Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 68 (17.9.1920)
- Date
- 1920-09-17
- Page
- Seite 368 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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von seinen persönlichen Gegnern vorgeworfen wird. Im ltzegenteil hat er mit erfreuli.I.cr Objektivität, die nicht iw allen wissenjchaftlichen Mrciiin ihresgleichen hat. diejenigen Gelehrten zitiert, die vor ihm auf gleichen Bahnen geschritten sind und Bausteine für sein Ideenjystem geliefert haben; sämtlich hat er sic in seinen Lchriften zitiert und mit Anerkennung ihrer Pionierarbeit nicht gespart. Wenn Männer iric Ernst v. Laue. Nernst und alle bedeutenden deutschen Naturwissenschaftler t>edingungslos zu Einstein halten. so ist das tevhl der beste Betveis dafür, wie sehr sich die Berliner Antesciniten an der (Altung deutscher Wissenschaft versündigen. Gewiß ist zuzugeben, daß sich eifrige Populisatoren recht forsch an die iHrbcit gemacht haben, um in Zeitschriften und Leitungen die Weltbedeutung der Einstcinscl-cn Ideen zu verkünden. Wer aber Einsteins Lehrer- und ^dlscireitätigkeit aus nächster Nähe so gut kennt leie ich, der lwift, daß dieser stille und ernste Forscl-cr die ruhige wisienschasltiche Arbeit über a»es stellt und Mit davon entfernt ist. eilfertige Zeitung-schreiber aktiv zu unterstützen. Crenderl. Eine Geschichte auS Böhmen von Leopold Kompcrt. i. Tuich die stille sommerwarme Noch! dringe» gar sonderbare Tone an unser Cl)r; es ist das eiserne Dröhne» des Hammers ans eine» Amboß, ivas mir da hören; auch können wir sprühende Junten sehe», die zn einem Hanse heran» mille» in die Finsternis ihr leuchlende» »nd im Augenblicke wieder verlöschendes Jeiuzr iversen. Fast verwundert blicken wir um uns, ob da» noch dieselbe „Waffe" sei, »nd lranmhasi dünki nnS diese» Hammerdröhncn und Jcuerjpiühen an einem Lrle, de» unsere Kindheit mit ganz ander» Erinnerungen in ihre Seele cingezeichnel Hai. Tie Zeit ist eben eine andere geworden. Ter 2türm, der dnrch die Blätter der Menschheit fuhr, hat Wunderbares verrichtet; die getvaltige Naturkrait hat sich fast selbst übcrbolen. Hier hat sie iiiedergetisseu, dort die Trümmer tvieder zusammengetragcn und zn einem Ganzeg gefügt. Schwalben, die itn vorigen Jahre ihren Flug der' tväruieren Heimat ztigclenkt, finden heuer das alte Nest nicht mehr; sie flattern unruhig umher »nd sind mit eine Herberge versorgt. Tie Mauer, an die ge früher ihre luftige Wohnung gelehnt,' ist »»ter deni spitzen Brecheisen gesallen. 'Wo ist da» warme Nest'? Wo sind die Taglöhner? Und wird die neue Wand ihnen eine gastliche Stätte erläuben? Ans dem Hanse, zn den, früher der Hausierer seine brr-' schossencn Westenslvsse nnd K leidet stücke hinansslattern lieh, sprühe» jept die stinken der Schiniede-Esse, dröhnt der eiserne Hammer heraus. Uber dem Eingang hängt ei» vergoldeter, mit mannigsache» Zierraten versehener' Schlüssel, ziiin Zeichen, daß hier seines Getverkes ein Schlosser hantiert, itud dieser Schlosser ist in der „Gasse" geboren, nnd ist eben kein anderer, als unser — Trrnderl. Hartes, sprödes Metall ist au die stelle de», vergänglichen Zeuges getreten, nnd der Hauimer erseht die hölzerne Elle. Tenn die Zeit ist eisern getvorden, und mit wenigen Ansnahmen blitzt i» jedes Hand das spitze-Eisen ... Wir werden