Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- 92 (4.3.1921)
- Date
- 1921-03-04
- Page
- Seite 68 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Selbständigmcuhen gehört viel GÄd unb viel Geschick und Glück. Tie gelehrten Stände sind auf Jahre überfüllt. Techniker finden keine Unterkunft. So lvird die Frage wirklich ernst: Was »oll mein Lohn weiden? Tiefe Frage läßt sich nicht einfach und schematisch beantworten, sondern sie richtet sich nach sedem einzelnen Fcrll. Allein unsere jüdischen Ärern sind darüber auszuklären, daß nicht jedes Kind studieren soll, daß jüdische Eltern und deren Kind den Stolz oft schwer büßen müsien. den sie darin sehen, daß ihr Sohn studiert. Tas Elend der Studierten und Studierenden ist bei weitem größer, als bei anderen Ständen. Ter .Handel ist schon so überfüllt, allein dem Gewerbe widmen sich noch immer viel zu roenig jüdische Knaben, und doch hat ein nüchterner, pünktlich. gewissenhafter Handwerker es oft viel weiter gebracht als ein Geschäftsmann und ist auch dann, wenn er re:u Glücke in der eigenen Selbständigkeit nicht begünstigt wäre, niemals verloren, denn 'ein Handwerk nährr ihn überall. Auch mit dem alten Brauch, bei den Mädchen, sie nur für das eigene Haus zu verübenden, muß zum Frommen der jüdischen Mädchen gebrochen tverden. Nur der. der verdienen gelernt bar. wird die Mark zu schätzen willen. Tie Mädchen wurden bisher oft zu ihrem Schaden über ihre Verbälmille erzogen, ne wurden anspruchsvoll und brachten dieie Untugend mit in die Ehe. Zank und Streit, bitteres Leid und Webe ist hiedurch über manche Familie gekommen. Tie Frau bar keinen Berus wirklich erlern:, vielfach die Zeit vor ibrer Berede!ickung aus Körperpsleae. Verschönerung. Spor: und andere schöne, aber durchaus für den Ernst des Lebens in einfachen bürgerlichen Verbäkrnriien unnütze Tinge vertuender. Es tverden bittere darre Zeiten kommen, die! emo bestehenden Reichtum in nichts zerrinnen lallen. Tie Be:dälmisse werden beschränkter. Aber das Einschränken schmeckt mancher jungen Frau nicht. Teuere Frauen treiben ihre Männer, die ihren großen Ansprüchen genügen sollen, dann in Katastrophen. Tie Frauen stoben nicht nur mittellos da. sondern ohne jeden Broterwerb. denn ne haben lischt? gründlich gelernt, von allem nur genascht, sie bauen es ja nicht nötig! Auch dieser Stolz, die Mädcben einem Berufe nicht zuzusübren. ist ur zeirgeutäß und ein sich bitter rächender Lurus. Am Scbftme des Schul'a^res baden die Lebrer der Gemeinden den Eltern oft zu rr:en. was sie mit ihren Kindern anfangen »ollen. Sie können es. de-nn »äe kennen die Kinder und ken- :ic:i die Bwdölinille der Eitern, sie dürfen nur eines nicht tun. auch d'eie Gelegenheit wo ne auftichlig raten »ollen, vielleicht rum Schmeicheln benutzen und die großen Fäbigkeiten des Sobnes b-ervorheben oder mit Rücksicht auf die glänzenden Berbälinific der Eltern abraren, die Tochter einem Berufe wirklich -.uzuftibren. (Freie Lehrer zeftuna.» tri H i l ittiti 11 riTU I11 Ifmunmmm Von Berg und Tal iikMimlllliiiTlllliiiiiiiiiimiiiim fiiia. Tie Aüdcfchc Kinderheilstäue Bad Kreuznach, die nit den S?ia_tcrfuT« eiuev hervorragenden Erfolg erzielt harte. wird Ende März Aejchtosseu Um möglichst vielen Anforderungen gerecht werden zv könne«, in auch für die späteren Kuren eine frühzeitige Anme dnog uorweadig. Neber den Beginn der Sommerknren oerweisen wir ans den Anzeigenteil. B»n». Vir erhalten vom Vorstand der Bonner Ortsgruppe deS Eeniralvcreins über den letzten Bortrag folgenden Bericht: Am überfüllte» Saale der städtischen Fortbildungsschule fand am 2am^ tag, de« 26. Jebrnar ein von der Ortsgruppe Bonn and der st»de»1ische» Ortsgruppe des Eentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Slanbens veranstalteter Bortrag des Harr» Rechtsanwai,^ Tr. Erich Sehr «ns Laiserslastern «der »DaS Gebot der 81 »»de" statt- Was der Vortragende mit hinreißender Bereds»»ckkit. »it tiestzArchdinhter Annigkerr »nd-tz vrachche, läßt sich kan» in eine» knrzen Wtoi Aber was alle, die ihn gehört. Mitnahmen, war das Bewußtsein: Kamps gegen den Antisemitismus ist das Gebot der 2runde. Tie deutschen Anden sollen wi^er lernen, wahre Anden zu sein, den tiefen-ethischen Anhalt des Aadentnms iu leben nah so durch die Liebe. dir Gerechtigkeit, das hohe Menschentum die anderen Völker rn gleicher Höhe zr führen. Nicht die völkische Zusammenpreffoug. nicht die Anerkennung als ..nationale Minderheit" wird die Lösung der Audcnirüge sein, wird der jüdischen Äugend das Ziel ihrer Entw.jluug sein können. Nur das Leben und Arbeiten im Geist w-rd sie