Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 70 (1.10.1920)
- Date
- 1920-10-01
- Page
- Seite 384 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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in den Bann legen wollen. Und der alte Magid klammerte sich an die neuen Gemeinden, wie «in Ertrinkender sich an einen Strohhalm fcsthält, und der Haß. der Zorn gegen die neuen Prediger, die ihm sein Brot vom Munde Wegnahmen, verhalfen ihm dazu, «ine neue Predigt, die siebente, zu erlernen. Und dies« sagte er in vielen Städtchen her, schmähte die neuen Prediger, die Ketzer, welche Ketzerei u»ter den Juden verbreiten. Oft grämte er sich zwar darüber. Wer weiß, ob er nicht durch diese Predigt jene Welt verlieren werde. Wie? Er spricht doch gegen Palästina, gegen di« Ansiedlung von Juden im Heiligen Lande, wo jeder unter seinem Feigenbaum und unter seinem Wcinstock sitzen wird und sorgenlos, ohne Kopfzerbrechen, ohne neue Predigten erfinden zu müsicn, um das Stückchen Brot verdienen zu können, ruhig leben wird. Er beruhigte sich jedoch mit dem Gedanken. daß viele andere Rabbiner auch den Zionisten grollen. Gewiß wisien sie aus dem Talmud, daß die Juden im Golus sein müssen — und er hielt wieder seine Predigt. Aber di? siebente Predigt war von kurzer Dauer. Als er cinimAin ein Städtchen kam und um Minchazeit den Almemor bestieg, um seine siebente Predigt zu halten, da fühlte er auf einmal, daß die Schul' in Aufregung sei^ Er fühlte, daß sein Ende gekommen sdi. Die Zuhörer waren mit seiner siebenten Predigt unzufrieden. Und mit einem letzten Rest von Mut, der ihm noch übrig blieb/rief er in einem Tone, in dem er einst über die Hölle zu sprechen pflegte: „Die heutigen Ketzer wollen Mcssiasv mit Gewalt bringen, sie tragen weiße Brusthemden, scheren sich den Bart...." Aber er kam nicht zu Ende. Der Schames ging auf ihn zu und sagte ihm: „Reb Magid, das Publikum verlangt, daß Sie ihre Rede schließen." Er wurde bleich, die Zunge erlahmte, mit einem beklommenen Herzen wendete er sich zum Thoraschreinc, küßte den Vorhang und schritt niedergedrückt hinunter. Er verließ für immer die alten Predigten — und die neue, die siebente.... Und mit der Zeit verging auch sein Zorn. Er sah ein. daß es doch nicht angehe, daß die Juden im Golus sein sollen und sich hinschlachtrn lasten, nur damit e r sein Brot habe. Er muß zwar noch die jüngste Tochter verheiraten und die Zionisten hätten gut getan, nur noch ein paar Jahre mit den neuen Predigten zu warten.' Aber .Gott wird gewiß helfen, und die Juden sind trotz der neuen Predigten doch, noch ein feines Volk. Wohin er nur hineingcht, weist man ihn nicht ab. Jeder gibt einen Groschen oder eine Kopeke. In einer Hinsicht ist es jetzt sogar noch bester. Früher lvarf man ihm häufig hinter seinem Rücken in den Teller glatte Münzen hinein, ohne daß er es wußte, jetzt aber, wenn er selbst in die Häuser kommt, achtet er genau darauf. Und nur selten schiebt man ihm eine glatte Münze unter. & j Verspätet. Bon A. «ei fen. In trautiger Stimmung und ganz hoffnungslos sah Antosch den Herbst in seine Bauernhütte eiuziehen. Da singen die Tage an kürzer und die Abende länger zu norden und in seiner Hütte gab cs kein Petroleum mehr, um das lvschcidcne Lämpchen zu füllen; seine Frau Nagte auch darüber, daß der Vorrat an Salz dem Ende entgegengehe; auch Seife gab es nur sehr wenig und mit dem Pfeifentabak dürfte er ebenfalls in tvenigen Tagen fertig werden. Und Antosch räusperte sich, spuckte und murrte unzählige Male täglich: „Kein Salz, keine Seife, keinen Tabak; nichts haben, wir. Schlechte Geschäfte!" Aussicht auf Verdienst hatte Antosch im ganzen Dorfe nicht. Der einzige Dolfjude war selber arm und hatte keine Arbeit zu vergeben. Für Antosch gab es nur noch eine Hoffnung. Vor dem Laubhüttenfeste werde er