erst später erfahren, daj> der Name de» jüdischen Schlossers ganz anders lautet, als wir soeben angegeben. Begnügen >vir uns einstweiw» mit dem „Trenderi" — eS lvtrd vielleicht zur Bernhignng dieneii, wen» wir eingestel-e», daß der Träger dieses NamenS gär kcingü schimpf darin sieht, wenn man ihn so betitelt, ja daß er fast stolz daraus ist. Bier '.Ingen in dem qegenüberstehenden Hanse konnte» sich in dieser Nacht lange nicht schließe». Tie lürmendc Tätigkeit de» Schlossers dauerte bis i» eine späte 2tnnde. hinein und schien fast nicht enden z» wollen. Tiefes Hämnter» auf dem harte» Amboß glich deni Atemholen enes frischgeborcne» Menschen, der nicht müde wird, Leben ein- und ansznschlurten. Man vernühm eS fast, wie sich der Schlosser soincs Handtverks freute. Tie in >e»er Nacht kein . Auge schließe» konnten, waren der reiche Schotet» Brandeis und dessen Fra» Mindel. Ärgerlich sagte sie zn ihm: „Liehst du.' Schvlem, das hat man davon, tvenn man sich armer Leute Kind annimnit. Einen Schlosser habt ihr ihn müssen irerden lasse»? Ei» anderes Handwerk ist gar nicht dagrwescn ans der Welt? Zn einem Schneider war er gar nicht gut gewesen? Tie Nadel, die durch» Tuch fährt, die hört man nicht; aber ihr habt ihm den Hammer in die H«»d geben utüssen, und nun klopft nnd hämmert er, daß ich schier meine, mein Kopf hat Löcher bekommen, groß wie ein Hau». Zuletzt wird man wegen Trenderl noch ausziehen müssen, wer hält denn daS atztz?" 0 „Rarrcle", entgegnele ans diese Rede gähnend Schalem, „Hab ich wissen können, daß er sich einmal seine Schlosserei nnS gegenüber aufstelie» wird? Und hättest du denn eltvaS auSzusetzen, wenn er anderswo Hopse» und hämmern möcht?" „Ein Ind braucht kein Schlosser zu werden", sägte Mindel mit großer Bestimmtheit, „für den gibt es ganz andere Handtverke. Ist der Iud vielleicht dazu geboren? Hat er die gehörige Kraft dazu? Bei „ihnen" ist das freilich anders; die sind von frühester Kindheit dazu ansgewachsc», die können mit Heuer nnd Wasser, mit Eise» und Ltahl »mgehen. Hast dt, schon gesehen, wie ihre Kinder aüs die höchsten Bäume hinausklettern, daß eilten säst der Schwindel übcrkommt? Und unten steht die Mutter dabei und sieht zu? Meinst du, das. ist einer jüdischen Mutter eigen? Die kann ihr Kind zwischen-Erd und Himmel schtvebcn sehen nnd stirbt nicht vor Angst?" - „Tu siehst ja doch, daß es ihnen wohlbckomml", meinte nach einer langen Weile der Gatte. „Sic sind stark und gcivaltig, ein IudcnkiNd bläst der erste Windhauch weg." „Hätte mir Gott einen Sohn beschert, »nd den hätten sie mir zn einem Schlosser oder Schmied oder Maurer machen tvollcn, ich weiß nicht, tvas ich cndcr hält angcsangcn", eiferte Mindel. „Ich komm immer darauf zurück, die Handwerke passen für den Judcü nicht, die soll er „ihnen" überlassen. Ich frag dich nur eines! Hast du schon gesehen, daß so eiid^Ztmnicrmann öder Maurer, die tagtäglich uni einige Groschen ib? Leben wage», aus die höchsten Türme hinansklettern und eigentlich gar nicht ohne Testament ausgehen sollte», hast du schon gesehen, daß sic es zn ettvas bringen? Was hat so ein Maurer oder Zimmcrmann für all die Gefahr, in die er sich tagtäglich begibt? »an» er seinen Kindern ein Vermögen hinterlässen? Bettler sind sic, wenn ihm ein Unglück widerfährt, und der Strick, der reißt und ihn