mittelmeer. Wir werben mit der Parole: F iir Einheit u n d A u s b a u! Emil E o h n. Wochenschau Tatsachen und Ergebnisse Berlin. (I. C. B.) Demnächst soll ein „Verband nationaldeutscher Juden,, gegründet werden, der im Sinne der Broschüre von Dr. Max Naumann nicht nur zu den' Zionisten, sondern auch zu den „deutschen Staatsbürgern jüdischen Glaubens" in Gegensatz tritt. Der „Zeniralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" veröffentlicht einen Protest gegen diese Gründung und eine Warnung vor dem neuen Verband, weil durch ihn das von den Judengegnern genährte Mißtrauen gegen die jüdischen Deutschen unterstützt und der Verdacht bestätigt tvird, daß die deutschen Juden bisher nicht national genug gesinnt waren. Der Zentralverein bezeichnet Naumanns Gründung als Zertsetznng und Zerstörung des Judentums. Berlin. Am Hi. Mürz fand eine außerordentliche GeneralversaTnmlung der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft desIndentums statt, in welcher die vorgeschlagene Satzungsänderung angenommen wurde. Der Vorstand wurde beauftragt, die Gesellschaft in das Vereinsregisrer eintragen 511 lassen. Ter Mindestmitgliedsbeitrag wurde ans 20 M. festgesetzt. Breslau. Zu interessanten Ausführungen gestaltete sich kürzlich rin Vortrag des Herrn Stadtschulrat Dr. Lauterbach über Breslauer Schnlsagen. Als ein Mitglied des Vereins, Herr Lehrer Blech sein Bedauern aussprach, daß eine jüdische konfessionelle Schule in der Gründung begriffen sei, erwiderte Herr Karger, daß derartige Beweg'.mgen unter jüdischen Mitbürgern nur hcrvorgerufen seien durch den überhandnehmenden Antisemitismus in den Schulen. Nur der Nol gehorchend müssen jüdische Schulen ins Leben gerufen werden, denn man kann cs den jüdischen Eltern nicht verdenken, wenn ihre, ans der Schule heimkehrenden weinenden Kinder sich über vielleicht auch körperliche Mißhandlungen von Seiten ihrer christlichen Mitschüler beklagen. Und was sollen die Eltern tun, wenn diese Klagen nicht einmal ein williges Ohr bei den Lehrern finden? Herr karger richtete me Frage an den Herrn Stadtschulrat, ob die Schulbehörde Schritte ergreife, um dem in den Schulen überhandnehmenden Antisemitismus entgegenzutreten. Herr Stadtschulrat Dr. Lauterbach gab die bestimmte Erklärung ab, daß bereits in den nächsten Tagen von der Schulbehörde Verfügungen nach dieser Richtung hin erfolgen werden. Breslau. Mehr als 100 jüdische Juristen, Richter, Rechtsanwälte und Verwaltungsbeamte haben eine Eingabe an den Dekan und die Mitglieder der hiesigen rechts- und staatswisscnschaftlichcn Fainltät gerichtet, in welcher es heißt: „In den letzten Tagen sind Ml zahlreiche in der Praxis stehende Juristen jüdischen Glaubens teils durch die juristische Fakultät der hiesigen Universität, teils durch Vermittlung Dritter Ansuchen gelangt, durch Geld- und Bücherspenden der Studentennot abzuhelfen. Die Unterzeichneten hätten gewünscht, diesem Ansuchen ohne weiteres entsprechen zu können, wie ihr erster Impuls ihnen vorschrieb. Sie sehen sich jedoch zu ihrem Bedauern zu einer gewisien Zurückhaltung veranlaßt." Es werden dann die bekannten antisemitischen Tendenzen, Vorgänge und Beschlüsse eines großen Teils der Studentenschaft, besonders der Burschenschaften kurz und scharf skizziert und daran anknüpfend geschlossen: „Wir legen uns mit Bangen die Frage vor, welrhesSchicksal der deutschen Rechtspflege beschieden fein wird, wenn sie in einigen Jahren in die Hände von Personen gelegt wird, deren Geist solche Beschlüsse wiederspiegeln. Bon einer Stellungnahme der Universitätbehörden oder der Prosesiorenschaft zu dieser Bewegung, welche die unserem Baterlande so bitter nötige Einheit dauernd gefährdet, sein Ansehen in der Welt untergräbt und in ihren rohen Formen eines akademischen Bürgers unwürdig erscheint, ist bis jetzt nichts verlautet. Bei dieser Sachlage wird uns der Zweifel aufgenötigt, ob die von uns erbetene Unterstützungen, die zu einem erheblichen Teile Studenten der oben bezeichnetcn Geistesrichtung zugute kommen würden, ihnen auch erwünscht find und nicht vielmehr eine