Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 74 (29.10.1920)
- Date
- 1920-10-29
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHER BOTE Erscheint jtfcei Kreit», 0«,»,» pr«i< 2.50 R. «»»»tl. Z» trztrhe» »>rch s»»Ulichr Pefttmter »der »«ch de» V,te»»rrl«, t« »,««. VOM RHEIN Jüdisches Volksblatt >»1«t,r»Pr»t«: l.&OK.firkic »trr« I«sP. Prtitjrtlr. Dir ,«»»» Seit» >»f«ßt SSO Zeile». Peftscheckk»»«» vitrntzerl«, «»»», «II, «r. 74747. q-rau»g,geben von Rabbiner Dr. gtniC Kohn. Bonn. Schriftleitung und Geschäftrsielle: Bonn, Brüdergaff« 52. Kummer 74 | ZSonn,. 89. Oktober 1980. — 17 Marcheschwan 5681 | 2. Jahrgaug. □DaaaDaaaaaaoDaQixiaaDaaaDaaDoaaaDaDaaaa 5 0 o □ g MocheaadschniU nti 3 a □ a a aaaanpaaaaaaaaaaoiaaaaaaaaaaaaaaaaaaflaaa Der jfldisdic Schrei. Und Gott sprach: „DaS Geschrei über Sodom und Gomorrha ist äar groß, und ihre Sünde sehr schwer. Darum will ich hinab und sehen, ob sie wirklich völlig so laten, wie daS Geschrei meldet, das vor mich kam, , oder nicht. Ich wildes wissen." I. Mose 18. 20—21. Niemals hat in Bibelzeiten Gott so gleich einem Menschen gesprochen wie hier und so gehandelt. Wie? Der Allwissende droben, dem nichts Menschliches verborgen ist, der sollte „hinabmüssen" wie ein Hauswirt, der Lärm in seipem Hofe hört? Sich erst überzeugen müssen, ob das große Geschrei nicht-wirklich nur ein großes Geschrei ist? Für. einen Spötter und Rationalisten ein dicker Haken wahrhaftig, um seine höhnenden Zweifel an Gottes Allwissenheit und Allgegenwart dran aufzuhängen. Und für uns? FiX uns die wir in der Bibel hundertmal mehr nach Gottes Liebe forschen als nach seiner Allwissenheit, und die wir wissen, daß Liebe sich nur' von Liebe finden läßt, und kein vernünftelnder Kritiker sie jemals finden wird, für uns birgt jener Bericht vom Geschrei Sodoms keine göttliche Weisheit, aber eine Menschliche Wahrheit ohnegleichen, und daß der Herrgott sie damals sah. nun. das ist doch* auch eine jener kleinen Weisheiten Gottes, die ihn uns so väterlich nahbringen: Cs ist die ewige Wahrheit vom Geschrei, das seinen Zweifel, in sich selber trägt. Es ist doch eigen und in gewisiem Sinne tragisch, daß eine Wahrheit durch die Macht der Stimme nicht nur nicht gewinnt, sondern daß rin Augenblick kommt, wo joi« Stimme es ist, an der die Wahrheit zerschellt. Menschliche Rede findet zlvar immer ihren Glauben, und ist sie belebt vom Ton der Überzeugung, so findet sie ihn doppelt. Das ist die Macht der Rede, die aus hundert Röhren gespeist wird: Ein wohlklingendes Organ, das schivellen und ebben, stünnen und säuseln, grollen und donnern kann, vermag viel, wenn auch nicht das Letzte und Beste, das allein der wahren Überzeugung und Persönlichkeit gelingt. Ter Pöbel verwechselt oft, ja, leider meist die bloße Redebegabung mit der Macht der Rede^ und läßt sich Überzeugung vorgaukeln, wo nur ein bischen Bumbum und Trara dahinter steckt. Niemand kommt so leicht zur Menschenverachtung wie der Redner, der ein Künder sein will. Schon dies ist tragisch. Tragischer aber ist, daß der Schrei aus menschlicher Kehle es noch soviel schwerer hat sich durchziisetzen, daß im Augenblick, wo nicht mehr wohlerwogene Tongebung, sondern unmittelbares Gefühl aus! der -Kehle