Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 69 (24.9.1920)
- Date
- 1920-09-24
- Page
- Seite 376 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Itnm Ausübung wegen bon btn CH<mtmly«fni mdft nber Weniger gescheut unb Mmifbra toArbfn. , Wan fühlte sich geehrt, baß man aus so weiter Ferne ihrer gebacht, und schon um dieser Ehre willen, und damit nicht ein anderer zuvorkomme, wurde nach kurzem Lernten beschlossen, sich mit der Residenzstab« in Verbindung zu sehen, und dem großen Vereine die „Konstituierung" der Filiale geziemend anzuzeigen. TamalS wachte in der Gemeinde ein schöne» Herz aus langem Winterschlaf« zu einem neuen Frühling aus und entbrannte in lichter Glut für die Verwirklichung der Idee, die al» fliegendes Blatt von Wien auSgegangen war und ihm al» Offenbarung'einer neuen Zukunft galt . . . Doktor Emanuel Prager trat z>rm Erstaunen aller, die nur von seiner ärztlichen Wirksamkeit in der Gemeind« zu berichten wußten, auS feiner bisherigen Schweigsamkeit plötzlich hervor, und bewies den Vorstehern in verebter Sprache, wie hier ctivaS getan werden müsse, und daß eS eine himmelschreiende Ungerechtigkit und Versündigung an der nächsten und selbst an der noch um unS wandelnden Generation sei, wenn man hier zurücktreten wolle, wo sich eine so schöne Gelegenheit darbiele, zu zeigen, .war a» einem ist." Der Doktor wurde einstimmig zum Vorsitzer, oder wie eS in der dtntschrn Sprache wohlklingender heißt, zum Präsidenten der Filiale ernannt; feine leitenden Gedanken sollten den Verein beleben, erhalten >i»b sortpslanzen; mit Geldmitteln wollte man nicht kargen, wurde ihm von allen Seiten zugesagt. So ivard der Verein wirklich in» Leben gerfuen. Man beauftragte ferner den Doktor mit der Antwort an die Wiener Männer, die zugleich ein Tank- und BestimmungSschreibcn sein sollte. In welcher Weise der Doktor diesem Auftrag genügte, mag a»S folgenden Stellen hcrvorgehen, die wir uns nicht enthalten können, hier mitzuteilen. Emanuel schrieb: „Mit der innigsten Freude unserer Seele» begrüßen wir Ihren schönen Gedanken, wackere Männer, und flehen zum Himmel, er wolle zu dessen Verwirklichung seinen Segen geben. Muß es »nF nicht freuen, wenn wir hier ä»S der Mitte jüdischer Männer eine Tatkraft sich entwickeln sehen, die gegen den Borwurf, der unS tagtäglich gemacht wird, den der unproduktiven Berufe so glorreich austritt? Unscr Volk hat cs verlernt, zu arbeiten, und daS ist die Geschichte seines ganzen Leidens. Rur darin liegt der Schlüssel zu all den Vorzügen, aber auch den Fehlern unserer Nation. Es gibt keine Trunkenbolde unter unS, sagen wir selbst, aber ist unsere Mäßigkeit im Essen und Trinken wirklich so hoch anzuschlagen, alS rttva der Hang unserer christlichen Handiverkcr und Bauers zu diesen menschlichen Verirrungen wieder nicht genug zu verachten ist? Ist eS nicht wahrhaft grauenhaft, daß unter Millionen Tahingrschiedcner und im Lause von Jahrhunderten Begrabener so wenige die Seligkeit jener Empfindungen kannten, wie sie der Zimmcrmann empfindet, wenn er hoch oben auf dem Karste des Daches den buntbcbänderten Blumenstrauß aufpslanzt, und seinen Spruch dazu hersagt, und mit einem qeivaltigen Wurfe da» weingclecrte Glas unter die Leute wirst? Äeiß jemand von unS, was die Brust deS MaurcrS sd hoch aufpochcn macht, daß, auch er es gewesen, der an dem herrlichen Gebäude