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Jüdischer Bote vom Rhein · 1920-12-17 · 81 (17.12.1920) · p. Seite 474

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
2 (1920)
Issue
81 (17.12.1920)
Date
1920-12-17
Page
Seite 474 (sequence 2)
Language
German
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„Ich erhalte heute Ihre Einladung zu einer Sitzung am 14t d. Mts., welche der Bekämpfung des Antisemitismus in akademischen Kreisen gewidmet sein soll. Ich würde gern kommen, wennich an «inen möglichen Erfolg eines derartigen Unternehmens glaubte. Zuerst aber müßte der Antisemitismus und die knechtische'.Gesinnung unter unS Juden 'selbst durch Aufklärung bekämpft werden» Mehr Würde und Seloständigkeit in unseren Reihen! Erst wenn wir cs wagen, uns selbst als Station anzusehen, erst wenn wir uns selbst achten, können wir die Achtung anderer ern>erben bezw. sie kommt dann von selbst. Antisemitismus im Sinne eines psychologischen Phänomens wird es geben, solange Juden mit Richtjuden in Berührung kommen — was jä)adet es? Vielleicht verdanken wir es ihm, daß wir uns als Rasse erhalten können; ich tvenigstens glaube es. Wenn ich zu lesen kriege, „deutsche Staatsbürger jüdiscl)en Glaubeirs, so kann ich mich eines schmerzlichen Läciielns nicht erwehren. Was steckt in dieser schönen Bezeichnung? Was ist denn jüdischer Glaube? Gibt es eine Art Unglauben, kraft besten man aufhört, Jude zu sein? Stein, in jener Bezeichnung stecken aber Mei Geständniste schöner Seelen, nämlich: 1. Ich will nichts zu -tun haben mit meinen armen jüdischen (oftjüdischen) Brüdern. 2. Ich will nicht als Kind niemes Volkes angesehen werden, sondern nur als Mitglied einer religiösen Gemeinschaft. Ist das aufrichtig? Kann der „Arier" vor solchen Leisetretern Respekt haben? Ich bin weder deutscher Staatsbürger, noch ist irgend etwas in mir, was man als „jüdischen Glauben" bezeichnen kann. Aber ich bin Jude und freue mich, dem jüdischen Volke anzbgchören, tvenn ich dasselbe auch nicht irgendwie für ein auserwähltcs halte. Lasten wir doch ruhig dem Richtjuden seinen Antisemitismus und bewahren wir uns die Liebe zu unseresgleichen! Macht nicht böse Gesichter tragen dieses Bekenntnisses! Es ist nicht böse oder unfreundlich gemeint. Mit vorzüglicher Hochachtung gez.: A. Einst etn." Berlin. Wie die „Zionistische Korrespondenz" erfährt, sind im Zusammenhang mit dem Hafenbau in Jaffa größere dcutiche Zcnicntlicferungen nach Palästina durch Vermittlung von Berliner Palästina-Exportfirmen abgeschlossen worden. Pole». Warschau. Die polnische Regierung veröffentlicht im ' Reichsgesctzblatt den Text des Versailler Minderheitsschutzverlrages vom 8. Juni 1919 in drei Sprachen: Polnisch, Französisch und Deutsch. Damit tritt der Vertrag für Polen in Rechtskraft. Warschau. Der Vize Premier Daszynski erklärte in einem Expos» vor den Vertretern der polnischen Prcste im Zusainmenhaug mit der Finanzlage Polens, es sei hoch an der Zeit, die Regierungspolitik hinsichtlich o e r I u d e n z u ä n d e r n. Es müste den Juden die Möglichkeit der kulturellen Entwicklung gewährleistet werden. Das werde in den finanziellen Kreisen in Amerikas s beruhigend wirken. v Ungarn. Budapest. (I. C. B.) Anläßlich der Forderung mehrerer ungarisck)er politischer Parteien nach Auflösung der Rationalt'ersalninlung und Ausschreibung von Reutvahlen beabsichtigen sowohl die Friedrich»Partei als auch die Haller-Partei, ja selbst die Andrassy-Apponyi-Gntppe, die Neuwahlen nicht nach dem allgemeinen Wahlrecht, sondern auf .Grund eines sehr