Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 72 (15.10.1920)
- Date
- 1920-10-15
- Page
- Seite 400 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Emanuel trat schnell in die Werkstätte. Bei seinem Erscheinen Erliest der Schlosser, eine jugendlich kräftige diestalt. den Feilstoch an dem er einen Schlüssel geglättet hatte. und zog ehrfurchtsvoll vor dem Doktor die Mütze vom Haupt. ..Ihr singt ja ganz prächtige Lieder. .Herr Meister", ries Emanuel, ..wo habt Ihr so iwi» gelernt?" Chile jene lästige fricclwrrifd>c Scheu, mit d§r der Handnvrker uns oft entgegentritt, ankivortete Tvenderl: „Man sieht, der Herr Doktor ist iukI) auf keiner Wanderjchaft genesen. So ivas lern sich, man nvife gar nicht N'le. auf dar Straße oder in der Herl»erg. nian hats oft gar nicht selbst gesungen, und da auf einmal fällts einem ein, und man muß es singen. Und wie einem tw» Lied auf die Lippe» kommt, da erinnert man sich auch, »ms gesungen Mul, in gleicher Herl>erge cs getvcsn, oder mit »vem man damals aus der Straße gegangen ist. Mir ist dabei ein Kanjerad eingefallen und eine (beschichte, und merkwürdig, das sind mehr als acht Jahre, seitdem ich das Lied auf dem Wiener Slephansturm gehört." - Ter Doktor Hane bei den ersten Worten des Schlojjels K'irfirimt die Augen zu Boden gesenkt: er hatte diese Anlworhaus seinem Munde nicht ertvartet. Wir werden den freudigen Ausruf l>egreifen. in den er ausbrach, trenn er ül'erraschl. fast gegen seinen Willen, sagte: „Ihr seid alio auf dem Wiener Slephansturm gcirefen. .Herr Meister?" „Einmal nicht, aber zehn- und zioanzigmal", entgegnrte Trenderl? „mein Meister bat ja die Schlosierarbeiten dabiit geliefert." „Und Ihr habt hoch oben tSuf dem Turme gearbeitet?" fragte Emanuel in einem Tone, der dem Schlosier läclierlich vorgekoninien iväre. haue ihn nicht eine fast unnahbare Ehrfurcht vor dem Doktor erfüllt. Treuherzig, doch nicht ohne Lää>e1n. meinte der Schlösser: „Was häne ich den» auf dem Turme getan? Hat denn so einer wie ich etwas anderes auf einem Turme zu tun als zu arbeiten?" Das ivar eine echte Antivon! Sie tat Emanuel unendlich wohl. Erft jetzt bemerkte er. tvie die ganze Wfftalt und das Wesen des Schlossers mit diesen Worten im Einklang waren. Welch eine kräftige gedrungene Jviaitr! Welch ein männlich schönes, fast geschmiedetes Antlitz! Den ledernen Schurz um die krafljchwellendcn Glieder geschnallt, mit entblöszien sehnigen Armen, die.zu den rußigen Hemdärmeln fast keinen (Gegensatz bildeten, selbst das Ciesicht in ' die braunschwarze Farlv des Handtoerks gehüllt, das vom Jener seine Geivalt holt, stämmig und eisern stand der Schlosser vor seinen bewundernden Blicken da! ltziortsttziing folgt.) •. _ ' 'V Von Kerg UN- Tal. Köln. Dem Täligkeilt>crichl der Iüdisci)en Arlfitersürsorgeslellc Mölu. Barbarossaplatz 7, für den Monat September 15)20 entnehmen wir: Der zireite Mogat der Tätigkeit der „Jüdiscl-eit Arbeitetfütsorgeslelle Köln" brachte eine l>edeulende Zunahme der Meidungeil gegenüber dem Bormonat. Aus den Zahlen der Vermittelten wird der Eharakter und die Bedeutung, unserer Stelle gegenül'er den anderen sehr klar. Die große Zahl derjenigen, die ausschließlich in Paß-Angelegenl)eiten sich au uns iveildeu. zeigt, daß unser,; Stelle sehr toesentlich mit der regulären oder ineguläten Ül>erführung ins Ausland zu tun hat. ES hat siä, als sehr nottlrcndig herausgeflellt. eine zentrale Stelle zu haloi. i» der ül>cr alle Fra-, gen der Paß- und Bisabeschaffung. sowie Reisel>eratung Altskunft zu ethalten ist. Eine A'euening sind auch die Beziehungen, in die wir mit den französiscl)en Juden ge-- . treten sind. Die Frucht einer längeren Reise eines unserer Sekretäre ist die Schaffung von Arbeitsämtern und von Belllauenslenten in allen wichtigen Städten zwisclwn Metz. Slraßburg und Nanc>>. Ein iveitercs Ergebnis ist, daß »vir bnrttS «mährrnd die Halste aller