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Jüdischer Bote vom Rhein · 1920-12-10 · 80 (10.12.1920) · p. Seite 469

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
2 (1920)
Issue
80 (10.12.1920)
Date
1920-12-10
Page
Seite 469 (sequence 5)
Language
German
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.463 - —?Ewir»itt«ch sKreiS Neuwieds. Unser Mitbürger Herr Michel Wolf sSchwieoervater deverstorbenen SynagoaenvorsteherS Jakob Jonasj. legt am 16. Dezember kein IW. Leben-jahr zurück. Ter würdige Kreis, welcher sich verhältnismäßig befriedigender »örperfrische erfreut, wird wohl der Senior des ganzen »reifes sein. Möge ihm ei» froher Tag im »reise seiner Lieben bcschiedcn sein. Disstldors. Sonntag, den 8. Tezember, fand in der To»hal4 in Tüsscldorf eine große Festlichkeit statt, di, der Verein für d» jüdischen Interessen Rheinlands in Köln gemeinsam mit seinen Düsseldorfer Freunden Talmud-Thanrohvcrein und Religionsgesellschaft veranstaltete. Sie galt der Einführung des Bezirks- Rabbiners für den Rcg.-Bez. Düsseldorf, den der Verein für die jüdischen Interessen Rheinlands angestellt hat. Eine vielhundertköpsigc Menge aus Tüsscldorf und der Provinz >var herbeigeströmr. um ihren neuen geistigen Führer zu begrüßen nnd beim 'Scheine des Ehanukalichics das vertrauen zu bekunde», daß die Thora immer siegreich bleibt. Herr Bezirks-Rabbiner Tr. Weist. früher Ezarnikau. verstand es, mit seinen geistvollen und inhaltreichcn Ausführungen seine Zuhörer zu fesseln. Ter sehr befriedigende Verlauf der Bcraiistalluiig läßt hoffen, daß der Tüsscldorscr Bezirk mit vollem Bcrtraucii seinem neuen Führer folgen darf. Die Kotentasche. Ehanukagcld. von S ch a I o m A > c ch c NI. iJoriscßnng.j „Einen Rubel?!! Hm... Tie Leute verwöhnen die Kindter... sie verderben allein ihre Binder! Was machst du mit dem Rubel? Was? Tu wechselst ihn? Was? Pas; auf. daß du ihn nicht wechselst! Hörst du, >vas ich dir sage? Willst du ihn wechseln?" „Ob er ihn wechselt, oder nicht, ivas geht es dich an?" sagt Tante Pesiel. „Gib ihnen, was ihnen zukommt und mögen sie gesund tveitergehn." Onkel Mossche-Aron begibt sich in sein .Zimmer, schlurrt mit seinen Pantoffeln, sucht in allen Schubladen und Kästchen, krazt endlich ein paar Münzen heraus und murmelt vor sich hin: « „Hm! Man veiwönt die Kinder, man verdirbt sie ganz und gar!" Bei diesen Worten steckt er uns ein paar Kupfermünzen in die Hand. Tante. Pesiel wischt uns,wieder, zum letztenmal, die Rajen, zieht uns die Mäntel an, bindet uns die großen, warmen Tück-cr um. und >oir gehen fort. Wir rennen ül>er den weißen, gefrorenen, knarrenden Schnee, zählen die. Kupfermünzen dcS Onkels Mojsche- Aron und können sie unmöglich zusamincnzählcn. Unsere Hände sind ganz steif, rot und dick geworden. Lauter große, schwere Kupfermünzen, vorsündflutliche Zehnkopekcnstückc, glatte Sechser. außer Kurs geratene, grün patinierte Groschen. Es ist schwer, unmöglich, bei dem herrschenden Frost zusammenzurechnen, wieviel Geld Onkel Mojsche-Aron uns gegeben hat. Tie zweite Haltestelle machen wir bei Onkel Jtzig und Tante Twora. Unsere Eltern sind mit ihnen seit vielen Jahren böse. Warum sic böse sind, das wisien wir Kinder nicht. Wir wissen nur. daß unser Vater und Onkel Jtzig — leibliche Brüder — miteinander nicht sprechen, obgleich sie in derselben Synagoge beten und ihre Plätze nebeneinander haben. Wenn am Feiertag die Zeit des Thoralesens kommt und bei dem Abschnitt „Aliaus" das Ehrenamt aus der Thora vorzulesen, meistbietend versteigert wird, wetteifern die beiden Brüder utid treiben den Preis unglaublich in die Höhe, indem sie sich zu übexbieten suchen. Tann geht's in der Synagoge gerade so zu, wie auf dem Jahrmarkt. Man unterhält sich, rennt von einein Platz auf den andern, flüstert, drängt sich, lacht und unterstützt das Angebot. Jeder möchte wisien. >ver „Schischi", den sechsten Abschnitt, oder „Maftir", den letzten Abschnitt, erhält. Alle