eingeschränkten Wahlgesetzes vorztmehmen. Für die Juden soll der Nuinenis clausus eingeführt nvrdcn, das Wahlrecht soll lediglich einem geringen Teile sogenannter politisch »«erläßlichen Juden zugestvnden werden. Pari». Anläßlich der Dichtigkeit der Verhandlungen deH Völkerbundes, bei denen voraussichtlich auch di« Juden, frage zur Spracht kommen wird, hat daS Komitee der Jüdischen Delegationen die Herren Sokolow und Mozkin nach Genf entsendet. Sokolow weilt bereits seit einigen Tagen in Genf. Zürich. Die Union jüd. Studierenedr in der Schweiz hat an den Völkerbund.eine Protesteingabe gegen den in Ungarn neuerdings angewandten Numerus clausuS jüdischer Studierender eingereicht. Der Wortlaut derselben, der Hie Gleichberechtigung aller Nationen und Rassen der Wissenschaft gegenüber verlangt, wird demnächst veröffentlicht. Genf. Die Versammlung des Völkerbundes beschloß die Absendung einer Spezialkommission nach Budapest, um die Lage der Juden in,Ungarn zu erforschen und den Anklagen gegen die Regierung und den von ihr gedeckten weißen Terror auf den Grund zu gehen. Der Kommission gehört auch ein Mitglied des Sekretariats des Völkerbundes ~on. Amsterdam. Die große Synagoge stiert am nächsten ersten Pessachtage ihr 250jähriges Bestehen. Rumänien. Bukarest. (I. C. B.) Ein hiesiger wohlhabender Jude Aron Schüller hat eine Million für den Ankauf eines jüdischen Studentenheims in Bukarest gespendet. Das Kuratorium der jüdischen Mensa hat hierauf das alte italie- . nische Botschaftspalais erworben, das nunmehr für di« ' Jivccke der jüdischen Mensa academica restauriert wird. Amerika. Buffalo. Nach einer eintägigen Unterbrechung wurden die Verhandlungen am Samstag wieder ausgenommen. Rabbiner Dr. St. Wilse wendete sich in scharfen Worten gegen diejenigen, »velche die amerikanischen Zionisten separatistischer Tendenzen beschuldigten, und verteidigte in beredten Worten den Oberrichter Brandeis. Er forderte die Anivesenden auf, ihm Glauben und Verträum zu schenken. Auf Antrag Är. Charles Cowens wurde einstimmig das Vertrauensvotum für Brandeis beschlossen. Es wrttde ferner beschlossen, zwei Departements für Organisations- und Palästina-Arbeit zu eröffnen und die \ Bewegung für einen permanenten Kongreß der 'amerikanischen Judenschaft tatkräftigst zu unterstützen.' Die Wahlen ergaben folgende neue Zusammensetzung der Leitung: Oberrichter Louis Brandeis Ehrenpräsident, Rabbi Dr^St. Wise, Ehrenvizepräsident, Richter Mack Präsident, Mr. H. Friedenwald und Nathan Straus, Vizepräsidenten, Mr. Schweizer Schatzmeister. Außerdem wurde «ine 48gliedrige Exekutive gewählt, von denen 18 Mitglieder in Newyork wohnen. Baltimore. (I. C. B.) Die hier tagende Misrachi- Konferenz beschäftigte sich mit der Frage der praktischen Arbeit in Grez Israel. Mr. Bublik, der eben aus Palästina zurückgekehrt ist, erstattete einen Bericht über die gegenwärtige Lage der Kolonisierung und bemängelte sehx die jetzt üblichen Methoden. Er wies darauf hin, daß gegenwärtig n u r d r e i Prozent dcs'palästinensischen Bodens in jüdischen Händen ist. Die Konferenz nahm eine Resolution an, in allen misrachrstischen Zentren Gestllschaften zum Einkauf von Boden in Palästina zu organisieren und Privatkapital hinzuziehen. Gleichzeitig wurde beschlossen, daß die Misrachi-Organisation eine Gesellschaft mit einem Kapital von 250 000 Dollar für Häuserbau in Palästina zu gründen hat. Die Subskriptionen zu diesen Zwekken erreichen bereits eine Höhe von anderthalb Millionen Dollar.

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