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Jüdischer Bote vom Rhein · 1920-12-17 · 81 (17.12.1920) · p. Seite 476

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
2 (1920)
Issue
81 (17.12.1920)
Date
1920-12-17
Page
Seite 476 (sequence 4)
Language
German
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schrieben voller Wut. hier liege ein ganz gemeiner Indern streich vor. Man wolle das heilige Symbol d«S alleiy echten Anertums dadurch in den Schmutz ziehen, dass man es in Verbindung bringt mit einem Medikament, dessen Anwendung unter einiger Tiskietion zu erfolgen Pflegt. Ter einzige, der sich noch nicht beschN'ert hat, ist — der Japaner,, der dazu das gleiä)« Recht hat, wie Antisemiten und Juden. Es fehlen jetzt nur noch die antisemitischen Gelehrten, die nachnvisen, dass das Hakenkreuz auf der Packung die Wirksamkeit dcS Mittels bei Ariern verhindere und ihre jüdisck>en Widersackrer, die behaupten, cs sei dadurch fiir Juden unwirksam geworden. Ta der gan^ Streit um das Hakenkreuz schon einmal bis zu diesem Grade des Lächerlichen gcdiekew. ist. ist nicht einzusehen, tvarum die Närrischkeit nicht bis auf den Gipfel getrieben werden soll. Wir Juden brauchen sie aber dahin nicht zu treiben. Schluss endlich mit der Erregung über das Hakenkreuz!. Aergerl euch nicht mehr, wenn ihr es als Schlipsnadel, Anhänger, (Mrtelschloss oder sonst einer sinnreichen Form erblickt. und übermalt cs nicht mit einem Mögen Dowid. ivenn die Kanaille sich ihres herkömmlichen Papiercs, der Mauern, bedient hat. Sonst »mrd für spätere Zeiten einmal das Hakenkreuz zu einem Symbol unserer Zeit, und ein künftiger Historiker des deutschen Judentums schreibt uns ins Stammbuch: „Sie kämpften wider das Hakenkreuz. Andere Sorgen hatten sie nicht, die Glücklichen!" C. Z. K. Crendcrl. Eine Geschichte auS Böhmen von Leopold Kompert. lFortfetzung.) ' „Und u>nä soll ich lun?“ fragte er dann verwirrt. „2inb nicht andere Schlosser in der Stadt?“ fragte sie, ängstlich in seinen Blicken spähend. < Und wieder war es dieses Wort, waS Trenderls Sinne zu neuem Lebe» ansralsle. „Tas gehl nicht, daS geht nicht“, schrie 'er säst zornig, „sagen Sie dao Ihrer 9JiMtcr, und wenn sie mir Millionen verspricht. Ich, tanns nicht lun“, setzte er leise, fast »istde, alS Antwort für Taube Hinz». „2ie wollen also wirtlich da hinaus?" fragte sie fast »nvernehinbar, und es war gut, daß Trenderl die Tößesblässe aus ihrem vlesichtr nicht beiperlt» konnte, die die Nacht seinen Augen entzog. „Ach inufj.“ „Fürchten Sie sich denn gar nicht?“ schrie Taube, „vor sich selbst . . . niid vor Atoll?“ „Ach furcht niich. ja . . ." ries er mit gedrückter Stimme, „aber nicht vor dem Tachbesteigen." „Atott, lebendiger Atoll!" jammerte sie leise. „Ähre Mutter", meinte Trenderl,e „macht sich da den Kopf mit etwas voll, ums mir eigentlich ein Kinderspiel ist. Ach bin an den Schwindel schon gewöhnt; ich kann ans dem steilsten Tach einen Blihableiter auisepen und meine, ich bin in meiner Stube. Wozux bi» ick» denn ein Schlosser geworden? Und habe ich nicht schon auf dem Wieneb Slephansturiü gearbeitet?“ „Tort waren Sie schon?“ rief das Mädchen säst atemlos. „Und Sie haben sich nicht gefürchtet?