Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 74 (29.10.1920)
- Date
- 1920-10-29
- Page
- Seite 416 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Jerusalem. Bei der Eröffnungssitzung der National- Versammlung waren 250 'Delegierte, darunter eienige Frauen. anwesend. Sir Herbert Samuel sandte ein Schreiben. in dem er den Wunsch aussprach, die e Beratung möge der jüdischen Gemeinde zum Segen gereichen und die Harnionie mit den andern Gemeinden herbeiführen. Weizmann und Sokolow sandten im Nameir der Zioiristischen Organisation ein Begrüßungstelegramm. Ussischkin hielt eine Begrüßungsansprackw, und Aellin, als Vertreter der Jerusalemer Juden, segnete die Versammlung. Die extrem Orthodoxen machten ihre Anwesenheit von der Ausschließung oder Absonderung der Frauen abhängig.^ — Rabb. Jakob Meier wttrde Ehrenpräsident. Am t>. Oktober iersaminclten sich, alle an der Klagemauer. und man beschloß, den Völkerbund aüfzufordern, sich ins Mittel zu lege», um den Vclfokgungcn, Plünderungen und Schändungen der Juden Mittel- und Osteuropas ein Ende zu machen. Jerusalem. Die Finanzvcrlvaltung der Regierung hat mit der Zahlung von 20 000 £ Schadenersatz für die von den Juden ivährend der Peßachunruhen erlittenen Schäden legonnen. Die Beträge ipeiden von der dazu eingesetzten Abteilung des Waad Hazirim festgesetzt und vott der behördlicl)cn Untcrsuchungskommjjsion genehmigt. Jaffa. Die neue, seinerzeit von den Türken zerstörte Eisenbahnlinie von Lndd nach Jaffa, wurde wieder hcrgcstellk und durch den Olerkommistar am Jj. Oft. cingcweiht. Samuel führte den ersten Zug persönlich von Ludd nach Jassa. In Tel-Awiw ülwr schul tele» jüdisckw Masten die Lokomotive mit Blumen. Samuel schlug den letzten Nagel in einen Waggon ein. dadurch die Beendigung des Jerusalem und Jaffa verbindenden Bahnbaues symbolisierend. In einer Rede betonte Samuel, daß dies der erste Schritt sei zur Hnndelseniwicklung von Jaffa, das in Bälde einer der größten Häfen am Ostufer des Mittelländischen Meeres werden tvird. Jüdische Kaufleute im deutschen Wirtschaftsleben. Wenn wir die Leistung jüdischer Kaufleute in Deutschland beurteilen und in ihrer Wirkung auf das gesamte deutsche Wirtschaftsleben abschätzcn wollen, sw niüstcn wir zunächst ein wenig die jüdische Psyclw zu ergründen suchen. Der Jude ist ein bewegliches, ein durchweg nervöses Ele-- ment. Er ist infolge einer,— sei es angeborenen, sei es im Lause der Jahrhunderte mit ihren unerhörten Awfordeluiigen an seine geistige Elastizität erworbenen — Feinfüh- ' ligkeit für ckommende Konjunkturen uird Zeitlrenden, seines bochentw'ickellen wirtschastlicl-en Tastgefühls, seines schnellen und zumeist sicheren Blickes für Zukunftsaussichten und Gewinninöglichkeilen, aber auch durch eine gewisse Freude am Großzügigen und sogar am Waghalsigen, vor allem aber auch durch eine ftmf ausgeprägte Abneigung gegen jedes Schenialisicren und gegen alles in feinen Ansdehnungs- und Ek'trjnnnlöglichkcittn Begrenzte, der geborene Kaufmann. Kaufmann in dem Sinne des vom spekulativen Einschlag nicht, fleien (wenn Spekulation rechtzeitige Erfassung und zeitige Einstelluixg auf mögliche Elewinnaussichlen bedeutet), sich nicht au vorgczcichncte Entwncklimgslinien bindenden, eigene Wege geltenden, geistig produktiven Mannes. In, allgenieinen paßt der Jude kaum zum Deainlcii, weil ihm ein snifenmäßigcs Ausnickey, das.dein Mittelmäßigen zumeist die gleickwn Chancen bietet w-ie dem Bedeutenderen, wideistrrbt. Weil er es schtver erträgt, einen iorgiain vorgezeichneten Lebenstveg vor sich zu sehen, besten Meilensteine im allgemeinen aud> mir stärkster Strafte« anlpannung iticht schneller zu passieren sind, als es die auf den Durchschnitt zugeschnittcne Vorschrift will. Weil es ihm, der zweitausend Jahre lang genötigt wmr, sich in jeder Geiellschaft, in jedem Staat, erst durch die Geivalt besonderer Leistungen seinen Platz zu bahnen, im Blute tagt, sich au» eigener Kraft Mihn zu San« aber auch in der geheimen