gemeldeten Lenke m sichere und gut bezahlte Arbeit dorthin überführen konnten. Wir planen eine »veitere Reise zwecks Organisierung der Arbeitsvermittlung in der dorttgen Gegend. Die Verhältnisse in Deutschland haben sich nicht wesentlich geändert. In Köln wie auch in Berlin ermöglichen die sttengrn Vorschriften des Demobilmachungsausschusies eine Unterbringung nur in Einzelfällen. Vielfache Verftläte. den Arbeitern eine Sicherung durch Ausgabe von Jdentitätsbescl-einigungcn gelten zu dürfen, haben bisher zu keinem Resultat geführt: cs ist nur gelungen, in einer Reihe von Einzelfällen die Aufenthaltserlaubnis zu ertvirken. Die strengen Bestiinmungeir der Rheinlands-Ordonnanz »verden außerhalb der großen Städte nicht gehandhabt. Mit Alsdorf. >oo eine größere Zahl von jüdischen Arlvitern arbeiten, stehen wir in ständiger Fühlung. Eine besondeie Abteilmtg bildet die Organisation des Bahnhofsdienstes für die in großer Zahl durchkommenöen Emigranten nach Amerika.^ Nach anfänglichen Schwierigkeiten ist jetzt ein Zusammenarbeiten der Agudah und der nationaljüdisckten Jugend ermöglicht. Es steht ein eigener Wartesaal zur Verfügung, ein streng durchgeführter Wachtdienst sorgt für Beratung, Unterbnngung, Verpflegung der Durchtvanderer. Weiterhin toird versucht, die Palästinavorbereitung und Ül»erführuilg für Rl-einland-Westfalen in Zuscunmenarbeit mit dem Waad Alijah zu regeln. Hier liegt für bestimmte Mreife ostjüdisck>er Arbeiter' gerade in Frankreich eine gioße Zukllnftsmöglichkeit. Die Zusammenarbeit mit den änderen jüdischen Organisationen in Köln.hat sich erttäglich gestaltet. Die Vorzüge einer >virklici)en Hilfe durch Arbeit sowie einer sachgemäßen Beratung haben sich sofort hcrausgestellt. Es ist zu hoffen, daß auch »veitere Möglichkeit inbezug auf äuskömmlicl^rc Unterbringung sich, in absehbarer Zeit ergeben tvird. , Ter A r b e i t s in a r k t hat k e i n e B e f f e r u n g e r f a h r e n: ^c» ist liesviiders u n in ö g l i ch , Schlosser. Schreiner und Tischler n n t e r z u b r i n - ge n. Dagegen hat sich die Konjunktur für Schästemacher und Schuster bedeutend gehoben. -Die Lage für alle übrigen Kategorien ist unverändert. Jir Frankreich sind die Aussichten für Bergarbeiter, Schlosier und Tischler wesentlich günstiger. -Ob infolge vielfache antisemitischer Angriffe von allen mögliciten Seiten Velschärftingen sich ergeben können, läßt sich noch nicht übersehen. Auf jeden Fall dürfte es gelingen. die cntßheidcndcn Stellen voir der Notwendigkeit unseres Amtes, das sehr ivesentlich Emigrattonsamt ist, zu nierzeugen. . \ Köln. Am 15). September tagte die diesjährige ordentliche (Generalversammlung des Ostjüd. Jugend-Vereins „Haschaä)ar" in feinem .Heim, Beethovenstraße 16. Herr Eohn berichtete ülvr' die Tätigkeit des Vereins. Es tvurden mehrere Vorträge, Ausflüge, liier. Abende und ein jüd. Literaturknrsus veranstaltet, die alle gut besucht waren. Für den Nationalfond tvurden erheblickie Summen aufgebracht. Die zion. Arlteit gipfelte in der Gründung einer Chaluzimgrup^, die in 14 Tagen iwch Palästtira. geht. Den Kasienlvricht erstattete .Herr Neugeboren, den Bibliotheksbericht Frl. Todfeld, tst'ach der öfter sehr erregten Diskussion erteilte die Versammlung dem Vorstand Entlastuitg und schritt man zur Wahl des neuen Vorstcurdes. WeiiYihlt tvuredn die Herrfn David Cohn. I. Holländer. Frl. Chana Iurmann, I. Piperl>erg, N. Pschednotrek und Frl. Sandhaus. «iegburg. Am lö. Oktolvr l^egeht Herr S. Seclig die 2'». Wiederkehr des Tages, qn dem er seine Dienste als Lehrer sotvie als Seelsorger der hiesigen Gemeinde antrat. Während dieser Zeit hat sich der Jubilar innerhalb der Wetnciitbc unvergeßliciie Dienste erworben. Seirre ganze Kraft hat er für Werke der Wohltätigkeit für das jüdifclw Gemeiitdelei'en, soivie für die jüdischen Vereine verwandt. Alvr auch ülier seinen Wirkungskreis.hinaus ist er seinen