“ „Gesürchtet ob ich mich Hab? Ach Hab geweint und geschrieg, Hab schier den Tod davon gehabt“, sagte Trenderl. „Und dock» wollen Sie'da aus daS Tach hinaus? Versündigen Sie sich nicht?“ ' Ter Schlosser niußte lächeln. „Ach bin noch ein Kind gewesen", begann er wieder, „als sie mich in Wien zn einem Schlosier gegeben haben. Mein Meister war ein ganz merkwürdiger Mensch; man hat glauben können, er könnt die ganze V.-II verschicken, tvenn man sie ihm in einem Lössel vorsehen möckile. so bitter bös und grimmig hat er auSgesehen. Aus zwanzig Schritte von ihm ist tiiir mein Herz immer stillgestanden, und die Haar? haben sich mir ausgesträubt. Aber er war doch ei» guter Meister' und hat sich mit mir Mühe gegeben, und hör ich einmal. daß er gestorben ist, so zünde ich vn seinem Sterbetag ein Licht, wie ich eS sür meinen Baier im Alrab zur „Aahrzeit“ mache. Ach Hab noch einen Kameraden gehabt, der hat „Nazi" geheißen, und nmr rin lustiger «er!. Wir haben unS gut vertragen, und er tjor mir nie vorgeworsen, wie die andern Lehrjnnqen, daß ich. ein Aude bin . . . Einmal hat der Meister zu uns gesagt: „Ahr geht heute mit mir; eS ist e»vaö auf dem Stephansturm zu tun; nehmt das und das, waS ich brauchen werde.“ Heiliger Gott! auf den hohen, auf den gewaltigen Etephanstor« hält ich hinauf sollen? Hab immer aut mit Schrecken zum Zifferblatt der Uhr hinauflcheu können, und jetzt wollt der Meister, ich sollt mit ih» auf de« Stephansturm! Ich Hab geweint, gejammert, Hab mich auf den Boden geworfen, ugd habe geglaubt; ich müßt schon sterben, noch ehe ich hinaufgestiegen. Ta ist mein Mejster zu mir gekommen, hat mich aufgehoben mit seiner gewaltigen Faust und mich gerade hingestellt vor sich. Tarauf sagt er zu mir: „Wolf, sieb^nir in die Augen!“ Ich schlage die Blicke zu ihm auf. „Jud, fürchtest du dich?“ ruft er mit fürchterlicher Stimme, daß mir mein Herz noch jetzt erbebt. „Und jetzt gehst du gleich mit mir“, befiehlt er, und ich.—.ich habe gehorchen müssen.“ Trenderj hielt inne, das Mädchen sah ängstlich der Fortsetzung seiner Erzählung entgegen. „Denken kann sichkeiner", fuhr er fort, „was ich auf dem Wege bis zu der Turmspitze Hab ausgestanden an Furcht und Angst; aber daS Äuge deS Meisterist immerfgrt auf mir gelegen. Ganz anders war mein Kamerad Nazi; der ist hingeqangen, als hätte man ihm gesagt-: Bring mir aus dem Garten eine Blume. -Unter Zagen ' und Herzbangen sind wir die Stiegen vom StephanSturm hinaufgekrochen, nahe bis zur Uhv. Draußen an dem Gemäuer hat der Meister 'eine Arbeit zu verrichten gehabt. Wie ich da hätte hinaüstreten sollen, überfällt mich wieder ungeheure Angst, ich fang wieder zu heulen und zu jammern an und bitte den Meister Himmelhoch, er möcht mich nach Hause gehen lassen. „Jud, fürchtest du dich?“ sagte er -nieder mit seiner strengen Stimme, und wenn ich in diesem Augenblicke dem Sterben wär nah gewesen, der Meister hätte mich auch nicht gehen lassen." „Gott! Allmächtiger!“ flüsterte Taube. „Für meinen Kameraden Nazi“,, erzählte der Schlosser weiter, „war daS alles wie ein Spaß. Ter ist da oben auf dem Turme gestanden, wie in einem sicheren Bette. Auf einmal, alS der strenge Meister sich aus einen Augenblick entfernen muß, fängt-mein Kamerad gar zu singen an, ich weiß n'och, was eS für ein Lied war; e» ha« sich mir gut in das Gedächtnis eingeprägl: „O Straßburg, ch Siraßburg, Tu wunderschöne Stadt, Darinnen liegt begraben , So mcknicher Soldat.