fördern, wird sic befähigen, die mesfiaaische Gvltesidee zu verwirklichenEin Segcn für sich und die anderen zu sein. Tic Aufgabe der deutschen Juden erschöpft sich nicht in einer Anteilnahme an dem Licderantbau Palästinas, soweit man diesen auch aus Gründen der Wohltätigkeit unterstützt, darf man doch keisen Augenblick die Gefahr nationaler Bestrebungen des Er- 'atzes der deutschen Kultur durch eine angeblich rein jüdische Kultur vergessen. Tem Einwurf eines Tiskusstonsreduers. der die Ausführungen d's Bortraoenden onenbar gar nicht verstanden haue, man mime antisemuischen Borwurf, die Auden seien nicht produktiv, durch len Wiederaufbau Palästinas entkräften, hielt Tr. Kehr mit Rech: entgegen. dag die Auden ihre Schöpferkraft wahrlich nicht erst zu beweisen brauchen — und der Wiederaufbau Palästinas für mehren K«0 00n Anden würde ja nicht einmal einen solchen Beweis darst.llen — denn kein Gedanke, keine Verte seien so Allgemeingut der Völker geworden. wie die vom Auden Moses geschaffenen zebn Gebote. wie die hciliae Schrift. Alle Religionen der Kulturvölker r^uru sich aus jstdiicheLi Geiste aus. Und der deutsche Aude soll iw. ^'vne dieses seines Vorfahren arbeuen und leben, nicht im Ge- :cr.!;n an ein Volkstum in Palästina das Heil suchen: er würde 'vät erkennen, wie sehr er mit deutscher Kultur, deutschem Leben uvd deutscher Sine verwachsen in. wie sehr er selber ein Teil davon w:e der Cri. wo seine Eltern und Urelicrn lebten und begraben ünd. ihm Heimat nst. Nnd wo die Heimat ist da in auch das Le:-er-and. Ein Rachwort zum Vorträge des Herrn Tr. Kehr. Z;;cr. gestanden. ich hal c mir die Einbeirsironr des deutschen A d -n,'ms anders vo'gcstellt. ganz anders, nnd nun sehe ich me-.new Entsetzen, welch vnverbesserlicher Optimist ich war. Ter?.r:;:rf verdirb, das Wollen Vieler. Aber io ist es schon bei uns. d'e .:eriche'nungen gehen auch an den Auden nicht spurlds rorüre". Wie die Völker und Staaten, wie die Umwelt, so auch wir. Vor kurzem las ich irgendwo folgenden Gedankengang: Weil w?:: t Aahre täglich 2k Stunden gemordet und zerstört. 12 und " e^e runden Mordwerkzeuge bergestellr, in den Bergwerken nnd au' den Feldern Raubbau getrieben bet. genügt zur Wiederherstellung und zum Viederauibäu jetzt der Achtstundentag. Ae schleckrci es einem Staate gehr, umso verschwenderischer nnd «eine Kriegseewinnler. umso korrupter reine Beamten, um soviel mehr Pogrome -vrt-fT, veranstaltet. Weil der Wirtscbailsverkebr zwischen den?'-aaren schon io rege ist. werden die irrsinnigsten Zollschranken errtchiet. Weil die Welt den Frieden so nötig hat. wird weiter ociührt. An je tiefere schulden der Ltaot gerät, je mehr d'c Krivgslästen anwachsen, umso mehr Milliarden werden von ihm ^.'i'chw^ndet und hinansgeworsen. 2o ist es auch bei uns. Tre Leiden des jüdischen Volkes schreien zum Himmel; im Lneu die wüstesten Poorome. der buchstäbliche Kamp, ums nackte Leben, dos Ausroiren bunderttausender von Brüdern, «m Westen r.ne Audenbetze. die uns seelisch völlia nicderdrückt und uns kaum outa-.mcn läftt: die Audenwanderung hat Aormen angenommen, die an das Minelalier erinnern, da sollte doch jeder vernünstig Tenkende anncbmen. dast Einigkeit des Audcntums ..das Gebot der Grunde" wäre. Anstatt dessen läßt der Eentraloerein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens Herrn Tr. Kehr aus Kaisersloureru nach Bonn kommen, der in glänzender Rede als „das Gevbr der Grunde" die Uneinigkeit predigt. Gibt es etwas Viderfinnigeres. etwas Unnatürlicheres, etwas Verkehrteres? Und keiner sr'ner Gestnnungsgenosscn widersprach! Am welch höhnischen Vorwn sprach er vom Zionismus, von Palästina als einem „Läodchen". dos ..irgendwo" liegt und vielleicht einigen lausend Armen Unter- 'wlnps gewähren kann. Wie verkieinerte er das „Kulturzentrum", wie sprach er vom jüdischen Volk? Und als ich in der Tiskusfion all die Tinge hervorhob und seinen Vortrag »n 99 Prozent als unjüdisch bewertete, da zahlte er mir in seinem Lchluhwort nnter dem Beifall seiner Anhänger griodl-ch heim und fragt«, wo denn eigentlich mein Judentum und meine Weltanschauung wäre? Lässt sich darüber diskutieren? Man urteile selbst. Herr Tr. Kehr erklärte ausdrücklich, daß er kein Theist sei. also Gottesleugner. er erklärte aber auch, dass.er keine jüdische Rationalität anerkenne, nnd über die sogenannte jüdische Rasse goß er gar die ganze Schale seines Spottes. Er sprach fortgesetzt vom Menschen- »n». zn dessen Höhe wir uns anfschwiugen solle», nnd von der Misst»» des Indent«»-, der ganzen Welt nufere Sehre -n.der- Wetche Lehr»? Die, »n di« er nicht gkandt? r