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Jüdischer Bote vom Rhein · 1920-10-22 · 73 (22.10.1920) · p. Seite 408

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
2 (1920)
Issue
73 (22.10.1920)
Date
1920-10-22
Page
Seite 408 (sequence 4)
Language
German
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wurden die Opfer in die Kaserne geführt, mußten tanken und rufen: „Es lebe Polen, eS krepiere der Rabbiner." Daun mußte jeder an einen Soldaten Herangehen und fragen.^ob er ihm jemals et>r>as getan habe. Beschuldigte'ihn der Soldat, so wurde er wieder geprügelt, auch die Frauen und Binder wurden geschlagen. ^n Siedler wurden fünf Juden erschossen mit der Behauptung. die Juden hätten ein Freikorps für die Bolschewiken gebildet. Ebenso unirden in Bialh, Ostrow, Wloda- >lm und andereil Orten viele Juden erschlagen. In Plock il'urdc ein ckxissidisckier Rabbi von den Polen beschuldigt, durch seine Beivcgungen l»eim Beten den Bolschewiken Zeichen gegeben zu haben. Er wurde vom Feldgericht zum Tode tvrurteilt. Vor der Erschießung rvrlangte er seinen i^lvtsmantel, er umhüllte sich, sprach einen. Segensspruch, daß es ihm wrflimnt sei, als jüdischer Märtyrer zu sterben,. und wurde dann crschosien. Charakteristischer als alle diese Tatsachen jedoch ist der Aiill von Jablona. Bor dem Beginn der polnischen Offensil»e gegen'die polniscl^eu Bolscl-eimken lourdeu in den meisten Froilnegimenteril sämtlickw Juden ausgesondert, darunter auch die Kriegsfreitvilligen, Offiziere uild Arzte, im gnnzen ctilxl (iOOO Manu. Sie mußten ihre Uniformen auszieheil uird" erhielten nur notdürftige Bekleidung, dann wurden sic nach Jablona transportiert und in Baracken gelegt, tvo sie auf der Erde schlafen mußten. Einige Tage lang blieben sie ohne Esten und Trinken, keiner ivurde zu ihnen gelastcn. Es brach Typhus aus und andere Epidemieu. Rings um die Baracken wurden Fäster mit Ptlroleui» gestellt, so daß die Internierten befürchteten, verbrannt zu werde». Erst nach energischer Intervention der jüdiscl>en Ageordneten ivurde für die Verpflegung der Internierte» Sorge getrageil. Sie l»efinden sich noch heute iir Jablona. Allgemein wird lvhauptet, der Befehl zu dieser grundlosen Internierung der jüdisclM Soldaten sei voir dem Cöeneral Baller und dem französischen (General Weygand unterzeichnet. All dies sind, wie gejagt, nur irvnige Tatsachen, die ersten, die zu sammeln lind eintvandflei fcstzuswllcn den jüdisklieu Al»geordneleu unter unerhörten" Mühen bisher gelungen ist. Von den mehr an der Front gelegenen Städten iveredn furchtbare Nachrichten gemeldet, lvsonders von Bialystok. doch war noch einirxindfreieS Material nicht zu erlangen. Die Stimmung der Judeir im Lande ist furchtbar, in deir Bahnen fahren-keine Juden mehr, in den Städten der Provinz trxigeir sie sich seit Wochen nicht mehr auf die Straßen. N Die polnische Presse rast geradezu in ihrer Hetze gegen die Juden, die sie samt und sonders als boljclwivikisch t>czeichnet. Einzig und allein das Organ der P. P. S.. der „Robotnik", wendet sich gegen diese Hetze.;>u gleicher Zeit aber sitzt der Führer der P. P. S.. Dajzyujki, als Vizeminiftcrpräsident in der Regierung und tut niclxs, um die militäristlten Erzesse zu twrhindern. kurzum, das! polnische Judentum fühlt sich völlig vogelfrei uird preisgegebcn: ein furchtbarer Terror wütet gegen sie und die sosfeiitlirtw Meinung ÄVesteuropas und Amerikas schweigi und von nirgendwo ist Hilfe zu erwarten. i . lJortsktzung.) Ein tiefes, freudige» Gefühl ergriff des Doktors Seele. „Ten »'erden sie nicht abbringen", sprach es in ihm, „das C r t n d < r l. Eine Geschichte auS Böhmen von Leopold Kompertscheint eine ganz selbständige Natur darzustellen. Und hat er nicht bereits auf dem St. StephanSturm