Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 83 (31.12.1920)
- Date
- 1920-12-31
- Page
- Seite 492 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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ner Trompete verkünden, daß noch in Lumpen und Elend ein Kinderplück vorhanden ist. Mid seltsamen Gefühlen verlassen wir den Raum. Mit einer, "eii mit tausend Frapen an das jüdische Schicksal. Die k -? Wie wird's? Wie soll das Ganze enden? Wo und l! .' st die Lösung der Judenfrage? Wo ist Heimat und i für die Vertriebenen unseres' Stammes? Gibl'L . ien Lohn für so viel Mühsal und noch eine Hoffnung fi r ne Zukunft? — Um 11 Uhr betteten wir den Äuslvand, cerraum noch eimnal. Tie Helfer und Helferinnen rasten sich zuin Empfang der angekündigten Nachtschicht. Tie vom letzten Transport im Wartesaal Verriebenen haben sich auf die Lagerstätten rings an den Wänden verteilt, liegen da. eng aneinindergepreßt, so daß es schwer fallen dürfte, die Zahl der so Gelagerten festzustellen. Uralten mit so hart gewordenen Zügen, daß man sic zunächst gar nicht als Frauen erkennt, Männer mit'dem Gesichtsausdruck. den Lilien und andere in ihren Bildern so mannigfach festgehalten haben. Erschlaffung und Resignation auf dem gefurchten, bekümmerten Antlitz, Tuber doch wiederum auch etlvas wie ein geheimes Zeugnis dafür, daß die müden Augen nicht zugefallen sind ohne das Bekenntriis: ..Siehe, nicht > schläft und' schlummert der Hüter Israels." — — v Helft und gebt: Lebensmittel, Kinderwäscl>c, Wollzeug, Frauen- und Männerkleider, Geld, für die Aufrechterhalruirg des Liebesdienstes! Geldsendungen iverden erbeten unter ..Hilfsausschuß für jüdische Durchlocmderer" Nr. 66375 Postsklteckanit Mölu; Kleidungsstücke, Wäsche und Schuhe usiv. trolle man an die ..Pesh", >löln. Rubensstr. 33, Tel. B. 169 senden. Achtet es nicht gering, einen Lichtblick, eine frolK Stünde in diese Nacht- und Leidenszcit heimatloser Glaubensbrüdcr und Schuxstcr». zarter, notleidender schutzlvdürftiger Binder zu bringen! Und spendet damit dem Hilfsausschuß und seinem jugendlichen Stabe für die über alles Lob erlptbene Hingebung den schönsten Tank durch das Bwußtscin, das ihr ihnen bereitet: Tag für Tag und Nacht für Nacht zum schlvcren Dienst gerüstet zu sein, nicht nur miiJ'ollem Herzen, sondern auch mit einer vollen Hand. Crcnderl; Eine Geschichte aus Böhmen Von Leopold Aompert. VlSchluß.) * , > 'Wegen Mittag kam Scholrm »ach Haus»'. Lustig rief er: „Prächtig kann erS, »pser Trenderl. der sitzt da oben auf dem lache und singt dabei, als ivär er in einem Tanzsaal. Wer hätte z» meiner Ze,i geglaubt, hast das ein jüdischer Prosessionikt zustande bringen wird? ' chie Zeiten iverden doch anders." Neue Zuversicht lebte in TaubeS Herzen auf, daß das Werk gelingen werde. Trrnderl sang ja auf de» Tache! Mindel cntgcgnktc gar »ichtS, rS ging eine Wandlung in ihr vor, die im Laiise der kommenden stunden immer bestimmter her- Dortrnl; die ungeheure Svannnng, die in alle» ihre» Gliedern jag, war gcwiche», »pd «in Gefühl abirmrlcndeic Ruhe >var in ihr Gemüt - ziirückgekehn, dem eS seit dem Beginne dieses Tages ein so fremder Gast gewesen, «ic konnte am Nachmittage sogar in ihrem Lehnstuhle einnicken, und ei» sauflcr Schlummer entrückte sie mit linden Fittiche» allem Janimercund Stummer der sie unterdrückenden Sorge. Es war Abend geworden, da wurde sie plötzlich durch einen laut gellende» Schrei a»S dem Schlafe geweckt. Taube wars, die gcschrien hatte: „Er kommt, er kommt!" Taumelnd fuhr Mindel aus; bleich, mit furchtbar aufgeregten Züge» fragte sic: ,,Um Gotte» willenl Ist das Unglück geschehen? Bringt mau ihn zurück?" / Taube vermochte augeublickltch keine Antwort zu geben, dann ries sie mit einem Tone, der'aus dem tiefsten-Leben ihrer Seel« zu koiümcu schien: „Rein, Mutter! er ist gesund und lebendig-zurück.