Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 75 (29.10.1920)
- Date
- 1920-10-29
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHER BOTE Erscheint {ckt* -ritt«, Br,»,» peil 2.50 «. ■•■«(!. Z, kr,lehr» k»rch st»iltche P,stt»ter ,k«r k»»ch kr» V»tr»»rrl»> i» >»»». VON RHEINT Jüdisches Yolksblatt V»)ei|t»krtil: 1.50Vt.(Btkit»icr< |t(k. Prtiizetle. Die >,»«» Sette ,»s«ßt 360 Zette». Pistscheckk»»«» v»te»»«rl»i «»„, «kl» «r. 74747. ^»rausgegrben von Rabbiner vr. Krnit Hohn, Bonn. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Bonn, Brüdergasse 52. K««»er 75 ZSonn. 5. Wovernber 1VS0. — 24 Warcheschrvan V68l 2. z«tzrgang.' EÜr die ortjüdirehen Elüevlttnge. Bonn. Jakob Meyer 200 M. DaoaaaaaaaDaaaodDiaDDDaDODDODaoaDaooDoaa D □ 9 ° o Mocheuadschnttl m* "N g □aaanaaaaaaaoaaonaaoaaaaDDDaDaoDDanDaa Das schamlose Geld. — Und Abrabam stand auf und verbeugte sich vor den Söhnen Heths und sprach zu ihnen: „Wenn es euer Wille ist,, daß ich meinen Toten begrabe, der vor mir liegt, so höret mich und bittet für mich den Ephron, Sohn ZoharK, daß er mir die Höhle Machpela gebe; — um den vollen Wert an Silber möge er sie mir geben »um Erbbegräbnis in eurer Mitte." Ephron aber saß unter den Söhnen Heths. Er-' antwortete also dem Abraham vor allen, die^ns Tor der Stadt kamen, und sprach: „Nicht also, mein Herr! Höre mich! Ich gebe dir das Feld und gebe^ir die Höhle, die darin ist: vor den Augen der Söhne meine- Volkes gebe ich sie dit hier: Begrabe deinen > Toten!" : Da verneiats sich Abraham vor dem Volke des Landes und redete mit Ephron, daß es alle hörten, die j , da waren, und sprach: „Wenn du mich doch anhören j wolltest! Ich mochte dir das Silber geben für das; Feld; nimm es doch an von mir! Alsdann will ich j meinen Toten dort begraben." > Und Ephron antwortete und sprach: „Höre mich ' an, mein Herr! Ein Stück Land, bas 4M Sekel Sil-! berS wert ist, was ist daS zwischen mir und dir? Be-! ' grabe doch deinen Toten!"! Da merkte Abraham die Wort« Ephron und wog; ihm daS Silber zu, welches er angegeben hatte vor 1 den Söhnen Heths, nämlich 4M Sekel Silbers, wie sie gangbar waren beim Händler. Hernach begrub ' Abraham dort sein Weib Sara —. 1. Mose 23, 7—19. Welch ein Drumherumgerede/ ruft bef spöttische Leser; j um die einfachste Sache der Welt! Der moderne Kauf- . mann, der heute mit zwei Telefongesprächen einen Waggon j Lebensmittel kauft und im tzlben Augenblick wieder ver-; kauft und dabei Tausende verdient, hält sich den Bauch vor > Lachen, wenn er die beiden Beduinen mit ihren weiten.! Gesten, Vorbeugungen und Höflichkeiten sieht, - denen der Atem ausgeht, ehe sie den Verkauf eines steinigen Feldes um 400 Taler gefertigt haben. 'Du lieber Gott! — Und doch, wer mit Aufmerksaiyk tk und ein bischen auch mit Herz die Geschichte dieses alten Beduinenhandels liest, wird sich eines Gefühls der Rührung nicht erwehren j können. Ja, es ist rührend, wie diese beiden Natmkinder! Ephron und Abraham sich vor dem schnöden Gelde schämen. Und wenn das alles, wie man vielleicht, einwenden lvird, nur eine Höflichkeitsform jener Zeiten war, nun, so muß man sagen, daß eilte Zeit so wundervoller Höflichkeiten mindestens beneidenswert