Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Bote vom Rhein · 1920-10-29 · 74 (29.10.1920) · p. Seite 414

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
2 (1920)
Issue
74 (29.10.1920)
Date
1920-10-29
Page
Seite 414 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/3947615-6435930-6437162--0843-3948383
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

tü M MocbenkckLu. Tatsachen und Ergebnisse. m » « uni] HCSJI1i «J Deutschland. Berlin. 'Jim 11. Oktober fand in Bettin unter Vorsitz des Herrn Tr. James Simon die Generalversammlung des Hilssvereins der Deutschen Juden statt. Einleitend bemerkte der Vorsitzende in seinem Reser,uc. das; die Jahre 1918/20 für das Judentum wohl die irauiigstc 'seit genasen sei, die es seit Zerstörung des Tempels in Jerusalem gesehen. Ülvr die Juden des Ostens sei ein Elend hereingcdrochen, dem gegenüber keine Möglick^eit durchgreifender Hilfe und Linderung vorhanden sei. In dieser schneien Zeit habe sich aber auch das Solidarit.itsgcsühl der Jndenhcit aufs glänzendste belvährt. Tas Schulnerk in Palästina und in der Türkei mußte, einjck,licßlich des Technikums in Haifa, infolge der politischen Verändcrlingcn liquidiert werden und ging in zionistsche Hand über. Ebenso mußte das Schulwcrk in Rumänien. Bulgarien und (Griechenland schon währende des Krieges anfgegeben werden. rrber die neilere Tätigkeit des Hilfstwreins inr Jahre 1919/20 lwrichtet der Generalsekretär Kahn. 1 */2 Millionen Mark hat er ii» Berichlsjahrc verausgabt. Die Einn ander ung der Ostjuden beschäftigte den Hilfsverein lebhaft und mit seiner Hilfe wurde das '.'Irbeiterfürsorgeaint der jüdischen Organisation Deutschlands ins Leben gerufen und in Verbindung damit das Asyl in der Wiescnstraße. Zum Tchlnsse spricht noch Tr. Nathan über die Liquidierung des Sckulwerkes im Orient, was nicht gleichbedeurend mit der Einfrelluiig der Hilfsarbeit im Oriente sei. Er beipeichl ferner die furchtbaren Zustände im Osten und die Bedeutung der Lstjndcnfragc in Deutschland. Es kann nicht verhindert werden, daß aus allgemeinen politischen niib wiuschafllichcn Gründen die Grenzen in Deutschland gegen Osten gesperrt bleiben, aber für diejenigen Ostjuden, die sich in Deutschland bereits befinde», rationell zu sorgen, ihnen die Möglichkeit zu geben, sich ohne Belastung für Deutschland bei uns aufzuhalten, bis eine Weiterwanderung möglich ist, bleibt eine Pflicht der Menschlichkeit, und diese 'Jlusgabe zu lösen, liegt zugleich im eigensten Interesse ,der deutschen Jude» und inr Interesse Deutschlands. Berlin. Plof. Tr. Calomon Kalischer, der verdienstvolle Vorsitzende des Tenlsch-Jsrr.elijischen Geuieindebnndes. ist am 8. Oktober 75 Jahre alt geworden. Er entstammt einer alten jüdischen Gelehrtenfamilie. Tein Großvater ii tu der bekannte- Thorner Rabbiner Hirsch (Zwi) Kalischer, der di/rch seine geistvolle „Untersuchung über Mische Philosophie oder Dogmatik des JudeiUtzmS" ebenjo wie durch jeine rastlose Wirksamkeit für die Neukolonisalion Palästinas berühmt geworden ist/' Der Jubilar empfing seine Schulbildung in Breslau, wo er auch, den Tradilioncn seiner Familie folgend, am dortigen Rabbincrsemidar Theologie studieitc. Teil 1870 lebt-er in Berlin, wo er seil 1870 an der damaligen GeN'erbeakademie, der heutigen Technischen Hochschule in Ehallottcnbnrg,-lehrte. Er gehöre der Verwaltung der hiesigen jüdischen Gemeinde seit fast 25 Jahren an, zueist als Mitglied des Talmud-Thora- VoistandeS. von 1905 bis 1920 auch als Repräsentant. Er ist Vorsitzender des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, desirn Leitung er 1912 alS Nachfolger Philippsons übernahnr. Ter Olemeiudebund ehrte seinen Vorsitzenden an seinem Geburtslage^ durch 'Abordnung einer Deputation. Auch die anderen