Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- 95 (25.3.1921)
- Date
- 1921-03-25
- Page
- Seite 90 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3947615-6435932-6437199--1038-3948555- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Zwischen dem Wes und dem Mchts standen von jeher die Suchenden, denen nach des Pfalmisten Wort .Fein Gut fehlt". Auf diese Suchenden har die deutsche Orthodoxie niemals Acht gehabt, dieser Vorwurf ist ihr nicht zu ersparen. Diese Suchenden finde! man im Lager der Liberalen ebenso wie im Lager der Nationalen. Ich meine damit nicht die hall- und bodenlosen Snmmungsreligiösen, auch nicht die kririklüsrernen jüdi'cken Protestanten unter uns, sondern eben die geschilderte Tbora- und Ueberlieferungsgläubigen, die gerne möchten, aber nicht können, und die gerade tesbalb uns wertvoll sein müßten, weil sie eben durch die»e ihre Leienheir die Träger der religiösen Sehnsucht sind. So wenig eine Religion der strengen Hüter ihrer Formen und Gebote eniraten kann, so wenig kann sie doch auch auskommen ohne jene Suchenden, die auf dem Wege sind. Tie religiöst Sehnsucht säufst zwar keine Form, aber sie erneuert alles Gewordene, belebt alles Gegebene, und alles G-estzre wird zur lebendigen Offenbarung in ihrer innigen Beseelung. Weh den Unnahbaren, die dieie Sehnsucht der Tboiasucher zurückschleudern mit einem unverannvorrltcken: Alles oder nichts! Ein bischen mehr Chassidismus täte uns wirklich gut. Vor allem in diesen qualvollen Zeiten, die viele Götzen zertrümmert und manche Tafeln zerbrochen. al«er Neues. Großes, Ewiges noch nickt aezeirigr baten. Es sind wabrlich Zeiten der Sehnsucht, und ihrer Lehre zu lauschen, sollte keiner sich zu hoch oder zu niedrig dünkem Ihre beste Lehre aber ist die heilige Lehre vom guren i! Ien. der tnelsach sehr wenig ist, aber manchmal noch viel, viel mehr als die gute Tal. Emil Cohn. Deutschland. Wochenschau Tatsachen "mrö Ergebnisse [6VoVoVoVoVoVoVoVoVoVoVoVoVbVoVoVoVoVoToV61 roVoVoVoV6T6VoTbTo,,oVoVo,ro,roVoVö',6Vo,roVoVo,roVo'r<roTb Berlin. Auf die in voriger Locke von uns wiedergegebene Anfrage des Abg. Mumm iTeurickna:.) wegen Uebeihandnehmen der Osrjuden erwiderte im Reichstage Ministerialrat Hering, daß das Ministerium nach Kräften bemüht sei, de: unerlaubten Einwandemng durch Paßvorschristen und Fremdenpoli;ei entgegenzurrewn. Eine Massenabschiebung unerlaubt Eingewandeirer ickeiiere at>er an dem Widerstand der polnischen Bebörden. Verhandlungen inil Polen über diesen Gegenstand st:en im Gange. An der Lstgienze sind 1920 I I 453 Personen wegen unerlaubten Grenzübenrilts verhaftet. 6169 wieder über die Grenze abgeschoben, von dem Rest wurden 1500 aus polnischen Gefangenenlagern entwichene Kriegsgefangene oder Teserteure in Intelnierungslager abgeickoben. die übrigen sind teils den Gerichten, teils d§n jüdischen Fürsorgeorganisatroncn übergeben worden. Für die vorläufige Internierung solcher sremdstämmigen Ausländer, deren Abschiebung noch nicht durchführbar, sind mehrere Lager eingerichtet, in dem Lager bei Stargard in Pommern liegen 2700 solcher Personen. Danzig. Die Juden der Freiftadr Tanzig sind durch die Erhebung der Stadt zu einem ielbständigeu Staat in eine komplizierte Situation geraten. Danzig besitzt eine Gemeinde von etwa 2300 jüdischen Seelen, von denen schon im Frieden etwa 30 Prozent nicht das deutsche Staatsbürgerrecht besaßen. Dieie mußten jährlich ein Gesuch um Aufenthaltserlaubnis machen, das meistens anstandslos bewilligt wurde. Infolgedessen gibt es in Tan- , ftg Juden, die seit 30 oder 40 Jahren dort ansässig find nd d-ennock nicht naturalisiert sind. Nachdem Danzig . cn der deutschen Herrschaft losgelöst wurde, vermehrte