Zurückweisung erfahren, falls sie hören, aus welchen Händen die Gaben stammen. Wir würden es begrüßen, wenn uns unsere Entschließungen durch eine möglichst baldige und klare Stellungnahme der Universitätsbehörden und der Studentenschaft erleichtert werden." Breslau. Am 5. März starb hier im Alter von 83 Jahren Rabbiner l). Ferdinand Rosenthal, der über ein Menschenalter Führer der konservativen Richtung in der Breslauer Gemeinde war und als Gelehrter und Foscher weit über Breslau und Deutschland hinaus einen hervorragenden Ruf hatte. Seine Gegnerschaft galt allem, was das Judentum zu zerstören drohte; seine Arbeit allem, was ihm förderlich schien. So stand er auch dem Zionismus überaus nahe, wcrrn er auch Bedenken trug, sich in aller Form ihm anzuschließen. Aber während er in früheren Jahren zu sagen pflegte: „Der Messias muß sein Kommen beeilen, sonst trifft er keine Juden mehr an," gab er später immer wieder dem Gedanken Ausdruck, daß der Zionismus ihm die Gewähr für die Erhaltung des Judentums gebe. Trier. In einer hiesigen katholischen Versammlung sprach der katholische Oberlehrer Tr. Miller aus Esten in Gegenwart des Bischofs, des Regierungspräsidenten und vieler katholischer Notabeln auch einige Worte über die Judenfrage und führte dabei aus, als er das Kapitel Juden und Filmindustrie streifte, man schreibe jüdischem Kapital einen großen Anteil an der Filmindustrie zu. (Allseitige Zustimmung.) Ties sei jedoch nicht richtig. Er sehe sich veranlaßt, der Wahrheit die Ehre zu geben und mitzuteilen, daß er bei seinen Kämpfen gegen die Schundfilms gerade von jüdischer Seite sehr unterstützt werde. Österreich. Wien. Im Wiener Gemeinderat brachten Plaschkes und Genossen eine Interpellation wegen der Ausschreitungen im Anschluß an die Antisemitentagung ein. In der Interpellation heißt es: „Im Zeichen des Hakenkreuzes haben Hochschüler mit und ohne Eouleur, ehemalige Offiziere und Kadettenschüler so große Zerstörungen und Verwüstungen angerichtet, wie sie bisher wohl bei keiner Demonstration zu bemerken waren. Von Sachschäden verweisen wir auf Zertrümmerungen von Scheiben und Verwüstungen im Innern der städtischen Straßenbahnwagen und der Preßburger Elektrischen. Ferner auf das Einschlagen von großen Spiegelscheiben bei zahlreichen Geschäftslokalen, Kinos, Hotels usw. sowie Beschädigungen von Autos. Tie von Jerzabek und Riehl anfgehetzte Menge mißhandelte Passagiere in den Straßenbahnwagen, schleppte sie, wenn sie jüdis ch e s A n s s e h e n hatten, auf die Straße, um sie dort erst blutig zu schlagen, die Leute drangen in Kaffeehäuser ein, wo es außer den Mißhandlungen noch mehrfache Diebstähle gab, harmlose Spaziergänger, welche im Verdacht standen, I u d en z u s e in, wurden verprügelt, en.tsetzt fliehende Frauen und Mädchen verfolgt und in abscheulicher Weise zugerichtet; selbstverständlich richteten sich die Angriffeauch gegen die Sicherheitswache, welche schwere Verletzungen von vier Wachorganen zu beklagen hat." Wien. Nach zehnwöchiger Streikdauer sind die zwischen den streikenden Religionslehrern und dem Vorstande der Israelitischen Kultusgemeinde eingeleiteten Verhandlungen zum Abschlüße gelangt. Der Religionsunterricht wird demzufolge am Montag wieder in den Schulen ausgenommen werden. Der Kultusvorfiand hat den Lehrern die Gleichstellung mit den städtischen Lehrern hinsichtlich der geenwärtigen Bezüge einschließlich der neuesten Märzregulierung zugestanden. Wien. Das englische Konsulat in Wien berichtet an die Agudazentrale, daß es von nun an den Püsien von Palästina-Reisenden, die von der Agudazentrale empfohlen werden, ohne weiteres das Visum erteilen wird. Pole«. Warschau. Bei der dritten Lesung des Verfasiungsgesetzes wies der Ahg. chsrünba/im in einer längeren Rede nach, daß die Verfassung den religiösen und nationalen Minderheiten nicht nur keine besonderen Rechte einräume, sondern ihnen nicht einmal die gewöhnliche Gelichberechtigung sichert. Die Versprechungen der Rechten und der Linken hinsichtlich der sogenannten Toleranz feien daher nichtandere» äl- Doppelzüngigkeit.