Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 71 (3.10.1920)
- Date
- 1920-10-03
- Page
- Seite 392 (sequence 4)
- Language
- German
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dajüdische Mertel in Warschau und machte» HmMucch. ' sychungen nach Deserteuren, man schleppte MSmier von SV bis 60 Jahren sowie Kinder von 12 bis 13 Jahren fort, hielt sie einige Stunden, manche einige Tage, fest und entließ sie dann. Biele blieben in Haft. Tie Hausdurchsuchungen wurden eine tägliche Erscheinung. Die jüdischen Bertreter in der Berständigungskommission' erhoben heftigen Protest; die Regierung versprach, auch in den christlichen Quartieren Hallsdurchsuchungen dorzuuehincn. Das galt bereite als ein Erfolg. Die dritte Sitzung der Kommission bewies mehr Neigung zur Verständigung. Tie jüdische Presse faßte Hoffnungen. Die .polnische Presse jedoch verschwieg, wie schon' vorher, die Sitzung und erwähnte die ganze Verständigungsaktion mit keinem Wort. Eine Ausnahme bildete nur das Organ der Sozialdemokraten, der „Robotnik". Die Hausdurchsuchungen nahmen einen furchtbaren Charakter in den jüdischen Vierteln an. Schließlich rersprach die Regierung. Milderungen eintreten zu lassen, auch auf die Presse, die fornvährend gegen die Juden hetzte, mäßigend einzuwirken, (inen Aufruf zugunsten der Juden zu erlassen üsw. Es geschah nichts von alledem. Die polnische Presse begann nunmehr die Kommission heftig anzugreifen. In den Straßen ging es wie bisl-er fort, man schnitt Juden die Bärte ab. warf sic aus den Wohnungen heraus und io fort. t-chluß folgt.) Crenderl. Eine Geschichte ans Böhmen von Leopold Ko m perl. iJorlsehung.I Damals jagte ein „gejckteit Jüdel" in der Gasse. Hirsjh Blaser genannt, weil er am Neujahrstage gewöhnlich den „Schofel" (Horn des Widders) blies, von dem Knaben: „Sie machen aus dem Kinde ein Trenderl! Sie halten die ' Schnur in der Hand, aber da» Trendcrl muß herumspringen und weiter schnurren, wie's ihnen nur iw den Sinn komnjt. Bald zu dem. bald zu jenem muß cS kollern und hat keine Ruh. Es tut gar nicht gut, wenn man auS einem Menschen ein Tiendcrl inacht." Eines Tages wanderte der Schlosscrlehrling die große Heerstraße, die »ach der Residenzstadt führt;'man schickte" il>n dorthin; ein Schleiden an den grpßen Hgndwcrkerverein empfahl ihn seiner Sorge und enthielt di« Schicksale des Knaben von feinem ersten Beginne in dtr Schlosserirerkslälle bis zu dem Augenblicke, wo man ihn, uin jedem Vorurteile auszuweichen. nach Wien ziehen lassen mußte. Seil jener ^eil blieb der Knabe verschollen. Nur das eine hatte man geholt, daß er bei einem tüchtigen Meister i» der Residenzstadt in die Lphre gekommen war- Die Berichte des Wiener Handwerkervereins über den Knaben lauteten höchst befriedigend. Spätere Nachrichten ließen ihn aus einer großen Wandelung tünch Deutschland und Frankreich begriffe» sein; in der (hasse hatte man sich getvöhnt. mit Hirsch Blaser zu lagen: Trenderl Schlosser ivird sich bis ans Ende der Welt fortkollern; es dachte niemand mehr an seine Rückkunft. Da kam er eines Tages. Mitten in der Gasse schlug er seine Werkstättc auf. schon am achten rage hämmeric und pochte cs dort, und sprühende Funken fuhren zur Esse heraus. Do: erste Schlag auf dem Amboß klang tvi« Musik an Einouuels Ohre»; en war an diesem Tage überaus selig. * Aber schon haben >rir erfahren, tvelckw Augen vor dem Marine» de» Schlosser» sich nicht schließen.konnten! So sprach Hirsch Blaser, das gescheite Jüdel. auf gess.n Worte in der Gemeinde ein großes Gewicht gelegt wWchA anfclMt WHee gesprochen hatte, das wurde bald das allgemeine Stichwort in der Gaffe. Man hatte plötzlich für den armen Schützling des Handwerkervereins keinen andern Namen, als — Trenderl. 