Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 75 (29.10.1920)
- Date
- 1920-10-29
- Page
- Seite 422 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/3947615-6435930-6437164--0852-3948391- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
CQocbenfcbau. Tatsachen und Ergebnisse. IIMW» 1 J Deulschtanb. Berlin. Bor dem Schöffengericht Berlin-Mitte begamr-vor einigen Tagen die Verhandlung in einem Privatklageverfahren. das der genugjam bekannte antisemitische Schriftsteller Arthur Dimer gegen die Redaktion der Äocl-enausgabe des „Berliner Tageblattes" angestrengt hatte. (Gegenstand der Anklage lvar eine Besprechung des von Dinler t«erfaßien sogenannten->,Zeitro«nans": ,/Die Sünde wider das Btur", in der dem Verfasser Verfälschungen vorgeworfen iverden, das Buch selbst als Schmutzliteratur bezeichnet wurde und gegen Dinier der Vorwurf erhoben worden war. daß er den Antisemitismus als Geschäftsobjekt ^beneide. 0 Tie Verteidigung (Tr. Alfred Klee und Tr. Fritz Cohn) des Angeklagten machte geltend, daß die Redaktion des „Berliner Tageblattes" in Wahrung-berechtigter Interessen gehandelt habe und machte sich anycischig, den Beweis zll erbringen, daß in dem Buche Dtnters Verleumdungen des jüdischen Volkes und der jüdischen Religion stellen. welä)e der Verfaier unmöglich gutgläubig niedergejchrieben haben könne. Tas Gericht beschloß, zunächst einmal von dem Buch Timers selbst Kenntnis zu ^nehmen. Die Verhandlung wurde vertagt. Zu dem nächsten Termin solle Geheimrat Proscsior Tr. Strack als Sachverständiger geladen werden. Interessant ivar es, daß der verklagte Redakteur der Wochcn-Ausgabe des „Berliner Tageblattes" erklärt«, daß er zwar als kleines Minb von seinen Eltern gerauft, der Abstammung nach ober Jude sei und sich deshalb, da Dinters Buch nicht nur die jüdisck)e Religion, sondern auch die Juden als Rasse angreife, persönlich gekränkt fühle, und deshalb den Schutz des § 193 (Wahrung berechtigter Interessen) auch persönlich für sich geltend mack)«, abgesehen davon, daß er als Redakteur eines Blaues berechtigt und verpflichtet ist, sich gegen ein so schwer schädigendes Buch zu wenden. Karlsruhe. Vor dem hiesigen Schwurgericht hatte sich der 2ljährige Student Robert Engelhorn aus Baden-Baden, Sohn des bekannten^ Kunstmalers Professor Engelhom, wegen Mordes zu verantworten. Ter Angeklagte hat, wie mait sich erinnern wird, am Sonntag den 7. März d. I. in Baden-Baden am hclleir Morgen auf offener Straße den etwa glcick-altrigen Studenten Franz Cohn ohne jeden Anlaß erschossen und sich dann selbst einen Schuß in den Olwrjck-enkel beigebracht- Die Tal erweckte damals großes Amsehen »ich gab zu der Vermutung Anlaß, Engelhorn habe au» antijeinitijck)en.Motiven heraus gehandelt. Der Angeklagte bestritt, durch antise«nitisck)e Belveggründe zu der Tat veranlaßt tvordcn zu sein. Sein eigentlicher Beweggrund sei das Verlangen getvejcn, aus der bürgerlichen Gesellschaft ausgeschlosien zu >verden. Tie niedizinisclren Sachverständigen kamen zu dem Ergebnis, daß der Angeklagte an Dementia praeeox (verfrüht einlrelende geistige Greisenschwäche) leide und er für die Tat nicht verantwortlich gemacht tverhcn könne. Der Staatsanivalt plädiere für Bejahung der Schuldftage auf Mord. Tie Geschworenen verireiricir dies jedoch und ebenso die Frage auf Totschlag. Ter Angeklagte wurde daraufhin sreigesprochen und einer Jrreimnftalt überwiesen. Königsberg. Tie deutschen Krauen der „Internationalen Liga für Frieden und Freiheit" haben ein Flugblatt veröffentlicht, in dem sie schärfsten Protest erheben gegen die ständig anwachsende annjemilische Hetze in unserem Vaterlande. In diesem Flugblatt heißt es: „Wir erblicken in der jhstcmalischcn Wühlarbeit und Hetze gegen unsere jüdiichen