Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 69 (24.9.1920)
- Date
- 1920-09-24
- Page
- Seite 375 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Bickmeft. Vor einiger Zeit hat der Minister des Innern Argentojanu die Einreise der geflüchteten jüdischen Pogromopfer der Ukraine nach dem jetzt rumänischen Bessarabien gestattet, die Bewilligung jedoch nach zwei Wochen rückgängig gemacht, so daß niemand jetzt das Recht besitzt, sich aus der ukrainischen Pogromhöhle nach Bessarabien zu retten. Mehrere hundert Flüchtlinge, die keine Aufenthaltsbewilligung haben, sind der Gefahr ausgesetzt, über den Dnjestr zurückgejagt zu werden. Eine Anzahl anderer ist im Armeekommando interniert und läuft gleichfalls Gefahr, über die Grenze geschafft zu werden, wo ihnen der grausame Tod droht. Budapest. Nach der Hetzjagd Argen die jüdischen Hochichülcr kommt nun programmgemäß die Verdrängung der Juden aus den M i t te l s ch u l e n. Minister für Kultus und Unterricht Stephan Haller erließ vor-kurzem eine Verordnung, wonach die Aufnahme in eine ungarische Mittelschule •— die bisher nach Absolvierung einer vierklassigen Volksschule automatisch erfolgen konnte — von nun um an eine Aufnahmeprüfung gebunden sei. Vorige Woche haben denn auch die Aufnahmeprüfüngcn für die Gymnasien und Realschulen stattgefundcn, und zwar mit dem Ergebnis, daß 90 Prozent der in Budapest sich meldenden jüdischen Schüler, und Schülerinnen zurückgewiesen und auf solche Weise aus der Mittelschule ausgeschlossen wurden. Italien. Florenz. Dr. Umberto Bassuto, Profesior am Rabbiner-Seminar und an der Universität, erhielt für sein Werk „Geschichte der Juden in Florenz während der Renaissance"^ von der Academio de! Lincei in Rom den „Königlichen Preis für Geschichte" im Betrage von 10 000 Lire. Der Preis ist die höchste wissenschaftliche Auszeichnung in Italien. — Argentinien. Rewyork. Die Jüd. Gazetten Hierselbst bnnt einen Spezialbericht über den gegenwärtigen Stand der jüdischen Kolonisation in Argentinien und kommt zu folgendem Ergebnis: .Trotz der Unmenge verwendeter Millionen Baron Hirschs zählt heute nach 30 Jahren kolonisatorischer Tätigkeit die jüdische Landbevölkerung Argentiniens nur gegen 25 000 Seelen. Falls die „Jca" keine neue Einwanderung in die Wege leitet, werden in 10—15 Jahren die jüdischen Kolonien langsam verschwinden und in die Hände von Nichtjuden kommen." Der Berichterstatter sieht den Grund für den Mißerfolg in der Beamtenschaft der „Jca" und ihren Methoden, die den Kleinbauern nicht fördern. Amerika. Rewyork. (I. C. B.) Die American Federation of Labour, die bekanntlich die Emigrationseinschrönkungen unterstützte, hat letztens ihre Haltung in der Eimvanderungsfrage gründlich geändert. Auf der letzten Konvention hat sie beschlossen, im Newyorker Port ein spezielles Arbeiter-Emigrationsbüro zu gründen, mit der Aufgabe, die ankommenden Arbeiter gleich zu organisieren und ihnen ein entsprechendes Arbeitsfeld zuzuweisen. Auf diese Weise solle einerseits die Konkurrenz und die Herabdrückung des „Standard oflipina" des amerikanischen Arbeiters, andererseits die Uberfüllung gewisier Industrien verhütet werden. Die jüdische Arbciterwelt in Amerika, die ihren guten Teil an dem Zustandekommen dieses Beschlusies hat, begrüßt mit großer Genugtuung diese neue Wendung, denn von nun an wird der jüdische Arbeiter-Emigrant bei seiner Ankunft im Hafen nicht mehr schütz- und rechtlos dastehen, sondern sowohl in rechtlicher als auch in wirtschaftlicher Hinsicht eine wirksame Unterstützung finden. London. Die englische Regierung hat eine 48 Seiten starke Broschüre „Zionismus" herausgegeben, verfaßt unter Leitung der historischen Sektion beim Außenministerium, worin ein kurzer objektiver