zerschmettert, zerreißt nnd zcrschmettert auch das Weib und die Kinder und alles, tvas zu ihm gehört." Tie Rede Mindcls überraschte den Mann gar sehr;''er hatte solche Worte »och nie ans ihrem Munde vernommen. „Tn Advvkatcnkops!" sagte er'lachend, „hättest du das lieber dcm Doktor Prager alles cingcstande», wie er daraus gedrungen hat. daß Trenderl ein Schlosser werden muß. Hört man dich reden, jo hast du recht, hört man tvieder ihn, meint man, Gott selbst könnt nicht anders reden. Ist der Doktor nicht auch ein Iud?" „Und was für einer!" rief Mindel mit begeistertem Tone,, „willst du mir sage», was das für einer ist? Nie hat ein Kind da» für seine Eltern getan, was er getan hat. Andere meinen: Iudscin ist alles, tvenn fies auch hinter dem Rücken sich'ganz anders atlSIege», aber einer bleiben, wie der eS geblieben, wie unser Toktor — ans der einen Seite steht ihm ein schönes? uird reiches Mäd che» aus einer der ersten christlichen Familien der Stadt, daS, mit ganzer Seele an ihm hängt, ans der andern sei» Vater nnd seine Mutter, alte Leute, die nicht lang mehr leben werden, und doch läßt er cndi'r von dem schöne» reichen Mädchen, als von seinen Elter», »nt sic nicht zu betrüben . . . nnd betrübt sich selbst! Das ist eine Sach, wofür ihn jede jüdische Mutter aus den Händen tragen sollt!" „Ich möcht nur wissen", sagte Schalem »ach einer Weile tiefer Ergriffenheit, „warum der Doktor sich nicht verheiraten will? Könnt zehntausend und zwanzigtanstnd nnd »och mehr bcköntmcn nnd bleibt ledig. Wie versteht man das?" . „Das wissen wir Weiber besser wie du", entgcgnetc Mindel mit säst geheimnisvollem Tone. „Wärt»»? Er nimmt vielleicht deine Tochter nicht und bare zehiitansend Gulden dazu?" rief lachend der Ehemann. „Und wenn d» ihm eine Million anszählst,, auch nicht!" versetzte Mindel ebenso geheimnisvoll, „unsere Tochter nimmt er nicht, aber auch keine andere." „Tamit bist du getröstet", meinte Schalem, „alle Weiber gleiche» sich doch auf ein Haar. Krieg ich ihn nicht, denke» sic, so soll ihn auch keine andere bekommen. Ta drin steckt die ganze Weisheit von so einem Wciberkopf. Meinst du, wenn man mit ihm ein gut Wörtel redet, er wird mit hem Kops schütteln?" ' „Steck du mir den Finger in de» Mund, wie einem Kind, ob es beiße» kann", sagte Mindel bitterböse, „cs istgenug geredt worden." „Also doch?" lachte ücholepi. ^Stets verschweige» die Weiber, wenn man z» ihnen neiifffagt; dagegen hänge» sie sich die große Trommel ^um, wenn sic nur auf tausend, Schritte weit cs einem ansehen, daß er ja sage» wird." „Geh, geh", meinte Mindel verdrießlich, „hörl inan dich reden, so weiß man nicht, daß dir eine ztvanzigjährigc Tochterim Hause herumgeht." „Sorgst du nicht vielleicht, wie du für sie-und ihre zchntansend Gulden einen Mann bekommst?" rief Schalem lustig.- „Ich tvüßt dir einen,, und. der greift zu mit beiden Händen. Wen» du zum Fenster hinausgiickst, so hast du ihn gerade vor dir stehen." „Tu meinst doch nicht Trenderl ,-chlosscr?" rief Mindel entsetzt. ‘ - „Narr, wen denn?" entgegnete Scholem, dem in, der Heiicrfeit seiner Seele alleö Schlaf'vergangen Ivar. „Ein schöner Jutta ist er. WaS fehlt ihm? Und hast du etwa» anSzusetzc» an ihm? Ein Indenkind ist er »nd von de» Schlechten und Flausenmachern einer, wo nichts hinten und nichts vorn steckt, ist ft glich nicht.