seinen Teil gemauert und die Idee des Werkmeisters ansführe» geholfen habe? Und zuckt nicht jede Wimper unseres Volkes vor dem bloßen Anblick, wenn der» Schlosser an der Turmspitze der Kirche einen Blitzableiter anbringt? Unser Volk hat mit denl Vrluste seines Landes und seiner Scholle die Kühnheit des Auges und der Hand verloren, eS muß sie wieder gewinnen. Nur wer kühn, ist auch heiter. Kanne denn auch die Hand, die sich , scheu», daS heiße Eisen anznfassen und ans dem Amboß zu formen, eS wagen, nach dem vollen Trinkglase zu greifen? . Setzt nicht beides ein gewisses Mntigsein voraus? Und wie sollte das Auge, daS da ni gelernt hatte, von den Zinnen eine- Turmes herab den Abgrund zu ermessen, der ihm zu Füßen liegt, frei und unbefangen i» ein andere- Mcnschcnaugc blicken könne»? Macht man »nS nicht den 'Vorwurf der Kriecherei, der Demut, deS SchleichenS und BückenS? Tie Hand und das Auge des Volkes müssen stärker und kühner werden, soll man nicht überhaupt an seiner Zukunft verzweifeln . . . Wir habe» hier in der Gemeinde auch Handwerker: Schneider zumeist und Goldschmiede, aber sie schauspielcu ihr Handwerk, und ■ bei der ersten günstigen Gelegenheit legen sie Schminke und MaSke sogleich ab. ES ist ein widriger Anblick, diese Leute in der Halbheit ih'reS Berufes zu betrachten. Ter Schneider sitzt nur darum auf seiner Bank so emsig 6) abmühend, weil er in sich schon best künftigen Tuchhäudler ahnt, der draußen „unter den Lauben" sein Gewolb' auffchlagc» wird, und der Goldschmied bläst nur darum fast über sein Bedürfnis in das Lötrohr und hämmert und schmiedet, weil ihm der Jutmlenkasteii mit funkelnden Ringen und Ketten schon vor den Auge» siebt. Tic echte Freudigkeit am Handwerk, jenes schöne Wallen zwischen ilkuhe und V eit kennen sie nicht; . daS Handwerk ist ihnen nur Envcrben, nicht der Erwerb selbst; es ist ihnen ein vorübergchender Zustand von Mühen und Drangsal, und wenn das Auge unserer Handwerker im Sterbe» bricht, fällt eS nicht gerne auf die Werkflättr ... ES ist bedeutungsvoll und fast nicht ohne Ahnung geschehen, daß König Salomo zum Aufbaue seines Tempels fremder Hände und Künstler bedurfte. Wir lassen uns auch unsere Synagogen bauen; unser.Volk ist überhaupt noch immer der MietSmann dieser Erde; wir lasten alle» für uns bereiten, ausschmücken und zahlen nur den Mietzins dafür. Sollte denn der Borwurf, daß der Jude.keine HFlmat ha«, so «»begrünkNset»?. Kan» er eiao ei »lg« HW« «*• feie» Vaterlandes nennen, die er selbst gebaut? . . ." Es war «in leicht verzeihlicher Irrtum jene» Herzeus, de« diese Zeilen eutsprangen, daß es iu diesem Briefe wort« und Ansichten im Namen e«ner Menge aussprach, die nicht die ihrigen waren. Handwerker wolle man hahen in der^Gemeinde, .hieß es von allen Seiten, denn zuletzt habe das „Dorfgehen" doch auch keine» rechten Grund mehr. Der Kaufmann in den Städten gebe die War« schon so billig, daß eS rin Spott auf den gesunden Menschenverstand wäre, wenn der .gemeine Mann" nicht lieber zu Hause bleibe und ein Handwerk vorzöae. das ihm „Nahrung bringt". Wozu aber ein Jude einen Tachstuhl zu besteigen brauche? Oder «inen Blitzableiter zu befestigen? Ob man dadurch vom Einschlagen dis Donner» bewahrt werde? . Solcher Fragen, die häufig mit finem mitleidigen Lächeln auf Emanuel verbundrn waren, erschollen von vielen Seiten. Namentlich von den Frauen