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Jüdischer Bote vom Rhein · 1920-11-26 · 78 (26.11.1920) · p. Seite 447

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
2 (1920)
Issue
78 (26.11.1920)
Date
1920-11-26
Page
Seite 447 (sequence 3)
Language
German
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•Jl w*K'? i nur^ ■ nr^n* r I if) e Geschäft« befinden. Es kam zu argen Krawallen ,,»d Plünderungsversuchen. denen die Polizei und starke Militärposten entgegentraten. Eine Bande drang in das jüdische Rathaus in der Nähe der Altneusynagoge ein, zerstörte einen Teil des Mobilars. zerriß die Matrikeln und schleuderte Bücher und Akten aus den Fenstern. Im Mali ikelamte wurden drei große Kosten aufgebrochen. Im Zweiten Stockwerke wurde alles, was nicht niet- und nagelscst war, zerstört. Bilder und Gedenkblätter nulden von den Banden zerrissen, Kasten aufgebrochen gnd Bücher und Dokumente zerrissen. Weiber aus der Umgebung kamen mit Rückenkörben herbei, füllten sie und trugen Bücher und Schriften als Heizmaterial davon. Alte historische Dokumente von einziger Art, darunter auch P r i- >. v i l c g i e n b r i e f e der früheren Herrscher, die bis auf! lausend Jahre zurückrcichen, wurden vernichtet. In der Buchhaltung und im Kasienraum wurde in ähnlicher Weise gehaust. Zwei Thorarollen wurden zerfetzt. Ein junger Mann wurde derart gewürgt, daß die Würgspuren »och heute an ihm sichtbar sind. Tie Menge drang sadann in die an das Rathaus anstoßende H o ch s y n a g o g e, wo x fcie Betpulte aufgerissen und die Gebetbücher zerfetzt ivurden. Inzwischen war Polizei erschienen, die dann die Gaste säuberte. Pole». Warschau. Die Debatten über die Rechte der Minderheiten haben im Landtag begonnen. Die jüdischen Depulierten haben Zusatzvorschläge zum Gesetzentwurf gemacht, dahingehend, daß das nationale oder religiöse Moment bei der Gewährung von Bürgerrecht und Belegung von Reglerungsämtern keine Rolle spielen darf. Des weiteren verlangt der jüdische Antrag für die Organe der Selbstverwal- > tung (Kehtlaus) das Recht, alle Schul-, religiösen, philanlropischen und Kulturangelegenheitcn im weiten Sinne selbst zu leiten. An Hand des zu schaffenden Ministeriums für Angelegenheiten der religiösen und nationalen Minderheiten seien Vizeminister für die einzelnen Minderheiten zu ernennen. Ein Zusatzantrag zu Artikel 115 lautet: Keiner kann gezwungen werden, die Fest- und Feiertage seiner Religion zu verletzen, sofern dies nicht die 'Interessen des Militärdienstes, des Staatsschutzes oder der öffentlichen Ordnung erfordern. Warschau. Wie der „Neue Hajnt" meldet, fand dieser Tage vor dem Appellationsgericht in Lublin eine inleresiantc Verhandlung statt. Ein gewisier Papkjewicz aus Zwolin hatte seinerzeit bei einem Dr. Dzicmski ein Haus gekauft, das er später an einen Juden veräußert hat. In dem Verkaufsvertrag zwischen Dzicmski und Papkieyicz ivar nach dem in Posen üblichen Vorgehen eine Klausel eingefügt, laut welcher Papkiewicz> falls er das Haus in „fremde Hände" verkaufe, 50 000 Rubel Konventionalstrafe an eine gemeinnützige Institution zu erlegen habe. Nun fordert« Dr. Dzicmski, daß die Summe zu Händen der Gejellschaft „Die Wacht in den Randgebieten" erlegt werde, da Papkicwicz das Haus in den Besitz „Fremde r" habe übergehen lassen. y Die erwähnte Klausel, N'elche in Posen übciall Anlvcirdung findet, ist in Kongrcßpolen bisher noch ni»von einem Bericht auf ihre Rechtsgültigkeit geprüft woroen. Das Preisgericht in Lublin als erste Instanz hat nun diese Klausel als rechtshültig anerkannt und Papkicwicz zur Zahlung der 50 000 Rubel »erurtelt. Das Appesiationsgericht in Lublin hat das Urteil bestätigt, welches Juden als Fremde erklärt.! 