wünschen, daß der Handel sich solange wie möglich hinziehe. Ter Synagogendiener, der rothaarige Mcchzi, steht beim Lesepult vor dem erhöhte» Platz, den Körper vornübergeneigt. Ter Betmantel ist ihm von den Schultern geglitten, das Käppchen sitzt ihm schief auf dem Kopf. Mechzi blickt nach Osten, wo der Väter und Onkel Jtzig sitzen und ruft durch die Rase: „Achtzehn Gulden für Schischi, zwanzig Gulden für Schischi, zweiundzwanzig Gulden für Schischi!" Ter Vater und Onkel Jtzig drehen einander den Rücken zu: beide tun. als wären sie in die Bibel vertieft. Aber sobald der eine einen Preis macht, gibt der andere sofort etwas zr. Tic Menge freut sich, sie bietet mit: — Treißig! Fünfunddreißig! Siebenunddreißig. vierzig! Ter Synagogendiencr Mechzi, der durch die Nase spricht, blickt bald den einen, bald den anderen Bruder an. „Vierzig Gulden für Schischi! Zweiundvierzig Gulden für Schischi! Fünfundvierzig Gulden für Schischi." Ter Vater und der Onkel geben immer mehr zu. Sic haben den Preis bis zu fünfzig Gulden getrieben. Mechzi. der durch die Nase spricht, erhebt die Hand und rvill abklopfen. „Fünfzig Gulden!" Ta hebt Onkel Jtzig einen Finger in die Höhe. Tic Menge ruft: „Einundfünfzig! Einundfünfzig!" Ter Handel geht weiter. Ter Preis ist bis über sechzig gestiegen — ein bisher unerhörter Preis! — „Schischi" ') fällt Onkel Jtzig 5». . . . m „ Tann wird der Schlutzabschnitt verkaust. Ter Vater blickt den Synagogendiencr an und macht eine Bewegung mit der Hand, als wollte er sagen: „Ter Schlußabschnitt- Mastir ist mein." Mcchzi hat nichts dagegen. aber die Menge ist nicht einverstanden. „Wie? Ohne zu handeln? Tazu ist ja Feicretag! Es gibt kein Monopol für ..Maftir!" „Zehn Gulden für Maftir! Fünfzehn Gulden für Maftir! Zwanzig Gulden für Maftir! Fünfzig Gulden für Maftir!" Ein gewagter Sprung! Ter Vater sieht sich um. wer de» Maftir an sich reißen null. Onkel Jtzig?! Ter Onkel loollte den Maftir für seinen jüngeren Schwiegersohn kaufen. Schischi und Maftir! Ter ist ja unersättlich! Von einem Bären kann man nicht zwei Felle abziehen!... Ter Vater erhebt sich und winkt dem Synagogendiencr zu: „Hundert!" Tas Wort „hundert" ertönt wie TÄnnergroll in der Synagoge. Alle sind wie betäubt. Einen solchen Preis für Maftir haben sic noch nie gehört, seitdem die Synagoge steht. Nur Mechzi bleibt scheinbar gleichmütig: unerschütterlich ruft er nach seiner (ycwohnhcit durch die Nase: „Hundert Gulden für Maftir! Hundert Gulden für Maftir! Hundert Gulden ..." Er ivill abklopfen. Ta erhebt sich Onkel Jtzig von seinem Platz. Ter Vater sieht ihn eigentümlich an. als wollte er sogen: „Hat er den Verstand verloren, oder ist er ein Tor von Geburt? Willst du losjchießen? So schieß!..." Toch Onkel Jtzig setzt sich, und der Maftir bleibt für uns... Aber bei einer Familienfeier, sei cs bei uns oder beim Onkel, +— zum Beispiel bei der Geburt eines Mädchens, bei der Beschncidung eines Sohns, bei Einsegnung oder Verlobung oder tvenn es eine Hochzeit gibt, — versöhnen sich die 'Feinde vorübergehend, besuchen einander, machen« die Feste mit und sind vergnügt und froh wie alle anderen. „Guten Morgen. Onkel Jtzig! Guten Morgen. Tante Twora!" rufen wir, Mottl und ich. gleichzeitig. I Wir st'erden wie angenehme Gäste empfangen. „Ihr interessiert euch doch nicht für die Gebete, sondern für die Moneten...", sagt Onkel Jtzig. nimmt sein Portemonnaie heraus und gibt uns Channkageld: mir ein neues silbernes Zchnkopekcnstück nnd Bruder Mottl ein neues silbernes Zehnkopekensttkck. Nun kommt Onkel Beinus an die Reihe. Wir machen kehrt und begeben uns zu ihm. Wollt ihr wisien. wo die Hölle ist? Tann geht mit uns. Zu welcher Zeit ihr auch kommen mögt, iinmn herrscht im Hause des Onkel Beinus Lärm und (Geschrei und Stuben und Stiegen sind voll von halbnackten, U Ter 6. Abschnitt in der „Thora". '4 Maftir: letzter Abschnitt in der „Tho»a".

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