gearbeitet?" So tiefergriffen war Emanuel vott'Mfm Gedanken, daß er. um seine Verlegenheit zu verbergen, weil er in seiner Beschämung keine Antwort zu-geben verstand, schnell apf ein anderes Feld hinübersprang. „Habt Ihr schon ans Heiraten gedacht, Meister?" rief er, „zu dem Meister gehört auch diie Frau Meisterin?' Der Schlosser, schien sich erst auf eine Antwort zu besinnen. Dann sagte er rasch: „O! das hat noch lange Zeit; ein guter Fußgänger könnte indesten die halbe Welt mnwandern." , „Wie", rief Emanuel, „Ihr habt Euch aufs Warten Erlegt, Meister? Was,ist ein Handwerker ohne Hausfrau? Oder befürchtet Ihr, ein Weib nicht ernähren zu können? Darauf darf der rechte und geschickte Professionist nicht verfallen" „Das Hab ich nicht gesagt", meinte der Schlosser mit eiiriger Verlegenheit, ,^bcr mag möchte doch auch nicht, daß dem Weib, was num nimmt, etwas abgeht! Man möchte doch: sie falls gut im Hause haben und an nichts leiden. Und dazu Hab ichs noch nicht gebracht; nur ein Slnfänger bin ich noch." „Oho!" rief Emanuel fast zornig, „seid Ihr auch schon einer von denen, die nicht leben und sterben zu können vermeinen, tvenn sie nicht den Geldbeutel zu Kopf stehen haben? Laßt Ihr den lieben Herrgott und Euere zlvei starken Fäuste dafiir sorgen. Muß Euer Weib einmal in seidcncit Kleidern geherr? Ihr seid ein Schloster und Euere Frau ist die Schlosterin." Diese harten Worte tvaren kaum dem Munde Emanuels entschlüpft, als er sie bereits heftig bereute. Besänftigend setzte er sogleich hinzu: „Ich »röchle Euch nur beivahren vor dem Unglück, über Euer Handiverk hinaus zu trollen." „Und weiur man auch hinaus wollte", sagte der Schlosser trübe lächelnd, ,§s gibt schon Stricke und eiserne Hakeir, die einen zurückhalten." „Und die ivärcn?" rief Emamicl, ausinerksam geworden durch den geheimnisvoll tiefsinnigen Ausdrrrck, den Trenderl auf diese Worte legte. „Das Wdb," sagte dieser langsam, und Emanuel konnte bemerke». >vie ein blitzschnelles Aufleuchten aus den Augen des Meisters das gegenüberstchende Haus traf. In dcmselben Augenblicke trafen sich die Blicke der beiden Männer. Emanuel hatte alles erraten. Wenn es nicht das Erröt«;» des Schlosters trotz der Schmiedeestenfarbe geaffenl>art, — eine weibliche Gestalt, die gegenüber in dem Hause des reichen Brandeis am Fenster gestanden, und >vie ein Windhauch vorübergeglitten tvar, als sie die Blicke der leiden Männer wie verabredet auf das Harrs sich richten sah, hätte ihm alles gesagt. Ein furchtbarer Grimm ivollte auf Emanuels Lippen treten und harte Worte .dcnr ^Schlosser ins Ostsicht schleudern. Innerlich riefen tausend Stimmen: „Der ist auch verloren!. Das Geld hat es ihm angetan; auch der ivird an seinem Handwerke zum Verräter werden, ivird es dir den Geldsack aükoppeln, und wir sind um eine Hoffnung ärmer geworden," aber keiires dieser innern Gewitter fand feinen Ausbruch. Eher UKir es Mitleid und Erlmrmen, das öew Doktor sagen ließ: „Ich fürchte, Meister, Ihr ivollt mit Euerer Hoffnung weiter hinaus, als Ihr sollt. Das reiche Mädchen da drüben ist für Euch höher gestellt, als der höchste Blitzableiter auf dem St. Stephansturme! Das möchte ich Euch gesagt haben." Kopfschüttelnd blickte Trenderl dem Doktor nach, als dieser nach jenen ernsten Worten ohne Gruß aus der Werkstättn ging Was wollte denn .der Doktor gesagt haben? Während des Schmiedens stand ihm stets die <rnste Gestalt Emanuels vor Augen, und die Ermahnungen, die aus besten Munde gekommeri waren, folgten sich fast so gleichartig wie die Schläge des Hammers auf dem Aurboß. Zwei Stunden waren seit dem Besuche des Doktors rerflösten und Trcnderl eben im Begriff, eine glühende Eisenstangc aus der Este hervorzuholen, als er plötzlich, wie

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