sich die jüdi'che Bevölkerung durch Zuzug ans PoKn um etwa 50 Prozent. Bei der Erteilung der AufeNthaltSerlaubllis wurde ein deutlicher Unterschj^>jwischen Juden und Nichtluden gemacht. Alle preußische» Beschränkungen, die in Deutschland durch die Revolution aufgehobe» wurden, blieben in Tanzig in Kraft. Die Danziger Volksvertretung befaßt sich gegenwärtig mir der Ausarbeitung eines Staatsbürgerschaftsgesetzes, welches auch die Frage der Naturalisation zu regeln haben wird. Ta die Volksvertretung eine durchaus reaktionär-antisemitische Mehrheit hat, so ist zu befürchten, daß die neuen Bestimmungen den Juden ungünstig sein und ihnen die Einbürgerung noch mehr als bisher erschweren werden. Berlin. Zum 100. Geburtstage des Komponisten Lewandowski, welcher die Synagogenmusik um zahlreiche wertvolle Schöpfungen bereichert har. ist eine Ehrung des verstorbenen Meisters der Synagogenmusik vorgesehen. Der Gemeindevorstand will diesen Tag nicht vorübergehen lassen, ohne Lewandowskis Verdienste um die musikalische Ausgestaltung des Gottesdienstes der Berliner Gemeinde geziemend zu würdigen. Von einer größeren Feier wird mit Rücksicht auf die Zeitverhälrmsie abgesehen. Eine besondere Ehrung Lewandowskis soll im Rahmen des Gottesdienstes stattfinden. Am ersten Pesiachrage soll in der Neuen Synagoge ein schlichter Festakt in den Gottesdienst eingeschaltet weiden, bei dem in der Predigt die Bedeutung und die Persönlichkeit des Jubilars gewürdigt werden soll, während der musikalische Teil der Feier aus Lewandowskis Kompositionen besteben soll. Auch in den andern Synagogen wird in der Predigt Lewandowskis gedacht werden. Tanzig. I. C. B. Die jüdiicken Emigranten, denen der amerikanische Konsul die Visierung der Päsie zur Auswanderung nach den Vereinigten Staaten verweigerte, hielten hier eine Massenversammlung ab. in der beschlosien wurde, sich mit einem Appell an den Präsidenten Harding zu wenden. Infolge der Schwierigkeiten beim Erlangen der Visa macht sich unter den Emigranten eine Tendenz bemerkbar, andere Auswanderungszeniren als Nordamerika auszusuchen. Österreich. Wien. Am 12. März waren 500 Jahre verflosien ieir der unter dem Namen „Wiener Geierah" stattgehabten großen Jude »Verbrennung in Dien. In Liedern und Erzählungen, in Echorh und Kinoth ist jene Begebenheit den späteren Geschlecktem überliefert worden. Um den Glaubenswechsel und die Niederwerfung vor dem Kreuze hätten die Wiener Juden ihr Leben und ihr Gut, um das es dem Herzog Albreckt ja nur zu tun war. retten tonnen. Sie zogen aber den Tod durck eigene oder Freundeshand oder auf dem Scheiterhaufen einem Treubruch gegen Gott und gegen ihre Vorfahren vor. Ergreifend sind die Schilderungen, wie Müner das Teuerste, ihre Kinder töteten, wie einer, R. Jonas, sich nicht bedachte, seinen Angehörigen und Freunden den Todesstoß zu versetzen, als das Los auf ihn fiel, um nck am Schluß selbst einen Scheiterhaufen zu errichten. Gien. I. C. B. Ter Anli»emuenkongreß, der durch wüste Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung im ersten Bezirke Wiens seinen Abschluß fand, beschloß die Einberufung eines Weltkongresses der Antisemiten noch für diesen Herbst nach Budapest. Ter Verein der „Erwachenden Ungarn" wurde mit der Vorbereitung des unter dem Namen des „Weltverbandes christlicher Völker" zusammentretenden Kongresses betraut. Ferner ist ein Zentralbuieau zur „Vertiefung" der Beziehungen zum antisemitischen Ausland zu errichtm. Es wurde auch ein Aickeitsplan beschlosien, der die bewußten Forderungen (Ausweisung bezw. Internierung der Ostjuden, Einführung des „Numerus clausus" für die Hoch- und Mittelschulen und dergl.) der antisemitischen Aposteln enthält.