einen vollen Wagen Reisig ins Städtchen führen und ein hübsches Sümmschen dafür heimbringen. So machte er es alljährlich. seitdem er sein abgemagertes Pferd um den Kaufschilling von sechs Rubeln am Markte erworben hatte. .LSann habt ihr Laubhütten?" ivandte er sich täglich mit der gleichen Frage an den Dorfjuden. „Noch Zeit, gab ihm der Jude täglich zur Antwort. „Aber wann endlich?" drängte Antosch eines Tages. „In einer Woche," antwortete der Iglde, ohne zu ahnen, wie sehr es Antosch nottat, das zu wissen In Wirklichkeit waren cs nur mehr fünf Tage vor dem Laubhüttenfeste und Antosch hatte mit kaufmännischer Genauigkeit ausgerechnet, daß cs am besten sei, zwei Tage vor dem Feste Reisig in die Stadt zu führen Dies war bereits der erste Feiertag .... Er stand früh auf, verzehrte sein trockenes, in Salz getunktes Schwarzbrot und trank ein Maß Master dazu, dann spannte er 4tm mageres, ausgehungertes Pferd an den Wagen, nahm seine Hacke mit und fuhr in.den nächsten Wald. »:r hieb gierig auf die Aste loS. Er suchte freilich en und längsten aus. „Beffere Ware wird leich- Mann gebracht!" dachte er und der Wagen füllte sich und »vard immer höher und höher. Er rechnete auf einen Erlös von mindestens drei Gulden und eS schien ihm noch immer za wenig und er hieb weiter und legte noch einige Aste auf den Wagen. Dieser konnte nicht mehr fasten und Antosch besah ihn von allen Seiten und lächelte zufrieden. „Es wird genug sein!" brummte er und ließ dem Pferde die Zügel frei. Kaum aber war er einige Schritte gefahren, blieb er wieder stehen und betrachtete , abermals den Wagen. „Und vielleicht ist es zu wenig?" fragt« er sich ängstlich und hieb noch fünf Aste ab, dir er auf den gefüllten Wagen legte, und fuhr weiter. Langsam, Schritt für Schritt fuhr er dahin und ebenso langsam bewegten sich die Gedanken in feinem Kopfe, als ob sie mit dem mageren Pferde gleichen Schritt halten ivollten. Antosch rechnete, wie viel Salz und wie viel Seife, wie viel Petroleum und wie viel Tabak er für den Erlös seiner Ware bekommen könne. DaS Rechnen ermüdete ihn endlich nnd er beschloß, dasselbe aufzuschieben, bis er das. Bargeld haben werde. Dann tverde daS Rechnen viel leichter vostattcn gehen. Als er aber in die Stadt kam und sah, daß die Laubhütten mit Reisig bedeckt waren, fühlte er eS wie einen Stich im Herzen. Es schien ihm. als ob sich die Laubhüttezr und die Häuser im Kreise um ihn drehten und tanzten. Er tröstete sich jedoch mit dem Gedanken, daß er jährlich bei der Einfuhr in die Stadt viele Häuser gedeckt finde. Die einen decken ftüher, die anderen später zu. Die Späteren ^zahlen auch bester. Ich werde höhere Preise fordern! beschloß er, während ihm vor Angst bange ward. Er fuhr weiter. Vor einem Hause ständen zwei jüdische Frauen, deuteten mit dem Finger nach dem Wagen und lachten laut. „Warum lacht ihr?" fragte Antosch ertegt. „Weil du zu früh Reisig bringst" — antworteten sic lachend. „Wie denn zu früh?" ftagte er erstaunt. „Zu ftüh... zu ftüh..." lachten die Frauen. Pfui — spuckte Antosch aus und fuhr tveiter. Er dachte: „Hat doch Berko selbst gesagt — in einer Woche; ich komme ja bloß um zwei Tage früher." Kalter Schweiß bedeckte ihn, als er daran dachte, er könne sich in der Rechnung nach Berkos Angabe geirrt haben. Es ist ja möglich, daß er die Tage schlecht gezählt habe. Er habe sich verspätet! Gewiß; alle Hütten sind bereits mit Reisig bedeckt... Er wird kein Salz haben, keinen Tabak; keine Seife und kein Petroleum... Traurig folgt er den langsamen Schritten seines trägen Pferdes, das gleichsam wie aus Mitleid mit seinem Herrn den müden Kopf sinken läßt. Indes gehen die Juden .scharenweise aus den Bethäusern in Festkleidern mit den Gebetmänteln und Gebetbüchern in den Händen. Als sie den Bauer mit dem Reisigwagcn erblickten, sahen sie ein-