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Jüdischer Bote vom Rhein · 1920-10-29 · 75 (29.10.1920) · p. Seite 424

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
2 (1920)
Issue
75 (29.10.1920)
Date
1920-10-29
Page
Seite 424 (sequence 4)
Language
German
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gelang daohne weitere-. Selbst im Bankgewerbe konnte man sich den Luruantisemitischer Angestelltenpolitik leisten, kamen viele nichtpidische Firmen auf, seitdem Zweige, die speziell auf die sprunghaft schnelle jüdische Art zu arbeiten eingestellt waren, wie z. B. das Arbitragegcschäft, durch die Vervollkommnung der Verkehrsmittel und auch durch die Börsengcsetzgebung mehr und mehr an Bedeutung verloren hauen, nährend gleichzeitig das rein buchhalterisch-beamtenmäßige Element seinen Einzug in die Banken hielt. Zwar gelangte auch eine Anzahl von Juden in die Direktorenkabinetts der Banken und Jndustriegesellschaften, las; dort sogar an hervorragender Stelle. ..Es genügt, neben den Namen der schon erwähnten Ballin und Rathenau den von ftnrl Fürstenberg zu nennen, der den interessanten Ttzp einer Börsen- und Jndustiiebank in der „Berliner Handelsgesellschaft" schnf. Das heißt einer Bank, die nicht, lvie die übrigen Großbanken, den Wettlauf um die Deposiicngelder des Publikums initmachte, sondern die durch besonders enge finanzielle Verbindung mit wenigen, aber großen und meist mehr als Geldgeber denn als Kreditnehmer in Betracht kommenden Jndustriekundeii ihr Mittel stärkte und die sich zur Plazierung ihrer industriellen Emissioistn nickst der Werbearbeit der Depositenkasten, sondern der Börse'und der Provinzbankiers bediente. In den anderen Großbanken sitzen Männer — tüchtig- und angesehen, U'fim auch tvcniger originell als Fürstrnbcrg — wie Mankicwic;. Wasiermann und Heinemann (Deutsche Bank), Salomonsohn (Tiskontogesellschaft),- Jüdell (Dresdener Bank) — sowie, viele getaufte Juden, wie Gutmann (Dresdener Bank), der sein Unternehmen durch schicksalsschwere Jahre zur Blüte führte. Aber es stiegen die Stufenleiter zur Spitze des Akticnturms doch nur ivenige empor, während dafür ungleich größere Kreise, die vor sechzig Jahren, in kapitalärmeren, aber für die Einzelinitiative günstigeren Zeiten, große Ausivirkungsmöglichkeiten gehabt hätten, heiuc auf ciiwn engen Raum beschränkt worden sind. Diesen doch jioch immer relativ Bedeutenden ergeht es in der Einengung ihres Arbeitsradins so wie den ungezählten Niederen, der Masie der jüdischen Kleinkaufleute, die insbesondeie im Handel mit Vieh und ländlichen Produkten in Verbindung mit dem Geldleihgeschäft durch die in den letz- : len Jalirzehnten gewaltig erstarkten RaiffeisenundSchultze- Delitzsck'-Genosienschaften (im Osten des Reiches durch die polnischen Genossenschaften und Kreditbanken) aus dem Sattel gehoben worden sind. Wie ihre größeren Brüder diuch die Assoziation des Großkapitals, so sind sie durch die Zusammenfassung der Gelder der „kleinen Leute", durch das gleiche Prinzip der Konzentration im Wirtschaftsleben ausgeschaltet worden. , Die jüdischen Bankiers und Kaufleute teilen dieses Geschick im allgemeinen mit den übrigen, mit dem gesamten nicht akiicngcscllschaftlich organisierten Mittelstand, nur daß sic weit mehr als die nichtjüdische Bevölkerung unter dieser Umschichtung leiden» weil sie all diese Benste in viel -,1'öberem Grade durchsetzt hatten, als es ihrem zahlenmäßige» Anteil am deutsckien Volk entsprach, da ja die soziale Struktur des deutschen Judentums überwiegend auf die Betätigung in Handelsberusen eingestellt war. Außerwirtsck'asilichc Ursachen kamen hinzu, um die Position der deutjchen Juden iveitcr zu schwächen. Taufe Und Mischehe haben zahlreiche große'und gutfundicrte Familienunternehmtnigen allmählich jüdischen Händen entwunden. Es sei im Bankgelvohe nur an die großen Firmen Mendelssohn u. Eo.. Oppenheimer in Köln. Hardy u. Co. in Berlinmnd an das nur zum Teil noch und auch da in der letzten Generalion in jüdisck>ein Besitz l>«findliche Bankhaus Bleichröder erinnert. Kein Ztvcifel, daß