“ So hat Nazi gesungen und mir sind die Haare zu Berg gestanden über den leichtsinnigen Kameraden, wie der da auf und nieder geklettert ist und jeder Tritt ihn in den Tod bringen konnte, und hat doch dabeigesungen. „Nazi“, sag ich zu ihm weinend, „du kannst jetzt noch singen?“ Ta lacht er laut auf, und zum ersten Male, seit wir beisammen in der Lehre sind, sagt er zu mir: „Jud, fürchtest du dich vielleicht?“ Ich iveiß nicht, warum mir diese- Wort ' gerade aus dem Munde meines Kameraden so fürchterlich vorgekoiw men ist in diesem Augenblicke. Aber es war ein Wort. daS ein' Mensch zur rechten Zeit ausgesprochen hat. „Fürchten? Nazi“, rief ich ihm z», „sieh her, ob ich mich sütchte!" Und nun fang ich mit ihm um die Wette zu klettern, zu springen und zu singen an; meine Seele ivar wie toll geworden. Mein Kamerad hat mich ganz' verwundert angeschant; auch der Meister. Keiner weiß sichzu erklären, wie mir so auf einmal die Furcht vergangen ist.- Ich war in jener Stunde ein ganz anderer Mensch geworden; ich hält mich mit der halben Welt hernmgeschlagxn, wenn es hätte sein müssen. Keiner hält mir sagen dürfen: Jud, fürchst dich? Tenn ich Hab mich nicht mchr gefürchtet; ich war wie Nazi, wie die andern geworden, und mein Meister hat zu mir auch gesagt, was ich mir ewig merken »verde: „Siehst Wolf! Tie Furcht, das ist der Unterschied zwischen Anden uud Christen; ihr seid ein geplagt Bolk gewesen,' und darum fürchtet ihr euch; aber wie ihr daS einmal abgelgt habt, so seid ihr nnS gleich. Ta hast du einen Zwanziger und sürcht dich auch weiter nicht mehr. Es kann ans dir ein tüchtiger Schlossermeister werden,“ — Ach zünd auch meinem Meister ein Jahrzeitlicht an, wenn ich einmal höre, daß er gestorben ist." Trenderl schwieg; sein ganzes Wesen schien sich aber durch , den lange verhaltenen Stoff wieder Bahn geöffnet zu haben; eine starke Männlichkeit blickte ans seinen Augen, und die gedrungene kräftige Gestcklt schien noch einmal so viel Kraft und Stärke zu verkünden, als ihr vielleicht innewohnte. Wer um diesen Augenblick - den leuchtenden Strahl, der aus den Blicken de- Mädchenauf ihn fiel, ausnehmen und erkläre» hätte können! sJortsetzung folgt.) \ Uon Derg und Tal. Krefeld. Ueher die Jüdische Kunstausstellung in den Räumen der „Heimgestaltunq Krefeld“ wird unS geschrieben: Es kann sich hier nicht darum handeln, die Kunstanschauungen, die in dieser Ausstellung vertreten sind, zu erörtern und gegeneinander anSzuspielen, sondern zunächst einzig und allein darum, -zu prüfen, inwieweit das Wesen dieser Ausstellung spezifisch jüdisch ist. Es sei vorn>eg gesagt, daß diese Ausstellung einige Lücken enthält, hie und da Ueberslüssiges ausiveist und somit keine vollendete, abgeschlossene Nebersicht der jüdischen Kunst geben kann. Bor allem seksit der Ausstellung einS: vbie unbedingt zusammenhaltende Idee; cs bleibt unklar, was dominierend sein soll, daS Schöpferische im Jndentum oder die aktuelle Bedeutung der jüdischen Geschichte. Hier hätte keine Synthese, sonder» strenge Scheidung walten müsse». Im ersten Falle wäre in der literarischen Abteilung Münchhausen z. v.. bedingterweise auch Heine und im letzteren Fall« Borchardt und

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