Mitbürger, dieser tramigen Folgeerscheinnung des Kriegt». ein bedenkliches Krankheitssymptom unseres Volkskörpers. Wir pazifistischen Frauen verurteilen die Methoden dom religiösen, vom rein menschlichen, vom natiottchlen lind von unserem Fraueastandpunrt aus. Wem es ernst ist um das Gebot der Liebe, der Nächstenliebe wie der Fetndesliebe, die der große Lehrer der Menschheit fordert, den muß eS mit tiefster Beschämung erfüllen, von Menschen, die sich bei jeder Gelegenheit ihres Christentums rühmen, dies Gebot geschändet und mit Füßen getreten zu sehen. Wer »veiß, daß die ganze Menschheit ein Leib ist, an dem alle Völker, alle Rassen, alle Einzelindividuen Glieder sind, der ivird niemals „Ja" sagen können zu der schamlosen Verfolgung eines großen Volkes, von dessen tausendjährig« Kultur wir Heutigen noch zehren." Wie«». Ter Wiener „Jüd. Preßbericht" bringt wieder einige „Fälle", die charakt«istisch für das christliche. Regime Ungarns sind. ' An den athletischen Sportspielen in Budapest beteiligte sich auch der Magyar Achletikai-Klub (M. A. C.), dem Offiziere des berüchtigten Pronay-Tetachemcnts angehören. Es galt nun. die besten Kräfte der konkurrierenden Vereine auszuscheiden. — und die allmächtigen Offiziere verhaftelcwrdiese als des — Bolschewismus verdächtig. Den 18jährigen Ladislaus Harmat, einen bekannten Läufcrchampion, «nachte man jedoch ,da er Jude war, auf andere Weise unschädlich. Zwei Offiziere erschienen bei ihm und ersuchten ihn, ihnen zu einer Zeugenaussage zu folgen; er ging mit in die Kaserne und kam nicht wieder heraus. Einige Zeit später warf die Donau seinen Leichnam heraus; ein Bein und die Nase waren abgeschnitten, die Augen ausgestochen, der Schädel zertrümmert. Ein anderer Fall! In Upfeherto war seit 47 Jahren der Jude Hartmann Gemeindcnotar und bei der gesamten Bevölkrung tvegen seiner Redlichkeit verehrt. In einem christlichen Staate kann inan jedoch einen Juden in solchem Amte nicht dulden. Hartmann kommt Samstags aus der Synagoge nach Hause und findet einen Gendarm vor, d« ihn auffordert, sofort Mit seinem Wagen nach der Kreisstadt zürn Gericht zu fahren. Hartmann will am Samstag nicht fahren, doch der Gendarm läßt nicht Nach, da er den Befehl habe. — Am nächsten Morgen ist der Greis mit zerschmettertem Schädel und ausgestochenen Augen tot vor dem Gefängnisgebäude aüfgefunden worden. _ Südrußlatzd. * - Moskau. Hier sind Originale der Aufrufe eingetrofi fen, die in sämtlichen von Wrangel besetzten Städten angeschlagen «ve'rden und zur rücksichtslosen Vernichtung der lüdischen Bevölkerung auffvrdern. ^ole»^ Warsihau. Die Interpellationen über die Judenmetzeleien und deren Besprechungen stillten auch di« letzten Sitzungen des Landestages fast restlos aus. In der jüngsten "Sitzung hielt der Deputierte Grünbaum eine Rede, in der er slaminenden Protest gegen die Behandlung der Juden einlcgte. Tie Regierung verspricht die Einleitung von Untersuchungen und sucht t'm übrigen die Schandtaten der Polen dadurch abzuschwächen, indem sie auf die Noch grausamere Behandlung der Juden von Seiten der ukrainischen Kosaken hinweist. Warschau. Die Blätter veröffentlichen «in CoMMuniqrre des Kriegsministerinms, in welchem bckanntgegeSen wird, daß alle Ausschreitungen gegen die jüdisch« Bevölkerung, insofern sie der Militärgerichtsbarkeit unterliegen, mit voller Strenge bestraft worden sind. In 14 Fällen wurde! ivegen Plünderung und Diebstahls auf Todesstrafe erkannt, j die in 13 Fällen vollzogen worden ist, in einem Fall« wurde j vom Staatschef die Begnadigung ausgesprochen und die Todesstrafe in. eine Kerkerstraft urnaewandett. Die andei rcn Urteil« lauten auf KttkerstwM«lsMT^Jshr«n. Die > Liste der Verurteilten wird drumHchst deüststNMcht werden.