Überblick über die Entwicklung des Zionismus seit den biblischen Zeiten bis auf die Gegenwart aegeben wird. London. Di« zionistische Organisation läßt in den Blättern «inen dringenden Hilferuf zm Leistung von Synagogenspenden an den hohen Feiertagen zugunsten der in Palästina ankommenden Chaluzim ergehen. Telegramme vom 8., 22. und 31. August aus Jerusalem melden die Ankunft von mehreren tausend Juden, für hie keine Vorsorge getroffen ist. sodaß, wie eS in dem letzten Telegramm heißt, eine „Katastrophe droht". Die Hemmung der Einwanderung aer wäre isi diesem Augenblicke unheilvoll (would prove disastrona). PalSsti—. Jerusalem. Im Bankhaus Diskin u. Kaplan fand eine Zusammenkunft von Kauflcuten und Notabeln Jerusalems statt zwecks Besprechung von Mitteln und Wegen, um durch Gründung neuer Kolonien Arbeit für die ersten Chaluzim zu schaffen. In der regen Diskussion wurde vor allem betont, wie wichtig es sei, die letztens stark überhandnehmendc Auswanderung aus Palästina zu verhindern. . Rewyork. Der palästinensische Agronom Wilkanski. der die kalifornischen Verhältnisse an Ort und Stelle studiert hat, kehrt nunmehr nach Palästina zurück. Er dürfte die Einführung mancher kalifornischen Einrichtungen in Palästina befürworten. (I. P. Z.) - Crendert. Eine Geschichte auS Böhnjen von Leopold Sompert. ToS Hämmern in der Werkstättc dauerte noch in die späte Nacht hivein, biS eS endlich schwieg. Erst jetzt, wo man wieder „sein eigen Wort" vernimmt, wie die wackere Frau Mindel in solchen Augenblicken zu sagen Pflegte, können wir un» auch unserer Pflicht entledigen, und über all das Gesagte und Getane jene Andeutungen geben, deren Fäden unS sonst unter der Hand entrinnen würden. Wir täten unferm Schlosser gar keinen Gefallen, wenn wir verschweigen wollten, daß er seinen Peiuamcn „Trcnderl" eigen»- lich seinem Handwerk« zu verdanken hatte. Trcnderl ist nämlich die Bezeichnung jenes schnurrenden Spielzeuges der Kinder, das fast » unsterblich geworden ist und seit undenklichen Reiten unter diesem Namen im Dichten und Trachten jede» kindlichen Gemütes liegt. Wo ist da» Kind, dessen lebendigste» Wünschen nicht nach einem Trednerl ginge? Wir wissen e» sehr gut, „Trenderl Schlosser" wird vor Freud« Noch einmal so kräftig, als er fönst pflegt, auf den Amboß schlagen, wenn er hört, daß wir keine Scheu genommen, ihn allcrwärtS kenntlich zu machen; denn wenn er auch mit seinem Wanderbuch und seinem eigentlichen Namen Wolf Turnauer fast die halbe Welt durchpilgerte, so dürste man seinen eigentlichen Namen doch nur da kennen, wo er ihn empfangen hat. Trenderl war. was so viele in unserer assoziation-lustigen Zeit sind, da» Geschöpf eine» Vereine»; er war au» einer Filiale de» Wiener Handwerkervereine» hcrvorgegangcn, gewissermaßen also da» Kind unsichtbarer Mächte, die von der Residenzstadt au» ihre väterlichen Arme nach ihm auSstreckten. Eine» Tage» flatterten nämlich, adressiert an den „nwhllöblichen" Gemeindevorstand einige Pogen bedruckten Papier», „Statuten" genannt; neben angeschlossc» lag ein Brief mit einem großen Siegel daran, und bedeckt mit den Unterschriften einiger bekannten Wiener Glaubensgenossen, und dieser Brief enthielt die Aufforderung, beiliegende Statuten einer näheren Prüfung zu unterziehen, und im Falle man sich von deren Anwendung auf die Gemeinde ersvrießliche Folgen verspreche, einen „Jilialverein" zu gründen, der sich, dem großen in der Residenzstadt anzuschließen habe. In eindringlicher Sprache machten di« trcsfliehen Wiener Herren auf die Bedeutung de» Handwerks in beu Gemeinden aufmerksam, und wie man sich der Hoffnung hingebe, daß man bei der Auswahl der Handwerke namentlich solche in Betracht ziehen werde, Me ihrer schwierigen Erlernung oder ihrer sel-