Hoffnung mieingeschrSnkter Auswirkungsmöglichkeiten. Diese Grundstimmung aber und die Abwesenheit der den Muftekbeamten ausmachenden Eigenschaften prädestinieren ihn zum wagenden und zum lehnbrechenden Großkaufmann. , Es bedurfte für den, der Deutschlands^ Wirtschaftsgeschichte kennt, nicht des — trotz seiner Schwachen vielfach grandiosen — Sombartschen Julenbuches, um den Eindruck zu vertiefen, daß die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands in einem, gewesten an der absolut und relativ so kleinen Zahl deutscher Juden, geradezu staunenerregenden Umfange durch jüdische Käuflcute gefördert worden ist. Instinktiv war den deutschen, noch lange bis in die Neuzeit hinein in zünftlerischen Anschauungen steckenden Kaufleuten wohl stets das Wesen des Juden unsympathisch. Tenn der Jude hielt sich nicht sklavisch an einen Ertverbszweig lebenslang gebunden, er klammerte sich nicht bürokratisch an das im geschäftlichen Leben Überlieferte, er sprang vielmehr bald hierhin, bald dorthinüber und griff in andere, schnell von ihm in ihren Grunderfordernisten erfaßte Berufszweige über, in denen er lohnende Aussichten winken sah. Trotzdem oder gerade deshalb sind die Fenuvirkuwgen jüdischen Unternehmungsgeistes gewaltig groß geworden. Das ganze Land zog unendlichen Nutzen aus ihnen, und gewiß ist Deutschlands wirtschaftliche Entwicklruig durch das jüdi-, schc Element um Jahrzehnte beschleunigt worden. Es gibt wenige Gebiete des Handels, denen nicht der deutsck)e Jude die Ausdehnungsmöglichkeiten gelreitet hat. 'Nur nebenbei sei darauf hiygewiesen, daß die ersten deutschen Eisensahnen mit Rothschildschem Gelbe finanziert wurden, und daß auch die Eisenbahn- und Jndustrieprojekle des kühnen Abenteurers Strousberg dem Lande mehr Nutzen als Schaden gebracht haben. Die Arbeit eines Emil Ralhenau auf dem eigentlichen und den Grenzgebieten der Elektrotechnik, eines Albert Ballin um den Ausbau und die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Pastagierschiffahrt, sind auch dein sonst wirtschaftlich Unorientierten bekannt. Juden. >vie Tietz, Werthcim, Jandorf, Embden, waren es, die mit. ihren Warenhausschöpfungen für die Geschmackskultur und die billige Bedürfnisbefriedigung des Mittelstandes, aber.auch für die Ausbildung der Angestelltenschaft und die Heranbildung zahlreicher selbständig zu disponieren gewöhnter Beamter viel und immer Neues getan haben. Dabei war das Warenhaus keineswegs, (vie von seiner Konkurrenz durchweg behauptet wurde, unsolide und deshalb billig: sondern es baute sich nür auf dem neuen Prinzip auf. durch Ausschaltung des Großhaitdcls die Ware direkt vom Erzeuger zu blichen und sie so dem Publikum verbilligt um das Verdienst des ersten Zwischenhändlers direkt zzuführen. Ein Gedanke, der, angesichts der Notwendigkeit, kosteiiersparcnd und inöglichst rationell zu arbeiten, in der Zukunft in dieser und jener Form wohl auch sonst für unsere Wirtschaft nutzbar gemacht tverden wird. — Die Rolle, die die deutschen Juden im Banktvesen gespielt haben und teilweise noch spieen, ist ebenfalls bekannt. Ohne den Kredit der Rothschilds war in den ersten Jahrzehnten des. vorigen Jahrhunderts eine Anleihe irgend eines deutschen Staates nicht zu plazieren. In Frankfurt, Hamburg. Ber lin, Breslau. Köln und verstreut über das ganze Land saßen kapitalkräftige, jüdische Bankfirmen. die zum Teil neben dein eigentlichen Bankgeschäft den Handel mit Wolle, Holz, Zucker, Textilien betrieben, Handel und Industrie kreditierten und sich auch unter den Gründern der ersten deutschen Aktienbanken befanden. Besonders häufig tvar die Verbindung des Bankgeschäfts Mit dem Getrckdegcschäft. .Aber auch das reine Getreide- und Produktengeschäft war ivährend des vorigen Jahrhunderts, ebenso wie der Handel mit Metallen, fast ausschließlich in jüdischen Händen. Von dem Bekleidungsgewerbe und dem Handel in künstlerisckien Antiquitäten, mit Pferden, Schlachtvieh, Leder, gilt dasselbe. . . < sSchlnß folgt.) v t \