in der Gaste erfolgte gar bitterer und heftiger Widerspruch. Wenn man nicht wüßte, hieß es, daß der Doktor selbst der Sohn eine» armen DorfgeherS sei, man müßte meinen er wolle nur darum auS den Kindern Handwerker machen, damit sie nicht „Dorfgrher" würden wie sein Vater, und dem gleichsam inS Handwerk ringriffen! Zugeben würde da» keine jüdische Mutter, ihr Kind wie eine Katze auf de» höchsten Dächern herumgehcnd zu erblicken — und doch waren daS dieselben Stimmen, die tagelang in Frost und Hitze, in Schneegestöber ^und sengenden Sonnenbrand auf den Märkten ihr kupte, kupte lacinyi jkauft, kauft wohlfeil) schrien! Wenn der Doktor durch diesen wohlgezielten Widerstand eUtmutigt, die von ihm für so heilig angesehene Sache hätte fallen lasten, wen konnte die» in Staunen setzen? Man ist ehnn geneigt, der bleiernen Roheit deS Vorurteils sich enlgegenzusetzen und Schritt für Schritt d«S gewonnenen Erdreiches abzuringen; aber eS ist ein kühnes Wagnis, dort kämpfen zu »vollen, >vo eS, wie eS hier geschah, die weichen Töne de» GemüteS spricht. Aber Naturen, die einen so harten Kampf durchgerungen, wie ihn uns Emanuel entsagende Tat dargetan, bringen alS SirgeSbeute gewöhnlich eine gewiste Herbheit davon, die gerade gegen die Forderungc» des Gemütes am entschiedensten austrttt. Sie wissen cs auS Erfahrung, daß man vor diesen Syrencnklängen wie jener irrende König die Ohren verschließen müsse. sFortsetzun, fotgM Kim Kerg und Tal. fmc Illllllllllliiiüüs DD Hamborn. Am Montag, 13. ds. Mts., fand während des Hauptgottesdienstetz anläßlich des Neujahrsfestes die Enthüllung der Gedenktafel zur Erinnerung an die im Weltkriege gefallenen Söhne der hiesigen Synagogengemeindc statt. Ernst und schlicht war die Feier, ganz der Stimmung des Tages und der Bedeutung desÄktes entsprechend. Vorsteher Marburger übergab namens der Körperschaften die kunstvoll ausgcführte Tafel der Gemeinde mit dem feierlichen Gelöbnis, daß das Andenken an die für das Vaterland Gefallenen in der hiesigen Synagogen-Genieinde stets fortlcben weü>e. Prediger Dr. Eschwege nahm hierauf die'Gedenktafel im Namen "der Gemeinde entgegen und dankte Vorstand und Repräsentanz, für das würdige Denkmal, durch das die Namen der uns zu früh entrissenen Helden im Gotteshause verelvigt seien. Wohl habe dir Gemeinde noch manches Mitglied verloren, das ebenfalls als ' Opfer des Krieges zu beklagen sei; die Tafel enthalte jedoch nur die Namen der auf dem Kampfplätze Gebliebenen; doch lverde auch die Erinnerung an die nicht genannten Kriegsopfer innerhalb-der Gemeinde stets fortlcben. Der Seelsorger teilte in seiner Ansprache mit. daß nach der von Ihm geführten Statistik 78 Gemcindcmitglicder zum Heeresdienst cingczogen waren; von diesen waren 60 an der Kampffront; 2ß erwarben das E. K. 2. Klasie, 11 erhielten andere Auszeichnungen. Ein Scclengebet beschloß die ernste Feier. Wiesbaden. Vom 20.—22. August, fand hier unter zahlreicher Beteiligung der Delegi^rtentag des Hessischen Landesverbandes der Neutralen Jüdischen Jugendvcrein« unter zahlreicher Beteiligung statt. Die Veranstaltungen begannen mit einem wohlgclungenen Freitag Abend im Hotel Kronprinz, auf dem der Vorsitzende des Wiesbadener Vereins, Herr Lehrer Capell, dic Erschienen begrüßte und eine Reihe von Vorträgen, vor allem «in von den L Kantoren der Gemeinde gesungener dreistimmiger „Jom sch