gellt, der Zweifel wie ein Blitz ins Herz des j Hörers schlägt. Der schreiende Redner bricht seiner Über-; zeugung selbst die Spitze ab. Was schreit er so? fragt man rwd^tzt zynisch.hinterher: Man : meinen, «r hat Ü»»W .'7?: •- " Und doch: Ist der Schrei nicht allein schon eine Wahrheit? Wenn das Kind fällt und sich im) tut, soll es Nicht schreien? Und wenn der Schrnerz den Menjckwn packt, und es ihm nicht gelingt, die Zähne zusammcnzubcißcn. darf man schließen, sein Schmerz sei um ein Gran geringer, wenn er schreit? Und wenn mir Unrecht geschieht, »eil ich der Schwächere^bin. soll ich schtveigen und auf -die einzige Waffe verzichten, die ich habe: den Schrei? Soll nicht mehr: „Halt' den Äeb!", nicht mehr: „Räuber!" schreien, rvenn mir die Uhr aus der Tasche gerissen lvird? — Der Schrei ist die Waffe der Schwachen und als solche heilig. .Ohne ihn wird die Sache der Schlvackien niemals Gehör in der Welt finden, weil nur Stärke, Kraft, ja, Rohheit und Brutalität die Argumente ihrer Ül>rrzeugung in sich selber tragen. Der Puff des Starken hat eiivaS sehr Überzeugendes, dem Schwachen kann man nur raten: „Schrei'I" — So schrie Israel in Egypten unter der Fron Pharaos, so schrieen sie in Richtertagcn, ja, so haben sic immer geschrieen, geschiiecn, bis die Menschen hörten, und tvenn sie nicht hörten, hörte es Gott. Sie haben sich nicht gekümmert, ob dieser Schrei eine häßliche Form hatte, ob er der Welt lächerlich, grotesk, memmenhaft, ckclerrcgeyd schien, sie waren die Wenigen, die SchwaclM. die Geknechteten, die Verachteten und darum m u ß t e n sie schreien, denn der Schrei lvar ihre Macht. Und w'enn eine entmenschte Welt, wenn ein brutaler Goi sie mit dem verzerrtesten aller „Ai waih geschrien!" über die Gasse hetzte, der jüdische Schrei blieb doch, was er war: der Schrei der getretenen Menschheit, gekittet aus Blut und Tränen, der Schlei des Lebens im Tode und des Todes, des Todes im Leben! Bis auf diesen Tag! Man fragt uns: Sind denn diese Nachrichten aus Polen alle wahr? Es ist zu viel, als daß man alles glauben könnte! Mehr wäre weniger! Was soll der gellende Hilferuf dieser Presse? Er schleitet auf der Grenze des Läck-erlichen und Grausigen! Er — schadet! Ta habt ihr die Tragik: Der Todesschrei einer Welt von Millionen wird schief gehört. Aber diese Welt wird nichts danach fragen und weiter schreien, schreien ums Unrecht.-schieien ums Martyrium, schreien um Gewillt. Und das jüdische Herz im Westen soll zittern, tvenn es diesen Schrei hört, denn es ist nicht ein Cchiei von heulq und gestern, sondern ein Schrei von Jahrtausenden, ein Schrei über alle Scheiterhaufen und Wasseuode hinweg, die wir erlitten, es ist der Schiei aus — Sodom und Gomorrha, ist u n^or Schrei. Und wenn wirs auch leugnen ivvllten. es hülfe »ns nicht. Und wenn wir nicht mit emporgereckten Annen diesen Schrei aus allen Lüften reißen und -zu unserem Schrei machen wollten, wie's unsie Pflicht wäre, es hülfe uns dennoch nichts. Über uns lebt einer, und er ist der Heir des Ostens und des Westens, der komnit noch heule herab wie damals, und wird Gericht halten über die Guten und die Bösen, und Sodom geben, tvas Sodom gebührt: Er hat das letzte Wort und er ist unser Gon. Emil E o h n.