441 - Ortschaften zünden die Petljura-Soldaten die jüdischen Häuser an und plündern während der Feuersbrunst die jüdischen Einwohner aus. Auf der Strecke Luba—Podwoloczyska und Polonoje—Rowno begegnet man Tausenden von jüdischen Familien, die aus der ukrainischen Hölle flüchten. Rumiloiru. Bukarest. Die Vorsteher der jüdischen l^emeinden Besiarabiens haben in einer Konferenz in'Kifchinef beschlossen, dem jüdischen Kongreß Groß-Rumäniens das Projekt einer nationalen und personalen Autonomie zu unterbreiten. ' - Fraakreich. Paris. Das Komitee der jüdischen Delegationen erhielt von der Sektion der Völkerliga im französischen Ministerium des Äußern die offizielle Mitteilung, daß die die Lage der Juden in Polen betreffenden Memoranden dem Bureau des Völkerbundes in Genf übergeben irwrden feien, wo sie einer eingehenden Prüfung unterzogen norden. Paris. (I. C. B.) Wie der Korrefpondcill der „Archivcs Jsraelites" berichtet, ist die Mutter des jetzigen Präsidenten Frankreichs, MillerandS, eine Jüdin, die Tochter eines gewisien Eahan, der eine lange Zeit in den Pariser Vorstädten Kolporteur rvar. Millerand selbst lvurdc als Kind auf Kosten seines Onkels, Ephraim Eahan, erzogen. Bordeux. (I. C. B.) Hier wurde, unter dem Ehrenvorsitz des Oberrabbiners I. Eohcnct sin Hilfskomitee für jüdische Pogromopfer gegründet. London. Zum 50jährigen Jubiläum der französischen - Republik schreibt die ,-Jewish Ehronicle": „Die drille französische Republik, geschaffen von einem Staatsmann jüdischer Herkunft (Gambetta), feiert in diescin Jahre ihr Jubiläum unter einem anderen Staatsmann jüdischer Abstammung (Millerand). Auch der Anteil Eremieur an ihrer Gründung sei nicht vergessen. Wir mesie» dem keine übertriebene Bedeutung bei... aber die Erwähnung besten scheint uns nicht unangebracht als Beweis für den guten Willen und das politische Verständnis der Republik. Mit einer einzigen sehr bedauerlichen Ausnahme» — der Dreyfusaffäre — hat Frankreich sich stets auf dem Wege pvllischwr Rechtschaffenheit gehalten. Dieser denkwürdige Fall versuchte Frankreichs Seele, aber es kam aus diesem Brand heraus, ohne daß seine Treue zu den alten Idealen ei'chültert worden wäre. Als Juden grüßen ivir das französische Volk herzlichst als den Pionier der jüdischen Freiheit." •feäl Zürich. Der Züricl-cr große Stadtrat har gegen die Stimmen der Sozialdemokraten beschlossen, für die Aufnahme der O st j u d c n in das Staatsbürgerrecht eine Karenzzeit von 15 Jahren «inzuführen. Tiefes Gesetz wurde von den Sozialdemokraten, die darin einen anlisemilischen Vorgang sahen, scharf bekämpft. Für die Bewerber um das Bürgerrecht durch andere Ausländer lvurdc ein Aufenthalt von mindestens 10 Jahren vorgesehen. , . Indien. Ealcutta. (I. C. B.) Eine großj Anzahl russischer Juden aus Buchara flüchtete vor den Bolschewiken nach Indien. Sie verlangen, daß man ihnen Pässe nach Jerusalem, ihrer ursprünglichen Heimat, ausstellensoll. EnUlond. v ' Ukraine. < Wien. In den letzten Tagen veranstalteten die vorrückcnden Petljura-Truppen in einer ganzen Reihe von ukrainischen Ortsclwften schreckliche Judenpogrome. So wurden in Lubar 44. in Ostropol 10, in Polonolje 10, in Wiznopol 6 und in Utonow 10 Juden auf die grauenhafteste Weise ermordet. Das ganze jüdische Hab und Gut wutdc von den Petljura-Soldaten geplündert. In allen London. (I. E. B.) Sir Eharlcs Salomon Hem», gewesenes Parlamentsmitglied im Jahre Hioo, -starb in London und hinterließ ein Vermögen von beinahe einer halben Million Pfd. St. In seinem Testamente vermachte er größere Summen für jüdische Wohllätigkciiszwccke und verfügte, daß jedeli- Kind, Neffe oder Nichte, die die jüdische Religion aufgelwii oder außerhalb derselben heiraten, alle Anjprüct-e auf die Erbsck-aft verliere».

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