Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 80 (10.12.1920)
- Date
- 1920-12-10
- Page
- Seite 468 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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..O Gott!" rief sie. „mutz es also wirklich sein?" Das war eine trrnwige Stunde für sie! Sollte sie wieder um das „gescheite Jüdel" schicken? Ter hatte es ja ein für allemal abgeschlagen und wollte ja mit dem „Unmensch" »ickits mehr zu tun haben. Oder sollte sie selbst zu dem Schlosier gehen, ihn bitten, von seinem Vorhaben abzusteden? Und nenn er es auch ihr abschlüge? Ein merkwürdiger Gedanke, wie sie ihn selbst bezcichiietc, fuhr ihr plötzlich durch den armen geplagten Kopf. An rin Wesen im HcW'c hatte sie nicht gedacht, das sich am trefflichsten zu der Mission eignete, die nun einmal an Trenderl ergehen mußte. ° Hatte sie nicht ihre Taube, ihre Tochter, und konnte ein lvsierer Bote aufgcfunden werden? freudig überkam es sic. tvenn sie bedachte, daß der Schlosier die Bitte der Mutter nicht zurückweisen könne, tvenn sie ihm aus dem Muiidc ihrer Tochter, eines Mäddk'iie, vorgelragcn würde! Gute Mindcl! Nws hattest du da erdacht! Im Tone des tiefsten Geheimnisses vertraute Mindel ihrer Tochter, der schönen Taube, die Qualen ihrer gcängstigten Seele, und tvic sie kein anderes Mittel mehr ausfindig zu machen wisse, als daß Taube selbst hinübergehc und an den Schlosser im Namen der Mutter die Bitte stelle, von seinem Wagnis des Tachbcsteigens abzulasien und kein solcher „Unmensch" zu sein. Hatte die gute Frau nur Augen für ihr eigenes Leid, keine für fremdes? Bemerkte siechen» nicht, daß das schöne Mädchen ob dieses „merkwürdigen" Antrages zu Tode erschrak. loic sic bald bleich, bald wieder flammenrot wurde? Höric sic denn nicht deutlich die Schläge dieses jungen Herzens. dem verräterisch ein (Geheimnis entfliehen wollte, das dort schon lange lebte? „Mutter! was denkst du dir." rief Taube, „ich. ich soll zu dem Schlosier hinübergchen?" „Und warum nicht?" meinte dagegen Mindel gereizt; ..anss Tach hinauf willst du ihn steigen lassen, und da, Gott behüt! sein Leben versuchen?" „Ilm Gottes willen, nein, das will ich nicht," lallte Taul»e erbleichend. „Ein braver Mensch ist er." fuhr Mindel fort, „und mau tut eltvas Gutes, wenn man sich seiner annimmt." ja." flüsterte Taube, und ihr bleiches Antlitz slamnnc wieder vor lauter Rosen. Noch lange redeten die leiden Frauen von dieser Sache, bis sie zum Abschlüsse gediehen lm. Taube versprach endlich, dem Befehle der Mutter Folge zu leisten und dem jungen Schlosser von seinem kühnen Wagnis abzuraten. Erst jetzt lvruhigtc sich die gute Mindcl. Tanbc wählte zu dieser Sendung eine Stunde, die s i e nicht besser gewählt zu haben glaubte. Als es später Abend rind die Gasse menschenleer geworden iwu, die Eltern sich bereits zur Ruhe begeben hatten, da schlich eine weibliche Wcftnlt aus Scholcm Brandcis' Hause und gerade hinüber in die Schlosieiwerkstätte, in der cs noch wie gewöhnlich hämmerte und pochte. Unbemerkt war sie da hineingekommen; Trendcrl ahnte nicht, im hinter ihm stand. Mit dem Rücken ihr zugeir andt. seilte er an einer Eisenstange. Mit einem Male stieß das Mädchen an ein Stück auf dem Boden umherliegenden . «Gerätes, und nun mußte der Schlosser sich umdrehen. J Trenderl war aber gar nicht erschrocken; er hatte ja soeben an diejenige gedacht, die nun lebendig vor ihm dastau d! Wut ivar es übrigens, daß der Schlosier nicht beinerleu konnte, wie das Mädchen am ganzen Leilw zitterte und um nicht nnizusinkcn. sich an einem der eijerenen Ambosse halten mußte. Er wälk sonst ebenfalls tief erschrocken! ..Ist in Ihrem Hause was zerbrochen. Fräulein Taube." fragte ei. „und muß ich gleich kommen? Ein Schloß vielleicht? oder ist ein Schlüssel verlegt worden? „Rein ... ich ... ich komm' tragen etwas anderem." flüsterte Taulw. Uird nun erzälsite, Taube unter Stocken