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Jüdischer Bote vom Rhein · 1921-01-28 · 87 (28.1.1921) · p. Seite 27

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
3 (1921)
Issue
87 (28.1.1921)
Date
1921-01-28
Page
Seite 27 (sequence 3)
Language
German
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abschlägig Bcföicbeti. Damit ist der Weg für die Einführung einer Jigmettenmdustrie in Paläsüna ftÄ geworden. Berk». Die ersten Institute der Universität Jerusalem sollen im Herbst des Jahres 1922 eröffnet werden. ES handelt um Forschungsinstitute für Physik, Chemie und ferner um ein Institut für hebräische Sprachwissenschaft und um eine Abteilung für jüdische Wissenschaften weiteren Sinne. Die weitere Errichtung von Forschmgsim instituten und der Ausbau zu Lehrinstituten soll in der Folgezeit nach und nach erfolgen. Die Eröffnung des Techmkrmls in Haifa ist für den Herbst 1921 ins Auge gefaßt. 9er Alltisemiti-mos in Sowjet-SMm-. Im hrutigen Sowjet-Rußland gibt es, wie Halevy im „Volk" schreibt, keinen offiziellen Antisemitismus. Tie gleiche .Liote Regierung", die mit aller Macht die jüdischnationale Bewegung unterdrückt, verteidigt die Menschenrechte der Juden überall, wo sie verletzt werden. Der gesellschaftliche Antisemitismus ist jedoch stark. Außerhalb Rußlands wird man diese Tatsache nicht glauben wollen; denn man denkt, daß sich mit der großen Umkehrung in Rußland auch die Psyche der Maffen vollständig geändert haben müsie. Wohl drückt sich der gesellschaftliche Antisemitismus nicht mehr in Pogromen und Verfolgungen aus. er ist aber moralisch nicht weniger feindlich. Für alle Sünden der Sowjet-Regierung norden die Juden verantwortlich gcnmcht .trotzdem in den Sowjets fast gar keine Juden sitzen und auch die Rote Armee fast judenrein ist. Tos Volk wie die Intelligenz, beide sind der einen Meinung, daß die Juden den gegenwärtigen Beherrschern des Landes den Kopf verdreht haben. Tie Russen natürlich. — die sind zu harmlos. Lenin hätte schon längst nachgegeben, ließe Trotzki mit seinen jüdischen Genossen es zu. Mehr als einmal iß die Legende verbreitet worden. Trotzki habe Lenin gestürzt. Tie bolschewi stucken Führer sehen sich gezwungen, mit dieser Stimmung des Volkes zu rechnen, und es ist längst kein Geheimnis mehr, daß die geringe Zahl von Juden in den Regierungsstellen von Tag zu Tag uoch kleiner wird. In Petersburg z. B.. wo es zu Kerenskis Zeit ziemlich jüdische Beamte gab. sind jetzt keine zu sehen, mit Ausnahme natürlich einiger „Großer", die nmn behalten muß. Besonders in der Provinz fühlt der Jude den Antisemitismus auf Schritt und Tritt. Man braucht nur in einem Eisenbahnwagen zu fahren, um zu hören, wie auf die Juden geschimpft wird. In kleinen Orten muß der Jude Angst haben, auf den Markt zu gehen, denn es heißt gleich: Die Juden kaufen alles auf. Geht der Jude in Stellung, ist es nicht recht; tut er es nicht, dann beschuldigt man ihn, daß er die Teuerung mache. Die traurige Lage der russischen Juden, die ja meist t-er Kleinbürger- und der HandelÄlasse angehören, ist leicht zu verstehen. Mehr als andeie Bevölkerungsschichten haben sie durch den Bolschewismus gelitten, und mehr als das Bauerntum wünschen sie die Befreiung von der bolschewistischen Herrschaft, — und trotzdem müssen sie mit Schrecken und Zittern den Tag erwarten, an dem die bolschewistische Herrschaft fällt. Nur die Furcht vor der bolschewistischen Macht läßt es heute nicht zu Ausschreitungen gegen die Juden kommen. Wer es von den Juden irgend bewerkstelligen kann, flieht aus Rußland, — die Lnderen setzen ihre einzige Hoffnung auf eine künftige demokratische Regierung. * Eine drohende Wendung in der Judenfrage in Sowjet- Rußland kündet der bekannte amerikanische Pressevertreter Wiegand an, welcher sich augenblicklich in Moskau befindet. Er sandte nach Amerika nachstehende Meldung: „Mit jedem Tage wächst und erweitert sich die Kluft zwischen den jüdischen