3. Gewaltig Unrecht würde man aber der wackeren Frau Mindel antun, wenn man annehmen wollte, daß ihr sonst mildes Gemüt von irgend einem Hasse gegen den Schlosser erfüllt war. Nicht einmal, daß sie sein Hämmern und Pochen um den Schlaf brachte, hatte sie tvesentlich gegen ihn gereizt. Sie hatte nur eines gegen ihn, und das brachte sie nicht aus dem Kopfe. Sie tvußte nämlich, daß Ti.enderl in einigen Tagen auf der neugebauten Synagoge einen Blitzableiter zu befestigen habe, und das war es, was sie gegen ihn und die ganze Welt jo bitter »lachte. Jeder Schlag, der drüben in der Werl stätte ei scholl, ging ihr w ie eine Todesahnung durch die Seele; denn sie konnte des Gedankens sich nicht erwehren, chaß es um des Schlosseis Leben gehe, wenn er. einmal hoch oben auf dem Dache säße, der Schwindel ihn erfaßte und ihn hcrabwürf^ in die bodenlose Tiefe. Als der Doktor ain folgenden Tage nach jener Nacht in das HauS des reichen Schalem Brandeis kam, wo seine testen Fieundc in der Gasse wohnten, fcurd er das garrzc Wesen der guten Flau in einem beunruhigend aufgeregten -Zustande. Ihre Augen glänzten von einem übernächtigen Feuer, auch ihre Wangen ivaren fieberhaft gerötet. Auf die mit Besorgnis ausgesprochene Frage, ob sie sich nicht ganz gesund fühle, antwortete sie gereizt: „Ich Hab eine ganze Schlosserei im Kopf, und da soll Jd, mich gesund fühlen?" Emanuel kannte die Abneigung der reichen Frau gegen die Handwerker: lächelnd sagte er: „Wollen Sic deirn die armen Leute gar nichts verdienen lassen, Frau Mindel? Und wenn es etwas lärmender zugcht? Er hat davon sein Brot." „Ein anderer dürfte mir das nicht sagen", cntgegnete sic böse. „Ich soll armen Leuten ihr Brot beneiden? Die Welt weiß vielleicht nicht, daß Scholem und Mindel Brandeis in einem Tage mehr Almosen austeilen, als mancher andere in vier Wochen verdient?" . „Auch wenn man sich über die Art beklagt. in der der Anne sein Brot verdient, kränkt man ihn", sagte Emanuel ernst. Ergriffen von diesem Tone erwiderte die Frau: „Mit einer solchen Rede richten Sie bei Mindel Brandeis nicht aus. was auf ein Quentchen geht. Die Welt weiß, was sie von ihr zu halten hat, und Sie, Herr Doktor, auch. Mindel Brandeis ist kein bös' Weib, ender zu gut, denn wenn sie das nicht gewesen iväre,- in seinem Leben tväre aus Trenderl kein Schlosser geworden." „Sondern ein armer Torfgeher", fügte Emarmel mit 1 einer gewissen Bitterkeit hinyu, „den hört man freilich nicht hämmern; der stört den Schlaf nicht. Ire»» er draußen auf der Landstraße hinschleicht, oder auf fernen Märkten jeiire wohlfeile Ware änpreist." * 1 „Aber einen Menschen zwingen, daß er auf ein hohes ' Dach hinaufstcigt, einen.Menschen dazu „auSlerncn", daß er Gott rersucht, einen Blitzableiter ihm in die Hand zu gcbelr und sagen:-Da steig hinauf und Probiers, ob dich Gott nicht tot hinuntcrwirst, dazu muß man ein bös' Weib sein, die das für eine Versündigung hält, und nicht schlafen darüber kann! Ich weiß, die Männer beten alle Tage in der Frühei Ich danke dir, mein Gott, König der Welt, daß du mich hast einen Piann werden lassen! Dafür danken und losprcisen aber die Weiber, daß sie Gott nach seinem Willen und nicht anders geschaffen hat, denn ein Mann uhuc ich nimmer geworden." „Sie würden vom Handtverk dann ganz anders denken", jagte Emanuel, den die Worte der Frau ganz eigentümlich erfaßten, rerlegen. iJortsetzung folgt.)