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Jüdischer Bote vom Rhein · 1921-03-25 · 95 (25.3.1921) · p. [Seite]

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
3 (1921)
Issue
95 (25.3.1921)
Date
1921-03-25
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Erschei»t j«tze» Kreitag vei»ßS preis 2.50 M. »»»«tl. L» te-irhe» p»rch similiche P,fti«trr »per p»rch pe» v«te»»erl«G i» B«»». VO^I RHEIN Jüdisches Volksblatt lesp. Prttt-eUe. Die |n|« Sette amftft 360 Zeile». P,ßscheckk»»t» v»tr»Berl«i 8»aa, ELl»Nr. 74747 ^erausgegeben von Rabbiner Or. Krnit Kohn» Bonn. Lchriftleitung und Geschäftsstelle: Bonn, BrLdergaffe 52. N»»»n 85 Monn, 25. März 1921. — 15 Weaöar 5681 ». IlchrM,-. An unsere Leser! Dcr „jüdische Bote vom Rhein" tritt mit Nr. 96 das zweite Vierteljahr seines 3. Jahrganges an. Wir richten an unsere Leser, welche das Blatt durch die j)ost oder den Buchhandel beziehen, die Bitte, die Bestellung für das vierte Vierteljahr schnellstens, falls noch nicht geschehen, zu erneuern, bannt die Zusendung des Blattes keine Unterbrechung erleidet. Diejenigen Bezieher, welche die Zeitung direkt von uns erhalten, bekommen dieselbe ohne besondere Erneuerung fortlaufend zugesandt. Durch die fortwährende Erhöhung aller Unkosten waren wir gezwungen, den j?reis auf 3.— 'Hf. pro Ulonat zu erhöhen. Wir bitten unsere Leser höflichst, den Betrag von Rlk. 9.— für das nächste Quartal unigehend auf unser Postscheckkonto Uöln Nr. 7^ 7^7, Botenverlag Bonn, zu überweisen. Nach Ablauf eines Wonats werden wir uns erlauben, die noch nicht eingezahlten Abonnementsgelder durch Nachnahme zu erheben. 0^* Zufolge vielfacher an uns ergangener Anfragen, und um den Wünschen der meisten unserer geehrten Bezieher zu entsprechen, erklären wir uns gern bereit, der Einfachheit und der j)orto-Ersparnis wegen Abonnementsbeträge auch für mehrere Vierteljahre auf einmal im voraus entgegenzunehmen. Die tLrpe-ttioa. T:e den Herrn suchen, denen fehlt kein Gut. Psalm 34, 11. Alles oder nichts! D-as ist der Grundsatz der jüdischen Lrihodoxie von jeder genesen, und es ist die Zielbewußtheit zu bewundern, mit der er durchgeführt wurde. Er erinnert lebhaft an das Losungswort des Jbsenschen Brand: „Und gibst du nicht das ganze Leben, — so wisse, du hast nichts gegeben." Allerdings ist Ibsens Brand an seinem Loiungsworr zugrunde gegangen, das gesetzestreue Judentum aber lebt und macht den Anspruch, alleiniger Hüter der Thora und Ueberlieserung zu sein: Alles oder nichts! Ja, wenn das noch ein Selbstgespräch wäre! Wenn der Ge»eyestreue mit diesem Grundsatz lediglich sein eigenes Gewissen schärfte und seine,Orthodoxie nichts wäre als ein Blick nach innen: Alles von sich selbst verlangen und sich nicht kümmern, roas der andere tut! Dem ist aber nicht io: Des geiexesrreue Judentum steht mit seinem „Alles oder nichts!" als mir einem echren Schiboleth am Siromübergang des religiösen Heils und schlägt alles nieder. was Siboleib sagt. Daher kommt seine Abkapselung nicht nur nach außen, sondern auch nach innen. Der „Zaun um die Thora" wurde zu einem Zaun um die Gesetzestreuen. als welcher er von den Rabbinen gar nicht gedacht war. Mit einem Wort: Der Grundsatz „Alles oder nichts!" hat das gesetzeslreue Judentum beinahe zu einer Sekte degradiert, jedenfalls hat er ihm die ganze Schärfe, Bitterkeit und Leidenschaft sektiererischer Sezessionisten verliehen. Tie schtimmsre Folge aber sehen wir erst, wenn wir die Kehrseite der Müwze betrachten. In den anderen jüdischen Kreisen hat nämlich dieser Ruf zur religiösen Unbedingtheit ein eigenartiges Echo gesunden. Ein Echo, das zwar eine restlose Anerkennung der Orthodoxie als der einzig konsequenten Religiosität bedeutet, aber den nicht mehr : gesetzestreuen Juden ganz auf die schiefe Ebene gebracht hat.! „Alles oder nichts!" tönt es auch aus dem Lager der Ent-! judeten. Da wir aber ,^lles" nicht mehr halten können, so halten wir — „nichts". „Etwas" ist weniger als nichts, iveil es lächerlich ist, weil jede Halbheit, Brüchigkeit, Haltlosigkeit, Inkonsequenz schlimmer und unmoralischer ist als das konsequent durchgeführte Nichts. Immer wieder begegnet man den Leuten, die, weil sie einmal in der Not des Krieges angefangen haben, Trefe zu esien, das Recht verwirkt zu haben glauben. Kiddusch und Hawdole zu machen. Zahllos sind die Leute, denen die Schabbeszigarie den Jom Kippur verbrannt hat. Sie halten nichts mehr, weil — nun, ganz einfach, iveil sie nicht mehr gesetzestreu sein können, wie sie sagen. Und diese Nichtsleute find nicht etwa die landläufigen Liberalen und Reformjuden, die doch immerhin noch etwas halten, sondern es find buchstäblich Orthodoxe, nur mit negativem Vorzeichen. Was sagen' aber die positiven Orthodoxen zu diesen Eideshelfern, die ihrer Sache zum indirekten Beweise verhelfen? Loben sie sie? Tadeln sie sie? Oder verwerten sie sie als Bestätiger ihrer „Alles oder nichts"-Theotie? — Wir sind gewiß weit davon entfernt, der Halbheit in religiösen Dingen das Wort zu reden, und begrüßen den Juden, der Inbrunst, Leidenschaft und Entsagung genug hat, um für sich das „Alles oder nichts!" im positiven Sinne zu verwirklichen. Er ist der wahre Jude, ist es umso mehr, je weniger er selbst sich dessen bewußt ist. Wenn wir aber sehen, wie Leute nichts halten, sich restlos dem Gesetze der Thora entziehen, lediglich, weil sie sich ausstttlichem Reinlichkeitsgefuhl das momlische Recht auf die ‘ Thora abspiechen, so erschrecken wir. Und erschrecken doppelt, indem wir erkennen, daß der seelische Vorgcmg, der dieser Stellungnahme zugrunde liegt, eine g<mz selhame Art von Thoragläubigkeit und Ehrfurcht in rhnen ist. Er - ist aber lediglich die Folge des gellenden Rufes, der aus deni Lager der Thoratreuen herübertönt: „Alhes ober nichts!" - -M i

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