und nichtjüdischen Elementen in Sowjet-Rußland. Zum ersten Male seit dem bolschewistischen Umschwung haben nun die Sowjvtkveise dies zur Sprache gebischt. Mitteilungen, - welche unmittelbar aus aottpL» Anifart stammen., sprechen von der MögLchkttt einer , tung inmitten des Rates der BolWbmmffsare, tm ein ganz offener Kampf um die Macht zwischen den betten Grups^n geführt wird. Eine von diesen Gruppen ' rjc-r djgt die andere, daß sie bewußt und sichtlich bet tischen Propaganda durch die Finger sieht, welche in Zeit sich wie eine breite Welle über ganz Rrchland und welche diese Gruppe zu ihren Zwecke» au-«chen Die reaktionären Pvgromelemente, wÄche bisher im ~ arbeiteten, erheben in letzter Zeit ihr Haupt, tat» fie finden eilte nichtamtliche Unterstützung seitens der amtlichen Bolschewistenkreise, welche den Antisemitismus akS Kunstgriff anwenden. Nach dem Vorgang des früheren Regimes beginnt man. aus der Mftte der Sowjet fettst, in die vochmigerten und verelendeten Massen Beschuldigungen gegen die Juden zu n>erfen und macht fie für den Hunger, die Kälte und das Elend in Rußland verantwortlich." Diese Nachricht Wiegands, der über die besten Bezieh««» verfügt, ist als Wetterleuchten vor einem Sturm anzuschen. Safia» Frr-tag. Vor 25 Jahren verstarb in seinem Altersheim in Wiesbaden Gustav Freytag, in dem Deutschland einen hervorragenden Erzähler, die Welt einen ausgezeichneten Menschen verlor. Gustav Freytag wird heute von den Antisemiten gerne als der ihre reklamiert und muß sich diese „Annexion" unserer allzeit annexionslüsternen alldeutschantisemitischen Helden auch nach seinem Tode ruhig gefallen lasten. In Wirklichkeit gehörte Gustav Fvchtag zu jenen im deutschen Geistesleben nicht seltenen Pnsönlichleiten, die nach vorübergehender Gegnerschaft sPÄer zu lvarmen Verteidigern des Judentums werden. In seman bekanntesten^Verke, dem 1855 erschienenen Roman „Soll und Haben" stellt Freytag die Juden als Krebsschaden des deutschen Volkslebens dar. Die jüdischen Typen find in groben Strichen bis zur Karikatur entstellt. Selbst der Idealismus der einzigen sympathischen jüdischen Gestalt des Buches, des jungen Ehrenthal, wird mit giftigem H»ott übergosten. Allerdings lveist die Darstellung des deutschen Adels in diesem Buche fast die gleichen Fehler cmf. 8$ ist kein Wunder, daß die damals leise einsetzertte antisemitische Beivegung sich Freytags gern als Kronzeugen bedrmte. Tiefe Wertung Freytags erwies sich aber bald als grober Rechenfehler, denn schon im Jahre 1869, alS der Streit um Wagners „Das Judentum in der Musik" mit großer Heftigkeit geführt wurde, trat Freytag in dem von ihm geleiteten „Grenzboten" mit einer entschiedenen ErüLkung gegen Wagner und für die Juden auf, die nach seinen Antecedenzien hüben wie drüben Verwunderung erregte. Es heißt in dieser Erklärung:' „Wir halttn gegenwärtig einen ernsten Angriff auf das jüdische Wesm unter uns nach keiner Richtung für zeitgemäß, nicht in Politik, nicht in Gesellschaft, nicht in Wissenschaft und' Kunst^ta« auf ylljm diesen Gebieten sind unsere Mitbürger.jüdischen Glaubens werte. Bundesgenossen nach großen Zielen, auf keinem Gebiete sind sie vorzugsweise Vertreter einer Richtung? welche rvir für gemeinschädlich halten müssen." Freytag führt nun diese Ansicht auf den Gebieten der Politik? d^HanbÄS nnd Verkehrs, der Lfteratur und' Kunst durch And bchqWwt schließlich, daß Richard Wagner nn Siam: seiner NrvWre selbst als der größte Jude erscheint, da er in seinen eigäseü Werken die Eigentümlichkeiten und Schwächen, welche er an jüdischen Künstlern tadelte, in höchst ausgezeichneter Weise selbst an den Tag gelegt hat. Diese AnschatzuuU über Truden und Judentum ist die grundlegende im Sk&ntiSnffaib Freytags geblieben bis zu seinem Tode. ffi'tagMärift Freytag noch zweimal an hervorrDmder €Me |ffit bk - Juden und gegen den Antisemitismus aufgrtrete».- Kr

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