- Ich habe ja gewußt, dem wird Gott nichts autuu." . . Mindel sank in den Lehnstuhl zurück; ihr, Hände hatten Sch aefalke«: ab«? tnenschlich« Ohren haben da» Lebet nicht vernonnnrn, da» in diese« Augenblicke von ihren Lippen vor den- Herr» de» Himmel» trat. Nicht lange darauf kam Schalem zurück. „Schön' gefoppt hast du mich, Mindel," ries er, „wenn du. geglaubt hast,-unserem Trenderl wird etwa» "zustoße». Er hat dir da eine Arbeit gemacht, worauf di« Gemeind« stolz sein kann. Hat man'» denn schon erlebt, daß eia jüdischer Schlosser eine» Blitzableiter auweseht bat?" „Ich mochr ihn jetzt sehen," sagte Mindel fast verschämt: „ich mtzcht' mir ihn doch ansehen." „Ob nicht etwa» zerbrochen ist an ihm." meint« lustig Sholem, „ob er noch ganz ist? Schicken wir gleich um Ihn." Taub^ flüchtete sich in den äußersten Winkel der Stube. T-er Schlosser kam, noch in seinem Handwerkeranzug; den I<» dcrnen Schurz um die kraftschwellenden Glieder geschnallt, im rußigen Hemde di« Aermel weit über die nackten, sehnigen ArMe heraufgcschurzt. Er grüßte verlegen die reichen Leute, auf deren Geheiß ergekommen war. „Trenderl", rief Schalem Brandri», „sei nicht bö», wen» ich dich noch einmal so heiß,-denn du bist ein braver Juno und hast dir und »ns Ehre gemacht. Mein Weib will sich bei dir vedänken, daß du nicht vom Dach hinünteroefallen bist." Ter Schlaffer wußte nicht, wie ihm geschah. „Ja. rief Mindet mit unaussprechlicher Innigkeit, indem sie seine Hand ergriff, „ja, ich dank dir, daß kein Unglück dir zugestotzen ist; denn jetzt weiß ich, mit dir wird Gott auf alle» Tritten und Schritten sein und wirb dich bewahren, und du bist ein brav?» jüdschcs Siind. Ich aber Hab mich an'Gott versündigt, denn ich Hab mein Herz z» besorgt gemacht und habe nicht genug vertrauen zu ihm gehabt. Mein Mann hat beute früh gesagt: Sollt to» eine sünve sein, wenn man Gotte- Haus vor einem Unglück bewahren will? — Mich hat das eigentlich getröstet unb hat mich aufrecht erhalten. Hämmere du n»r jetzt z». ich werde dir gerne zuhören, ivenn es mich auch nicht schlafen laßt. Dir sieht man» an, «ine gute jüdisch« Mutter hat dich geboren. Recht hast du gehabt, daß du dich nicht, hast verleite» lassen, zurückzntreten von deinem HanKverk; nicht sage» kann ichs, wie recht du gehabt hast und wie unrecht ich, daß ich dich habe verleiten wolle». Es ist mir die Blindheit von den Augen gefallen." Trenderl wußte nicht, was mit ihm vorging. Seine Blick«, suchte» in der Stube verlegen forschend umher, auf tvem sie am längsten haften sollten. " . Seitwärts in einem Winkel stand Taube und weint« still vor, sich hin'. ö. Emanuel hatte das Geständnis beK- Schlossers längst erraten, noch ehe dieser eines Tages gekommen war, um ihn um sein.Jürwort bei den Eltern seines Mädchens zu bitten. „Zwischen uns beiden ist alles richtig und abgemacht. Ich bleib ein Schlosser, und meine Taube wird eine Schlossermeislerin. Sie hat-mirs selbst gesdgt, sie will gar keinen andern, und wenn ich mein ledern Schurzfell ümhab »nd in Hemdärmeln am Amboß stehe und da arbeite, so bin ich ihr lieber wie alle jiikigen Leut in der Gaffe. Biel Geld brauch ich nicht, und ivenn mir Herr Scholen, Brandeis gar keines geben will, so bin ichs auch zufrieden. Aber meine Taube niliß er mir geben." ,. Es fiel dem Doktor nicht schwer, das Jawort der Eltern-zu erwirken. Schalem hatte schon langst sein Gefallen an dem '„schönen Jungen", und die wackere Mindel lat gern, wozu ihr das eigene Herz und das Wort des ihr viel teure» Doktor» anrieten. Als es am heurigen „Eholemoed" des Osterfestes hieß: der Schlosser und Scholen, Brandeis' Tochter seien Braut und Bräutigam ' geworden, ging ei» ungeheures Erstaunen durch die ganze Gaffe. Man begriff das Unerhörte dieser Tat nicht. Hirsch Blaser, das „gescheit JJübel", schüttelt« den Stopf und schrumpfte vor'lauter Achselzucken fast z» einer Katze mit gekrümmtem Rücken n»d grünfunkelnden Angen zusammen. „So soll ich leben und sterben", sagte er, „ich kenn mich in der Welt nicht niehr a»S. Rebb Schalem Brandts gibt einem armen Handwerker, gibt Trenderl Schlosser -sein« Tochter? Entweder ich bin nicht gescheit, oder die Welt ist etwas ganz anderes geworden. Ich versteh mich »nd sie nicht mehr." Spät in der Nacht, als Emanuel von dem BerlobungSseste der beiden Glücklichgeword^trn zurückgekehrt, drängte. ihn sein' Herz za einigen Bemerkungen, die-er dem Papier anvertrauen mußte. Lesen wir, toäs der Doktor um diese Stunde kühlte und dacht«: „Seit neun Jahren zum ersten Male habe ich heute die Empfindung wie damals, als mir meine Mutter, tprnn ich zu Bett« mußte, den Abendseoen vorsagte und ich Wort für Wortihr nachredete. Ich möchte heute beten, so voll ist mir vaS Herz. Jahrelang habe ich gehadert mit meinem Schicksal, habe geglaubt, unglücklich geworden z» fein, als ich Treue über Liebe stellte und der Lieb« zur Ehrlstin entsagte, al» di« greisen Eltern mich zur Treu« riefen. , Jahrelang Hab« ich gehadert, habt geglaubt, trotz Treu« und Tot mmrm. ltzplke. entwachsen zu fein, -rda kommt «in jüdischer