genannt werden muß. Mag sein, ja, sog«, wahrscheinlich, daß dieser Hethiter Ephron nie daran gedacht hat, sein Feld umsonst zu geben, und ebensowenig Abraham, es geschenkt zu nehmen. Aber daß ihnen Geld eine schamlose Sache war, vor, allem, wenn es unter Freunden auf den Tisch gezählt werden'sollte, das ist klar. Bon beleidigender Nacktheit war ihnen jenes Silber, das damals mit der Wage zugewogen wurde in den Toren der Sijhne Heths. Und unsereiner bekommt ganz eigene-Gedanken dabei, wenn er — wie früher — den beleibten Herrn Protz mit seinen Talern in der Hosentasche klimpern hörte, oder — wie jetzt — die Fetzen aus der dicken Schiebertasche in die Hünde des^befrackten Weinkellners wandern sieht — sichtbar durchs ganze Hotel. Alle persönlichen Verhältnisse leiden durchs Geld. Daher kommt es, daß man hundertmal lieber mit Fremden in ein geschäftliches Verhältnis tritt als mit Freunden. Dabei weiß man noch nicht, was schlimmer ist: einen Freund Zum Gläubiger oder zum Schuldner zu haben. In beiden Fällen kommt man dazu, sich zu schämen. Etwas so Unpersönliches wie eine Geldjackse mit etwas jo Persönlichem wie einer Freundschaft zu verhandeln, macht ungemein befangen, und es muß schon ein sehr freies Gemüt sein, das ohne Hcinmungen ein Geschäft mit Freunden taktvoll zu erledigen weiß. ES gibt aber noch eine andere Seile der Sache: Ja, Gelh ist immer nackt und immer sck-amloS, wenn es den direkten Weg vom Geber zum Nehmer geht. Nur im Geschäfte von Hand zu Harrd, wo eS als Preis für eine Ware Zug um Zug gegeben wird, erjct-eint es erträglich. Sonst jucht man, möglichst Umnege und Verhüllungen zu finden, um sich selbst vor denr Erröten zu schützen. Das Honorar des Geistlichen, im keuschen Briefumschlag verborgen, ist ein Beispiel, das gleichzeitig auch zeigt, wie falsch es unter Umständen sein kann, denr Gelde seinen eigentlichen Sinn zu nehmen. Wohl, ist Geld schon eine nackte Sache, so soll man wohl keusch mit ihm umgehen. Aber Keuschheit und Heimlichkeit sind doch zweierlei. ja, manchmal sogar Gegensätze. Ter Briefumschlag ums Honorar macht das Honorar aus einer Entlohnung, das es sein soll, zu einem Wc* schenk, das den Empfänger als einen der Geldgal>en Bedürftigen degradiert. Die schlichte Frage des jüdischen Dorfbewohners: „Was ist meine Schuldigkeit, Herr Rabbiner?" ist würdiger als die Art des heimlichen Zusteckens, die oft von Höherstehenden beliebt wird.^ Seht die vollendete Anmut, mit der Abraham und Ephron das Geschäft erledigen, das sie miteinander hal»e». Dabei ist Ephron noch mehr zu bewundern als Abraham, da er über dem geschäftlick-en Takt noch jenen andern Takt aufzubringen hatte, den die Trauer Abrahams uni die geliebte Frau ihm auferlegte: .Er tat es mit jener Zartheit, die kein Vorrecht der Kultur, sondern allein des Wcim'it* zu sein scheint und, wie wir sehen, oft Naturkindern mehr eignet als den Vielgewandten, die wir gebildet nennen. Aber Erziehung kann manches tun, und lver seine Kinder lieb hat^ wird sie l'eizeiten lehren, des Oeldes Schamlosigkeit überwinden zu lernen durch jene Anmut. die den freien. Mann ebenso kennzeichnet, wie sie den echten Juden zieren sollte. Emil E o h n. V