und Unterbrechungen, wie sie eigentlich gekommen wäre, ihn um etwas zu bitten, was er ihr gewiß nicht abschlagen würde. Die Mutter sei fast krank vor lauter Sorge und Angst und das alles wegen ihm; sie könne den Gedanken gar nicht ertragen, daß er den Blitzableiter aufsetzen werde! Tag und Nacht müsie sie daran denken ... Bald sehe sie ihn mit zerbrochenen Gliedern, bald als Krüppel vor den Augen; er solle um Gottes willen daran denken, tvas er unternehme! Ob er der Mutter zu Gefallen das Wagnis nicht Unterlasten wolle?.. es käme so nichts Gutes dabei heraus. „Und was kann da das Schlechte sein?" frug der Schloster lächelnd, als das Mädchen geendet. Aber das Lachen verging ihm, als die schöne Taube darauf mit dem Ausdrucke tiefinnerstcr Seelenangst ausrief: „Um Gottes des Lebendigen willen, fürchten Sie sich denn nicht? Ich koinm' ja in später Nacht, um Sie abzuhalten davon ... Ist das nicht genug?" Trenderls Herz stand um diesen Augenblick still. Welch ein Ton war an seine Seele geklungen! Ein unendliches Wohlbehagen durchströmte ihn; dann jagte ihm das Blut siedendheiß durch alle Glieder. „Ich tveiß nicht, wie ich mir vorkamme?"'sagte er nach einer langen Weile, während welcher sich die beiden sprachlos gegenübcrgestanden waren. „Ich weiß nicht, wie ich mir vorkommc? Erst diese Woche sind mir tausend Gulden angetragen worden, wenn ich den Blitzableiter nicht aufsetzc... und jetzt kommen gar Sie." „Das ist alles meine Mutter," rief Taube fast schreiend. „die will nicht, daß sich ein Judenkind so an Gott versündigt." Trenderl war still nach diesen Worten; aber sein Atem ging rasch. Er fuhr sich verlegen mif der Hand über die Augen. „Ihre Mutter, sagen Sie," brachte er stotternd hervor, ..geh' ich denn die so viel an?" ..Hält' sie denn sonst so viel Sorge und Angst?" meinte Taube mit niedergeschlagenen Blicken. Trendcrl wollte auf diese Bemerkung etwas erwidern, was sie schon längst aus seinem ganzen Wesen mit so feuriger Beredsamkeit sprach; aber kein Laut kam über die Lippen ... Woher kam das? „Was soll ich also der Mutter sagen?" fragte endlich Taube, die bereits ängstlich zu tverden begann. Der Schlosier richtete sich stramm auf; er wollte jetzt iil der Tat dem Mädchen eine rechte Antwort geben, und wieder fanden sich die Worte nicht zusammen. „Was will denn eigentlich Ihre Mutter von mir?" fragte er kleinlaut. In beredten Worten schilderte Taube noch einmal die Qualen ihrer Mutter: sie stellte ihm das Ungeheuerliche seiner Tat so lebendig vor. als wenn s i e selbst cs bereits überlebt hätte; Trendcrl hätte ihr so die ganze Nacht hindurch zuhören mögen. sFortsetzung folgt.) Don Kerg und Tal. /reuznach. Am Sonntag, den 21. November, fand auf dem hiesigen städtische» Ehrcnfriedhofe für die im Weltkriege Gefallenen eine erhebende Gedenkfeier statt, zu der eine aus allen Kreisen der Bevölkerung nach Tausenden zablende Teilnehmcrschaft, die Spitzen der Behörden, die Krieger» »nv Gesangvercinc, sich einfandcn. — Neben dem evangelischen und katholischen Geistlichen hielt auch Herr Rabbiner Tr. Tawrogi eine Ansprache und wieS in feine» Ausführungen u. a. daraufhin, daß die Gedenkfeier folgende ernste Mahnung an die Versammelten richte: Wie die Tahingcschiedcncn, ob reich oder arm, vornehm oder gering und ohne Unterschied des Bekenntnisses gemeinsam gestritten »nd gelitten, gekämpft und geduldet haben; wie von ihnen viele beisamine» in einem Grabe ruh», so mögen alle Schichten der Bevölkerung, geeint durch das Band der Eintracht und im friedlichen Zusammenleben zum Wohle des Vaterlandes wirken und schaffen und dadurch inithelsc», das hohe stiel der Menschenvcrbrüderung zu verwirklichen. TaS ist das Vermächtnis der gefallenen Krieger an daS 'deutsche Volk. Halten wir dieses Vermächtnis heilig, so ehren wir die Verstorbene», »nd diese Totenfeier wandelt sich für. uns alle zu einem unversiegbaren Ouell deS Lebens.