Körpersckmften widmeten ihrem ver-, dienten Mitgliede zahlreiche Ehrustgen an diesem Tage. \' Österreich. Wien. Die Wahlen in die österreichische Nationalverjammlung endeten mit einem Siege der Christlich-Soziolen und der Sozialdemokraten. Dis Christlichsozialen bilden mit 7fi Mandaten die größt« Partei. Das einzige jüdische (zionistische) Mandat des vorigen Landtages (Strikter) ist verloren gegangen. Wien. Ter 1916 verstorbene österreichische Generalkonsul Proinler in Konstantinopel, ein Christ, hatte -aus Shinpathie für die Juden sein eine Viertelmillion betragendes Vermögen der Wiener israelitischen Kultusgemeinde für ein israelitisches Watjenhaus vermacht und seine Adoplivlochler, die er als Kind aus einem Brande gerettet hatte, mit einer Rente von 2400 Kr. hedach. Die Adoptivtochter Nagt' daher gesten die Jsrarlitilche Kultusgemeinde, und das Urteil dülfte dieser Tage zur Entscheidung kommen. Wien. Reisende aus Budapest berichtenvon einem großen Pogrom, der sich in der ungarischen Hauptstadt abgespielt haben soll. Ter Pogrom ging von einer Versammlung des von Stefan Friedrich gegründeten Vereins „Das erhöhte Ungarn" aus. Die Versammlung' war verboten, wurde aber dennoch abgehalten. Nach der^ Versammlung zogen die Anhänger Friedrichs durch die Leopoldstadt und überfielen zahlreiche Passanten. Es solle» mehr als 100 Personen schiver'verletzt worden sein. Im „Cafe Club" kam es neuerdings zu antisemitischen Ausschreitungen. In den Abendstunden drangen etwa 30 Personen in das genannte Cafe rin und mißhandelten die anwesenden Juden und zerschlugen.das Kaffeehaus. Es gelang der Polizei, die Täter festzunchmen. Die Schlägereien wurden von denselben Leuten veranstaltet, die an dem vor ziveoMona-' ten in demselben Lokal verübten Mord beteiligt waren. Budapest. Auf den' Ausweisungsbefehl für die in Budapest befindlichen galizischen Juden hin haben 15 000 Ostjuden von der Regierung die Ausstellung von Päsicn nach Palästina verlangt. Budapest. Die angekündigte Verordnung betreffend Ausweisung der seit 1914 eingcwanderten Ausländer jüdischer Russe ist nunmehr treröffentlicht. Den Behörden wird jckilcunigste und genaueste Ausführung dieser Verordnung zur Pflicht gemacht. Tie. Ausgewiesenen samt threri Familien sollen bis zur technischen Durchführung der Auswci',mg, interniert werden. Pole». Kowno. Nach Einnahme Wilnas durch die Truppen des Generals Zcligowski bemächtigte sich der jüdischen Bevölkerung eine schreckliche Panik. Die jüdische Bevölkej uiiifl mußte abermals trotz 4>er Anwesenheit der Ententej Mission einen furchtbaren Pogrom initmachin. Viele jü- > dische Frauen ivwlden geschändet und Männer getötet. Die! genaue Zahl der Opfer, sowie die Höhe des angerichteten Schadens sind noch nicht bekannt.' Tie jüdische Bevölkeaung Wilnas ist ganz der polnischen Soldateska ausgelie sert, zumal auch die Entente-Mission bereits Wilna ver lassen hat. Rumänien. Bukarest. Ter Verband der rumänischen Juden har am 11. Oktober einen Kongreß abgehalten, um über die Fragen der vollständigen Emanzipation der rumänischen Juden, die Subventionierung der jüdischen Schulen und die.staatlickw Anerkennung der Selbstvcrivaltung der jüdischen Organisationen zu beraten. Zürich. Tas Joint Distribution Committee, 9dewi»wf, verweigerte der Studentenküche in Czernowitz eine Unterstützung, solange diese nicht rituell geführt würde. Jüdische Arbeiterkreise sowie auch ein Teil der Studentenschaft protestierte gegen diese Entscheidung. (I. P. Z.) Bukarest. In Konstanza sind zahlreiche Juden, die vor den in der Ukraine verübten Petljuraschen Pogromen und Plünderungen geflüchtet sind, «ingetroffen, mit der Abfrchr, nach Ainerika auszuwoudern. -P«ch zahlreiche jü-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.