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Jüdischer Bote vom Rhein · 1920-11-26 · 78 (26.11.1920) · p. Seite 450

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
2 (1920)
Issue
78 (26.11.1920)
Date
1920-11-26
Page
Seite 450 (sequence 6)
Language
German
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teig verwendet wurde — und rennt in die Stube. Hinter ihr her die Köchin Breine, eine schwarze Jüdin mit Schnurr» fort fettem Gesicht und ewig schmutzigen Händen. Die Mutter tritt zur Seite und macht eine fromme Miene. Umine bleibt an der Tür stehen, wischt die Hände an ihrer schmutzigen Schürze ab und fährt sich mit ihmr dicken Hand von oben bis unten über die Nase, auf der eine schwarze Spur zurückbleibt. Mottl und ich geben uns die größte Mühe, das Lachen zu unterdrücken. Der Vater nähert sich mit dem angezündeten „Diener" der Chanukasampe, beugt sich und spricht das Gebet in dem üblichen Sington: „Gesegnet sei unser Herr", und schließt mit den Worten: „Die Chanukalichter anzünden!" Die Mutter sagt andächttg und fromm: „Amen", Breine nickt demutsvoll mit dem Kopf, wobei ihre Wangen sich so ausblähen. daß ich und Mottl fürchten, einander anzuschauen. „Die Lichter, die wir anzünden . .." singt der Vater fir sich, indem er im Zimmer umhergeht und von Zeit zu Zeit einen Blick auf die Lampe wirst. DaS Lied zieht sich endlos hin. Wir können es kaum erwarten, daß er es zu Ende singt und endlich das Körbchen herausnimmt. Wir winken und blinzeln einander zu. „Mottl, geh, bitte den Vater um Chanukageld." „Warum soll ich darum bitten?" „Darum! Du bist der Jüngere, du hast also Chanukageld Zu beanspruchen." „Nein! Du bist cher Aeltere, also bitte du!" Der Vater weiß genau, worüber wir unterhandeln, aber er tat, als höre er nichts. Gemach, ohne die geringste Eile, geht er an die Tischschublade mid zählt das Geld. Ein Kälteschauer durchrieselt uns, unsere Hände zittern,' die Herzen klopfen. Wir blicken zur Decke und krauen uns unter den Schläfenlocken, als ob es sich nicht um uns handle! Der Vater räuspert sich. „Hm ... Kinder, kommt einmal her!" v „Ach I Was ist denn?" „Hier habt ihr Chanukageld!" Er gibt mir einen Rubelschein und meinem Bruder einen halben Rubel. Nachdem wir das Geld in Empfang genommen haben, entfernen wir uns wieder. Zuerst gehen wir langsam, wie es sich für anständige Knaben ziemt. Allmählich aber immer, schneller, tänzelnd und hüpfend. Fi unserem Zimmer angelangt, fangen wir an, Purzelbäume zu schießen, auf einem Fuß herumzuspringen, zu singen und vor lauter Freude und Begeisterung einander auf Aie Wangen zu klatschen. Die Tür öffnet sich und Onkel Benja tritt ein. „Nun, Kinder, ihr Schlingel, ihr habt Chanukageld zu bekMmen?" Onkel Benja nimmt zwei Fünfzigkopekenstücke aus der Westentasche und gibt sie uns. Niemand würde glauben, daß unser Vater und Onkel Benja Brüder sind. Der Vater ist groß und mager, Onkel Benjq ist klein und dick, der Vater ist schwarz. Onkel Benja rot; der Vater ist ein schwermütiger, schweigsamer Mann, Onkel Benja — ein Spaßmacher und eine Plaudertasche: Tage und Nächte, Winter und Sommer redet er' unausgesetzt. Aber ttotzdem sind sie leibliche Brüder ... Der Vater nimmt einen großen Bogen Papier, zieht Karos in schwarz und' weiß, und läßt sich aus der Küche weiße und schwarze Bohnen bringen. Die Mutter läßt in der Küche Schmalz aus und backt Pfannkuchen. Ich und mein Bruder Mottl drehen den Brummkreisel. Der Pater und Onkel Benja setzen' sich zum Schachspiel. „Ich bitte dich aber, Benja, ohne Rückzüge und ohne Mogelei. Ist der Zug einmal gemacht — dann ist er gemacht!" sagt der Vater. „Ein