der jüdische Einfluß als solcher im deutschen Wntsckraflslcken wohl im Schwinden begriffen ist. da Kapijalkonzentration die private Initiative bedroht »t'd das deutsche Judentum selbst immer mehr auseinandersällt. Desieii ungeachtet aber können die von tatftäftigen ^uden aurgegangencn Wirkungen nicht vergehen. Allzuviel voir den Untermauerungen und Grundsteinen, die das Gebäude der deutschen Polkstvirtschaft stützen, st ft von Juden herbeigetragen? als daß es st in Vergessenheit geraten könnte. Bor allem aber der kaufmännische Geist, der nicht int Krämerhaft« und Kleinliche auSartet, der zwar nicht gem alles auf «ine Karte setzt, aberauch das Risiko als zum Handelsbetrieb gehörend nicht scheut. Der weithin laufende Fäden geschickt anzuknüpfen weiß und den wirtschaftlichen Bedürfnissen nicht nur des Augenblicks, sondern auch der näheden Zukunft ein blitzschnell^ Erkennen und vorauseilendeS Verständnis eutgegenbringt. Der mit sprichwörtlicher Freigebigkeit seine Gewinne dazu benutzt, Kunst und Wissenschaft zu fördern und sein Herz und feinen Geldbeutel vor ins Unglück geratenen Stande^enostcn nicht verschließt — dieser jüdisch-kaufmännische Geist, diese glückliche Mischung von Willensstärke, Jntrllett und fein entwickelten Instinkten, ist so leicht nicht niederzuringen. Gerade ihn braucht das neue wiederaufstrebende Deutschland so nötig wie das tägliche Brot. Die Klugheit und Geschicklichkeit deS jüdischen. Kaufmann-, dessen Beziehungen Ozeane überspannen und Ländergrenzen überbrücken, ist imstande, dem niedergebrbchenen Lande bei der ungeheuer schwierigen Aufgabe, der allmählichen Wicdereinflechtung in die Maschen der Weltwirtschaft unersetzliche Dienste zu leisten. Berlin. HanS Goslar. § CrenderL Eine Geschichte auS Böhmen von Leopold Lompert. x j. j.x. j..j. <- (Sortierung.) Die sorgsame Mindel hielt übrigens noch an demselben Tage, an dem sie jenes bedeutsame Gespräch mit dem Doktor gehabt hatte, ihr Versprechen; sie spannte die ersten Fäden des Netzes aus, das zu nichts Geringerem bestimmt war, als eine ganze Werkstätte mit allem, was sie in sich -^Virgt, voran aber denjenigen, der sie in Bewegung setzt, einzufangen. - Die Leute in der Gaste wußten nicht, warum Hirsch Blaser, „daS gescheit' Jüdel", wie er allgemein hieß, so eilig zu Mindel Brandcis gerufen ward. Galt eS der Tochter? ftagte man sich. Keine lebende Seele ahnte den rechten Grund, selbst Emanuel vielleicht nicht, dem die Motive dieser eiligen Berufung klar sein mußten. Hirsch Blaser kam nach einer- Stunde wieder aus dem Hause, aber auf seinem Antlitze lag ein solch geheimnisvoller Ernst, daß er die Leute auf hundert Schritt abmahnte, sich ihm zu nähern. Manches bedeutungsvolle Winken wollte zwar den Grund dieser langen Unterredung erraten haben, aber nur das „gescheit' Jüdel" selbst wußte von den geheimen Instruktionen, die ihm auf die Seele ge- Kunden worden und keine andere wissen' durfte. Warum hieß er auch sonst das „gescheit' Jüdel"? Das Gesicht voll verschlagener Verschmitztheit läßt sich gar nicht schildern, mitdem Hirsch Blaser spät am Abend, als die „Gaste" noch nicht menschenleer geworden war, um die Werkstätte des Schlossers herumstrich. ErstMnge nachher. als er bemerken konnte, daß kein verräterisches Auge mehr sich an seine Schritte heftete, gewann es das gescheit' Jüdel über sich, allmählich näher und näher zu kommen, dis er urplötzlich auf der Schwelle der Werkstätte stand. Trenderl befand sich allein darin; die Gesellen hatten bereits Feierabend gemacht. Er, der Fleißige, hatte noch immer zu schaffen und sich abzumühen, besonders heute. Er dachte heute gär nicht daran, die Werkstätte zu verlasten; sie war ihm mit einem Male so lieb geworden, er hätte nicht den ganzen Tag über, die ganze Nacht, ja das agnze Leben hindurch hätte er gerne darin geweilt. Trenderl fachte eben das Kohlenfeuer in der Este an, als ihn der heißere Abendgruß Hirsch Blasers aus seinen, wahrscheinlich etwas wirren Gedanken aufweckte. Der Schlosser lud das gescheit' Jüdel

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