Zug ist ein Zug!" sagt Onkel Benja und macht einen Zug. „Ein Zug ist ein Zug", sagt der Vater und schlägt einen Bauern des Onkels. „Ein Zug ist ein Zug", sagt Onkel Benja und schlägt zwei Bauern. . Sie verttefkn sich immer eifriger ins Spiel, komm an ihren Bärten, zittern unter dem Tisch mit den Füßen und brummen dieselbe Melodie. „Ei. was tun, was tun,-waS tun?" singt der Vater mit talmudifchem Singsang und an seinen Bartenden kauend, „gehe ich hierhin, geht er dorthin. Gebe ich dorthin, geht er hierhin, ich mache alsä diesen 8ug/ „Diesen Zug! Diesen Zug!" erwidett Onkel Benja singend. _ „Was-habe ich zu fürchten?" fingt der Vater wieder, „schlägt er diesen Bauem, so schlage ich zwei. Wenn er aber drei Bauern schlägt?" „Drei Bauern, drei Bauem, drei Bauern?" stimmt Onkel Benja in seinem Gesmig ein. „Ach, du bist ein Dummkopf, Benja!" .fingt der Vater und macht einen Zug. „Bist selber ein Dummkopf, lieber Bruder, ein noch größerer Dummkopf l" fingt Onkel Benja, macht einen Zug und will ihn sofort wieder zurückziehen. „Pfui, Benja! Wir hatten doch verabredet, daß ein Zug, der einmal gemacht ist, stehen bleibt!" sagt der Vater, nicht mehr singend, und faßt den Onkel beim Aermel. „Schönes Geschäft!" sagt Onkel Benja, „solange ich den Bauern in der Hand halte, kann ich gehen, wohin ich will." „Nein", sagt der Vater, „du darfst nm einmal ziehen. Wir hatten doch verabredet, Benja, ohne Rückzüge und ohne Betrugst" „Rückzug?" sagt Onkel Benja, „wie oft kommt es vor, daß du zurückziehst?" „Ich?" sagt der Vater, „siehst du. Benja, deshalb spiele ich mit dir nicht gern Schach I" - „Wer zwingt dich denn?"' „Nun, zankt ihr euch schon wieder um die Bohnen?" sadt die Mutter, die aus der Küche ins Zimmer ttitt. Ihr Gesicht brennt» Hinter ihr folgt Breine mit einer großen Platte heißer Pfannkuchen mit Schmalz. Die Pfannkuchen dampfen. Alle stürzen zum Tisch. Ich und Bruder Mottl, die wir uns soeben furchtbar gezankt und wie Katzen gekratzt haben, versöhnen uns sofort wieder und machen ims mit großem Eifer über die Pfannkuchen her. (8»rtsrtzunsi f»(Qt) * Wahres GHchichtchen. Ilse, die in die Schule gekommen war, hörte plötzlich auf. mit ihren Puppen allabendlich zu beten, wie sie früher tat. „Warum betest du nicht mehr mit deinen Puppen?" fragte die Mama. „Aber, Mama, es heißt doch, du sollst den Namen des Ewigen nicht zum Falschen aussprechen, und das tue ich doch, wenn ich mit den Puppen bete." * Auf unsere jüngste Scherzfrage: „Was willst du lieber, eine Million oder 12 Töchter?" lief uns von einer jugendlichen Leserin noch eine andere Antwort ein, als wir sie gegeben hatten. Sie schreibt nämlich, daß sie sich mit einer halben Million begnüge, dafür aber, bereit sei, 6 Töchter von den zwölfen zu nehmen. Gar nicht so übel! Die unheilvolle Kunde'). Der nachmalige Oberrabbiner von Warschau, Rabbi Dow-Berisch Meisels, war zuerst Großkaufmann und Bankier in Krakau. Die Geschäfte besorgte seine Gattim Rabbi Berisch hingegen befaßte sich mir einige Stunden des Tages mit seinen Geschäften, widmete sich dem Studium der Lehre und leitete eine größere Talmudschule. Eines Tages ttaf die Kunde ein, daß eine größere Schiffsladung, die auch Manufakturwaven des Rabbi Berisch enthalten hatte, ge* strandet und die Ware ins Meer sank. Rabbi Berisch kam um das ganze Vermögen und war auch nicht mehr in der Lage, den Forderungen seiner Gläubiger nachzukammen. Einige Tage ließ man die böse Nachricht vor Rabbi Berisch 1] Au» btt in Bälde im Benjamin Harz-Verlag erscheinenden Sammlung „Ostjüdischer Humor" von llhajim Bloch.

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